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Schule : Berlin braucht 1000 neue Grundschullehrer - hat aber nur 175

Der Senat in Berlin hat es versäumt, von den Universitäten eine größere Zahl von Studienplätzen für spätere Grundschullehrer zu verlangen. Die fehlen jetzt.

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Lehrerinnen und Lehrer sind gefragt.
Lehrerinnen und Lehrer sind gefragt.Foto: dpa

In Berlin verschärft sich dieses Jahr der Mangel an Grundschulpädagogen massiv. Knapp 1000 für das Jahr 2016 zu besetzenden Stellen stehen nur 175 vollständig ausgebildete Referendare gegenüber. Dies teilte die Bildungsverwaltung auf Anfrage mit. Die Grünen werfen Bildungs- und Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) vor, den Mangel verursacht zu haben.

„Der Bedarf war aufgrund der Pensionierungswelle vorhersehbar. Darum hätte Scheeres in den Hochschulverträgen Quoten für die Ausbildung von Grundschullehrern festlegen müssen“, sagte die grüne Hochschulpolitikerin Anja Schillhaneck dem Tagesspiegel am Sonntag. Stattdessen habe es Scheeres den Universitäten überlassen, über die Kapazitäten zu entscheiden. Dies habe zu der jetzigen Mangelsituation geführt. Tatsächlich ist in den Hochschulverträgen nur die Gesamtzahl der Lehramtsstudienplätze festgeschrieben und nicht ihre Verteilung auf die Schularten.

Im Wintersemester 2015/16 standen 2150 Studienplätzen für das Lehramt an Sekundarschulen und Gymnasien nur 280 für Grundschullehrer gegenüber. In den Vorjahren war das Missverhältnis noch größer. So wurden an der HU nur 60Grundschullehrerplätze angeboten und stets rund 1500 Bewerber abgewiesen. Bekannt ist das erst seit einer parlamentarischen Anfrage Schillhanecks. Zwar wurden die Kapazitäten inzwischen leicht aufgestockt. Das Missverhältnis zwischen Grund- und Oberschulen blieb aber. Die HU sei „erst im Oktober 2015 über das erhebliche Defizit bei den Grundschullehrkräften informiert“ worden, teilte Studienleiter Steffan Baron mit.

Verträge mit den Hochschulen sollen nachverhandelt werden

Angesichts des offenkundigen Mangels werden die Hochschulverträge, die bis 2017 gelten sollten, nachverhandelt. Die HU bestätigte, dass über eine Verdopplung der Plätze im Bachelor- und Masterstudium der Grundschullehrer von 130 auf 260 gesprochen werde. Die FU teilte mit, dass sie bereits auf 150 Plätze „verdoppelt“ habe. Da auch dies nicht reicht, kündigte Wissenschafts-Staatssekretär Steffen Krach (SPD) im Gespräch mit dem Tagesspiegel an, ab 2018 eine „deutlich höhere“ Zahl an Lehramtsstudienplätzen vertraglich festzuschreiben. Zudem sollen erstmals die Kapazitäten für die einzelnen Lehrämter benannt werden. Bis die Schulen davon profitieren, werden aber rund sieben Jahre vergehen – so lange dauert die Ausbildung.

Aufgrund der Mangelsituation bleibt Berlin auf Lehrer aus anderen Bundesländern angewiesen. Aber auch dort ist die Nachfrage wegen der vielen Flüchtlingskinder gestiegen, so dass die Bildungsverwaltung mit weniger Bewerbern als in den Vorjahren rechnet. Berlin braucht außerdem rund 260 Lehrer für Gymnasien, 550 für Sekundarschulen und 60 für Förderschulen. In diesen Schulformen dürfte es keine Probleme mit der Besetzung geben.

Alarmiert ist die Bildungsverwaltung über die schwachen Ergebnisse bei der zweiten Runde der Schulinspektionen: Von den bisher untersuchten 530 Schulen sind sieben Prozent durchgefallen. Beim ersten Durchgang waren es fünf Prozent. Sechs Schulen haben es selbst im zweiten Anlauf nicht geschafft. Inzwischen gibt es dem Vernehmen nach sogar Schulen, die erstmal nicht mehr nachinspiziert und gecoacht werden, weil sie angeblich keine Bereitschaft zeigen, sich grundlegend umzustellen.

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