Schule in Berlin : Wenn Erfolg verordnet wird, scheitern die Schüler eben später

Der Senat ist offenbar krampfhaft bemüht, die neu gestartete Sekundarschule via Abschlussquoten zum Erfolgsmodell puschen zu wollen. Viele Lehrer fühlen sich an DDR-Zeiten erinnert, als Erfolgsquoten vorab festgeschrieben wurden.

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Gymnasiasten, die keinen geraden Satz zu Papier bringen können, Sekundarschüler, die an den Grundrechenarten scheitern: Den Berliner Lehrern ist nichts fremd, wenn es um die Untiefen des Schülerniveaus geht. Aber sie müssen diese Klientel begleiten und zu Abschlüssen führen. Irgendwie.

Wie dieses „irgendwie“ beschaffen ist, lässt sich aktuell bei den Verrenkungen betrachten, die rund um die Abschlussprüfungen aufgeführt werden. Der Senat tut alles, um auch den schwächsten Schülern den Weg zu einem Mittleren Schulabschluss oder zumindest einer Berufsbildungsreife zu ebnen.

Erfolgsquoten werden vorher festgeschrieben

Da werden die Zugangsvoraussetzungen heruntergesetzt, da jagt eine Nachprüfung die andere, um bloß keinen Schüler ohne ein Zertifikat ins Leben zu entlassen. Das ist ebenso rührend wie armselig. Rührend, weil keiner auf der Strecke bleiben soll. Armselig, weil mit Potemkinschen Dörfern, die falsche Erwartungen wecken, niemandem gedient ist: weder den Schülern noch den Arbeitgebern, die spätestens bei ihren hauseigenen Aufnahmetests feststellen, dass nichts dahintersteckt.

Der Senat ist offenbar krampfhaft bemüht, die neu gestartete Sekundarschule via Abschlussquoten zum Erfolgsmodell puschen zu wollen. Nach dem Motto: Wenn weniger Zehntklässler durchfallen als zuzeiten der Hauptschule, ist der Beweis erbracht, dass die Reform gut war. Nicht wenige Lehrer aus dem Ostteil der Stadt fühlen sich an DDR-Zeiten erinnert, als Erfolgsquoten vorab festgeschrieben wurden.

Dabei ist so viel Kleinmut gar nicht nötig. Jede Reform braucht Zeit, erst recht im Bildungswesen. Die Sekundarschulen werden ein paar Jahre brauchen, um sich zu stabilisieren und ihren Weg zu finden. Das gilt besonders für all die Haupt- und Realschulen, die durch komplizierte Fusionen aus den Fugen geraten sind. Sie müssen neue Wege finden, um ihre schwierigen Schüler aufzufangen und zu fördern, müssen das richtige Gleichgewicht zwischen Sozialarbeit, Berufsorientierung und ganz banalem Büffeln der Grundfertigkeiten ausloten.

Wie kriegt man Lehrer an Brennpunktschulen?

Was diese Schulen umtreibt, ist vor allem die Frage, wo sie die passenden Lehrer für ihre Herkulesaufgabe im Brennpunkt finden. Die Bildungssenatorin ist noch immer die Antwort auf die Frage schuldig geblieben, welche Vergünstigungen sie jenen Lehrern und Schulleitern bietet, die freiwillig an Brennpunktschulen gehen wollen. Ohne genügend Lehrer kämpfen diese Schulen aber auf verlorenem Posten.

Die andere Frage betrifft die mangelhafte Schülermischung: Solange ein Großteil der mittelmäßigen Schüler an Gymnasien unterkommen kann, bleiben vielen Sekundarschulen zu wenig Schüler oberhalb des alten Hauptschulniveaus übrig. Die Bildungsverwaltung sollte deshalb eine Diskussion anstoßen, die auf die Umwidmung schwacher Gymnasien zu Sekundarschulen zusteuert. Das würde es den verbleibenden Gymnasien auch ganz nebenbei erleichtern, den Abiturstoff in nur zwölf Jahren zu bewältigen.

Und schließlich sollte sich die Stadt nicht in die Tasche lügen: Weite Teile Berlins sind fest in Hartz-IV-Hand. Ganze Schulen sind ohne Eltern mit geregeltem Einkommen. Ein Drittel der Berliner Erstklässler kann kaum Deutsch und ist durch bildungsferne Familien von Anfang an benachteiligt. Wer aus dieser Klientel ausbildungsreife Jugendliche machen will, muss mit Ausfällen rechnen. Es gibt keinen Abschluss für alle. Es sei denn, man baute weiterhin Potemkinsche Dörfer.

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