Anfrage zu Berliner Privatschulen : Kaum arme Schüler an bessergestellten freien Schulen

Am 17. September ist Tag der freien Schulen. Deren Vielfalt nimmt zu, aber für die SPD bleiben sie heikles Terrain. Neue Zahlen stützen die Kritiker.

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Eine von 126 freien Schulen Berlins ist die selbstverwaltete Freie Schule Kreuzberg. Sie lädt am 14. Oktober, 14-17 Uhr, zum Tag der offenen Tür (hier ein Archivbild).
Eine von 126 freien Schulen Berlins ist die selbstverwaltete Freie Schule Kreuzberg. Sie lädt am 14. Oktober, 14-17 Uhr, zum Tag...Foto: Mike Wolff

Darf ein sozialdemokratischer Politiker sein Kind an eine Privatschule schicken? Diese heikle Frage war es, die den freien Schulen in den vergangenen Tagen deutschlandweit einige Aufmerksamkeit verschaffte. Anlass: Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), hat für ihren Sohn nach der vierten Klasse eine freie internationale Schule ausgesucht.

In Berlin ist die Frage von besonderer Brisanz, denn hier hat die SPD-Linke im Bildungsbereich das Sagen: Freie Schulen werden mehr geduldet als gefördert, weil sie vor allem als Gefahr für die soziale Mischung wahrgenommen werden. Eine brandneue Antwort auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck, die dem Tagesspiegel vorliegt, gibt dieser Sicht Auftrieb: Demnach liegt die Quote der lernmittelbefreiten Kinder (lmb-Quote) in den 77 bessergestellten der 126 freien Schulen bei nur 3,7 Prozent und somit weit unter den öffentlichen Quoten.

"Da ist eine Parallelgesellschaft entstanden"

"Diese Privatschulen verstoßen krass gegen das Sonderungsverbot des Grundgesetzes. Sie schotten sich als exklusive Clubs ab, da ist so etwas wie eine Parallelgesellschaft entstanden," wettert Langenbrinck. Arme Schüler dürften "nicht vom Besuch einer Privatschule ausgeschlossen sein." Allerdings fragte der Bildungspolitiker nicht nach den lmb-Quoten der bessergestellten staatlichen Schulen, sodass ein direkter Vergleich nicht möglich ist. Bekannt ist nur, dass die staatlichen Schulen im Schnitt eine lmb-Quote von knapp 35 Prozent haben.

Hier lesen Sie Langenbrincks Anfrage zu den freien Schulen.

Die Aversion der linken Berliner Sozialdemokratie gegen die freien Schulen geht so weit, dass sie den freien Brennpunktschulen, die es eben auch gibt, sogar die Teilhabe am Bonusprogramm verwehren wollte. Schließlich sprach SPD-Fraktionschef Raed Saleh ein Machtwort: „Es geht uns nicht um die Schulform, sondern um die Kinder.“ Wenn in einer freien Schule mehr als die Hälfte der Kinder aus armen Familien kämen, „gelten hier unsere Maßstäbe“. Und ein Maßstab sei, dass es einen „Aufstieg für alle“ geben müsse.

Zahl der Privatschüler hat sich verdoppelt

Der Streit um das Brennpunktprogramm war allerdings nicht nur bezüglich der SPD-Reaktion erhellend, sondern offenbarte auch, womit keine Fraktion im Abgeordnetenhaus gerechnet hatte: Dass es überhaupt Privatschulen mit über 50 Prozent Schülern aus Sozialtransferfamilien geben könnte.

Tatsächlich ist diese Entwicklung schon länger zu beobachten: Der freie Schulmarkt ist ständig in Bewegung – qualitativ und quantitativ. Zum einem ist es so, dass jedes Jahr weitere Schulen hinzukommen und sich die Zahl der Schüler an freien Schulen seit 2003/04 verdoppelt hat - die Quote liegt jetzt über zehn Prozent. Zum anderen wird die Ausrichtung der Schulen vielfältiger: Während früher die konfessionellen und die Waldorfschulen den Markt nahezu vollständig unter sich aufteilten, nahmen nach der Wende die international ausgerichteten Schulen stark an Bedeutung zu - allen voran die Berlin International School.

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Seit einigen Jahren aber gibt es immer mehr Träger, die sich der Förderung der Kinder aus benachteiligten Familien widmen: Zunächst waren es wiederum konfessionelle Träger, die sich auf diesem Feld betätigten, dann folgten weitere Akteure. So entstanden etwa die Quinoa- Schule in Wedding und die Freudbergschule in Wilmersdorf. Das Motiv dahinter: Die Erfahrung, dass zu viele öffentliche Brennpunktschulen kein guter Ort für Schüler sind: Hohe Schwänzer- und Abbrecherquoten, aggressive Schüler oder auch sozial-religiöser Druck unter muslimischen Schülern bei Einhaltung angeblicher Glaubensvorschriften.

Kaum internationale Angebote von staatlicher Seite

Und dann gibt es noch freie Schulen mit ganz speziellen Angeboten: Das können besondere Sprachen sein, die im jeweiligen Wohnbezirk nicht angeboten werden oder auch das Internationale Abitur. Das kann man nur an einer staatlichen Schule in Berlin ablegen, der hoffnungslos überlaufenen Nelson-Mandela-Schule. Wer dort kein Losglück hat, bleibt auf der Strecke; oder versucht das Schulgeld für eine Privatschule aufzubringen, wenn er kein Stipendium bekommt.

Die große Raum- und Personalnot an den öffentlichen Schulen bringt noch mehr Eltern dazu, über freie Schulen nachzudenken: Wenn sich selbst im sozialen Brennpunkt 28 Kinder in engen Räumen herumdrücken müssen und dazu noch die Herausforderungen der Inklusion und Sprachförderung kommen; wenn die Zahl der verhaltensauffälligen Kinder steigt, und der Senat hunderte Quereinsteiger unvorbereitet vor die Klassen stellt; wenn Eltern weite Wege fahren müssen, weil die öffentlichen Schulen ringsherum voll sind, fühlen sich auch ganz normale Eltern nicht mehr unbedingt vom staatlichen Schulwesen angesprochen.

Bei Manuela Schwesig war es angeblich die Wohnortnähe, die den Ausschlag für die Wahl der freien Schule gab.

"Mein Kind kommt auf die Schule im Einzugsgebiet – Punkt"

In der Berliner SPD käme sie mit diesem Argument wohl kaum durch. Angesprochen auf die Schulwahl der Schweriner Parteifreundin sagt die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus Maja Lasic zwar, dass „die freien Schulen einen wichtigen Beitrag für unsere Stadt leisten“. Aber sie fügt hinzu: „Für mich gilt dennoch: Mein Kind kommt in zwei Jahren auf die Schule in unserem Einzugsgebiet – Punkt. Nicht nur, weil die Bevölkerung es als eine Bewertung der öffentlichen Schulen versteht, wenn sich Politiker für freie Schulen entscheiden. Sondern vor allem, weil ich überzeugt bin, dass die öffentlichen Schulen einen guten Einstieg in unsere Gesellschaft bieten“. Die „prägendste Erfahrung“ ihrer Kindheit sei gewesen, so Lasic weiter, dass sie in ihrer Klasse Kinder aus allen sozialen Schichten und mit unterschiedlichem Bildungshintergrund hatte. Das wünsche sie sich auch für ihren eigenen Sohn.

Befürworter der freien Schulen würden darauf vielleicht antworten, dass es Gegenden gibt, in denen die öffentlichen Schulen sozial viel weniger gemischt sind als etliche freie Schulen.

Wer mag, kann dies beim Tag der freien Schulen erleben oder auch den Standpunkt von Lasic und den anderen Bildungspolitikern bei der Diskussion am 17. September kennenlernen. Mehr Infos:

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