Datenschutz für Schüler : Lesen, Schreiben, Rechnen – Surfen

Das Internet ist für Schüler längst zur vierten Kulturtechnik geworden. Im Unterricht wird das aber noch zu wenig vermittelt, bemängeln Experten. Und auch beim Datenschutz gibt es Defizite.

Sebastian Meyer
Viele Schüler verbringen eine Menge Zeit vor dem Computer.
Viele Schüler verbringen eine Menge Zeit vor dem Computer.Foto: dpa

Thomas Floß ist gut vorbereitet, als er vor die Schüler tritt. Er kramt ein paar Blätter aus seiner Aktentasche und beginnt mit seiner Schocktherapie. Ein Mädchen habe ja ein hübsches Tattoo auf ihrem Bauch. Und ein Junge hat auf der Klassenfahrt offensichtlich ordentlich gekifft. Zumindest legen das die Fotos mit der trichterförmigen Zigarette vorm Gesicht sowie ein weiteres Bild mit einer Plastiktüte voller Gras, die auf dem Profil bei StudiVZ eingestellt sind, nahe.

Thomas Floß könnte nun sagen, wer auf den Fotos zu sehen ist. Wie die Jugendlichen heißen, wie alt sie sind, wo sie wohnen. Aber er tut es nicht. Er wedelt nur mit den Blättern und Fotos herum. Das reicht. Die Schüler fühlen sich ertappt. Und langsam dämmert ihnen: Was Thomas Floß in diversen sozialen Netzwerken über sie herausgefunden hat, können andere auch.

Seit fünf Jahren tourt Floß mit dem vom Bundesverband der Datenschützer (BdV) initiierten Projekt „Datenschutz geht zur Schule“ ehrenamtlich durch die Klassenzimmer der Republik. Diesmal sind es Schüler der John-Lennon-Schule in Berlin-Mitte, die ihm und sieben weiteren Kollegen zuhören. Es geht um den verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Daten, um sichere Passwörter, Cybermobbing und Webcam-Spione.

Für Jugendliche ist der Klick ins Internet heute eine Selbstverständlichkeit. Laut einer Studie des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) sind 98 Prozent der zehn- bis 18-Jährigen regelmäßig online. Doch beim Thema Datenschutz gibt es Nachholbedarf. So hat nur jeder zweite Nutzer eines sozialen Netzwerkes an den Datenschutzeinstellungen schon mal etwas geändert, heißt es in der Studie. Doch was, wenn ein potenzieller Arbeitgeber sich im Internet schlau macht? Oder ein Stalker? Oder, noch schlimmer, ein Pädophiler? Auch mit solchen Fällen hat Thomas Floß schon zu tun gehabt. Als er vor zwei Jahren eine Schulklasse in Ostwestfalen besuchte, erzählte ihm eine Schülerin, dass die Kontrolllampe ihrer Webcam auch dann leuchtet, wenn sie ihre Internetkamera gar nicht eingeschaltet hat. Floß untersuchte den Rechner – und fand heraus, dass ein Hacker ihn mit einem Trojaner infiziert hatte, der ihm den Zugriff auf die Webcam ermöglichte. Als die Polizei bei dem Mann auftauchte, liefen auf seinen Computern 150 Videos aus fremden Kinderzimmern gleichzeitig. Ausgangspunkt der Attacke war ein Jugendlicher, der ein zu einfaches Passwort für ein Chatprogramm gewählt hatte.

Auch darüber sprechen Thomas Floß und seine Kollegen. „Wie lang sind eigentlich eure Passwörter?“, fragt Frank Spaeing, der beim BvD für Berlin, Brandenburg und SachsenAnhalt zuständig ist. „Wer hat sechs, sieben oder acht Zeichen?“ Rund die Hälfte der Schüler hebt den Arm. „Viel zu kurz“, sagt Spaeing. In neun Minuten könne man dies mit einem entsprechenden Programm knacken. Bei Passwörtern gelte die Maxime: „Je komplizierter, desto besser“, so Spaeing. Man könne etwa einen Merksatz nehmen: „Ich bin Fan des 1.FC Nürnberg und bei allen Heimspielen dabei.“ Dann könne man ein Sonderzeichen hinzufügen und den Satz mit einer Jahreszahl umklammern. „19(IbFd1FCNubaHd!)85“ wäre also ein ziemlich sicheres Passwort. Und damit man sich nicht so viele verschiedene Merksätze einprägen muss, könne man für jede Anwendung einen Buchstaben hinzufügen, für Facebook etwa ein f.

Die Schüler hören interessiert zu. Von ihren Lehrern bekommen sie solche Tipps eher selten. Zwar gibt es an einzelnen Schulen Projekttage zum Datenschutz. Zudem sieht der Rahmenlehrplan für Grund- und Oberschulen in Berlin und Brandenburg den Umgang mit Medien ausdrücklich vor. Doch systematisch vertieft wird das Thema nur in Fächern wie Informatik und politischer Bildung – und die belegen nicht alle Schüler.

„Datenschutz und der sachgerechte, kreative und verantwortungsvolle Umgang mit Medien sind im System Schule noch nicht verbindlich und flächendeckend integriert“, stellt Michael Retzlaff vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (Lisum) fest. Letztlich bleibe es den Schulen und Lehrern überlassen, wie stark sie sich mit dem Thema befassen. Er unterstützt deshalb die Forderung des Berufsverbands der Datenschutzbeauftragten, den Datenschutz stärker in die Lehrpläne aufzunehmen. Nötig sei ein radikales Umdenken, sagt Retzlaff. Man müsse nicht nur auf die Gefahren des Internets eingehen – sondern auch die Chancen und Potentiale aufgreifen. „Der kompetente Umgang mit Medien ist in einer Mediengesellschaft neben lesen, rechnen und schreiben eine vierte Kulturtechnik.“ Dazu müsse man auch die Erfahrungen und Kompetenzen der Schüler stärker einbinden. Von denen können viele Lehrer schließlich einiges lernen.

„Wir haben in der 200-jährigen Geschichte des preußischen Bildungssystems zum ersten Mal die Situation, dass die Schüler den Lehrern in einem Bereich weit voraus sind“, sagt auch der Leiter des John-Lennon-Gymnasiums. In Rheinland-Pfalz werden bereits seit vier Jahren ältere Schüler zu Medienscouts ausgebildet. Sie helfen jüngeren Schülern, sich verantwortungsbewusst im Internet zu bewegen und mit den Lehrern Medien im Unterricht sinnvoll einzusetzen.

Nach 90 Minuten Vortrag packt der Ehrenamtler Frank Spaeing zusammen. Am nächsten Tag wird er wieder als IT-Sachverständiger sein Geld verdienen. Auch Erwachsene haben schließlich Probleme mit dem Internet.

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