Diskussion um Gewaltvideo : Medienwissenschaftler: „Manche Taten werden extra inszeniert“

Langeweile, Machtgefühl, Gruppenzwang: Medienwissenschaftler Olaf Selg erklärt, warum Jugendliche Gewaltvideos verbreiten und wo sie Hilfe finden.

Olaf Selg, 48, ist Medienwissenschaftler und Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft Kindheit, Jugend und neue Medien (AKJM).
Olaf Selg, 48, ist Medienwissenschaftler und Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft Kindheit, Jugend und neue Medien (AKJM).Foto: Promo

Herr Selg, ein Video von zwei Mädchen, die in Kreuzberg ein anderes verprügeln, wird viel diskutiert. Es kursiert in sozialen Netzwerken. Wie verbreitet sind solche Videos unter Jugendlichen?

Laut Umfragen kommen sehr viele Jugendliche damit in Berührung. Teilweise werden diese Filme an ganze Gruppen in den Netzwerken verschickt, unabhängig davon, ob Einzelne sich dafür interessieren oder nicht.

Stachelt die Möglichkeit, Gewaltvideos zu publizieren, Jugendliche zusätzlich an? 

Die Möglichkeit, Gewalttaten aufzuzeichnen und über das Internet zu publizieren, kann einen zusätzlichen Tatimpuls darstellen. Aber man muss sehr genau unterscheiden zwischen einer Tat mit realen Tätern und Opfern und ihrer medialen Verbreitung. Auf der einen Seite gibt es Gewalttaten, die extra inszeniert werden, um sie aufzuzeichnen. Das Ziel ist die Demonstration von Macht und Stärke. Auf der anderen Seite sind aber oft einfach Langeweile oder Voyeurismus Auslöser dafür, dass Jugendliche Videos von Gewalttaten in sozialen Netzwerken teilen.

Welche Bedürfnisse erfüllen sich Jugendliche, indem sie solche Videos teilen?

Jugendliche erfahren eine Aufwertung ihres Status, wenn sie die Videos verbreiten. Dabei ist die Verbreitung unabhängig von einer etwaigen Zustimmung zu der Tat. Es gibt einfach einen enormen Gruppenzwang, sich an der Verbreitung solcher Gewaltvideos zu beteiligen.

Wo können Jugendliche Hilfe finden?

Es gibt Hilfsplattformen, bei denen teilweise ältere Jugendliche für andere Jugendliche beratend tätig sind, so zum Beispiel juuuport.de oder handysektor.de. Diese Plattformen sind jugendsprachlich verfasst und ermöglichen den Nutzern anonyme Anfragen. In diesen Foren finden Opfer von Cyber-Mobbing Hilfe, aber auch diejenigen, die mit solchen Videos Probleme haben.

Reicht das aus?

Nicht in jedem Fall. Wenn es sich um eine Straftat handelt, müssen die Behörden hinzugezogen werden. Es sollte auch in der öffentlichen Diskussion klarer herausgestellt werden, dass Handlungen wie zum Beispiel Cyber-Mobbing einen Straftatbestand erfüllen können.

Die Fragen stellte Susanne Grautmann.

Olaf Selg, 48, ist Medienwissenschaftler und Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft Kindheit, Jugend und neue Medien (AKJM).