Inklusion in Italien : „Heute kann es sich keiner mehr anders vorstellen“

Behinderte und nicht behinderte Kinder werden in Italien schon seit 35 Jahren gemeinsam unterrichtet.

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Rom - Die fünften Klassen im Schulzentrum Ghandi spielen Volleyball. Mitten im Getümmel: zwei schweigsame Jungs. Drei und fünf Jahre älter als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sind sie und ragen körperlich weit über diese hinaus. Niccolò und Marco lassen sich mal den Ball in die Hand drücken oder von anderen dahin drehen, wo das Spiel gerade spannend wird; zwischendurch setzen sie sich hin, ziellos durch den Raum schauend oder den Blick zum Boden gerichtet.

Niccolò und Marco sind geistig schwer behindert, sie sind Autisten. „Dass sie es in diesem Durcheinander überhaupt eine Schulstunde lang aushalten, nicht brüllen, nicht schlagen und auch nicht davonlaufen, ist die Frucht von zwei Jahren harter Arbeit“, sagt Stefania Vannucchi. In der toskanischen Textilstadt Prato ist sie verantwortlich für ein Integrationsprojekt, das nach dem italienischen Schulgesetz die Regel und zugleich ein nicht vorgesehener Spezialfall ist. Eine Sonderschule innerhalb einer Regelschule? Nein, von einer solchen Trennung will Vannucchi nichts wissen. Sonderschulen gibt es in Italien seit 35 Jahren nicht mehr; 99 Prozent aller Behinderten besuchen normale Schulen. In Deutschland sind es – nach einer OECD-Statistik – gerade mal zehn Prozent.

Eine Art „Kompetenzzentrum“ ist in Prato dennoch entstanden. Hierher, sagt Vannucchi, kommen „die schwierigsten Fälle“. „Joel mussten wir mit fünf Leuten festhalten“, erzählt die Lehrerin. Heute, ein paar Monate später, puzzelt Joel – wenn er seine Auszeit braucht – still in einem eigenen Arbeitsraum, und das Einzige, wodurch er beim Sportunterricht auffällt, ist, dass er mit einem eigenen Ball durch die Halle läuft, weil er heute lieber Basket- als Volleyball spielen würde.

Die Hauptsache aber sei, sagt Vannucchi, dass die behinderten Kinder sich ganz selbstverständlich unter den 400 Kindern der Gandhi-Schule bewegen: „Sie werden vielleicht niemals lesen und schreiben lernen. Aber sie sitzen in den Klassen, sie spielen mit den anderen und lernen, sich im Alltag so autonom wie möglich zu bewegen.“ Natürlich, fügt die Lehrerin hinzu, könnte man „diese Autisten in Heime stecken. Aber dann ginge jeder Kontakt mit der Realität verloren.“

Als Italien 1977 vorschrieb, dass „im Rahmen der Schulpflicht der Unterricht in den normalen Klassen der öffentlichen Schulen stattfinden muss“, gab es noch nicht einmal ein Wort für „Behinderte“. Das Gesetz spricht nur von „Versehrten und Kriegsinvaliden“. Aber auch für sie sollte der Verfassungsgrundsatz der Chancengleichheit gelten. Es waren die Jahre einer grundlegenden progressiven Schulreform. Der Unterschied ist mit Händen zu greifen: Während Deutschland darüber diskutiert, ob und wie die UN-Konvention von 2009 ins Schulsystem einzuflicken sei, hat Italien die Behinderten von Anfang an in seinen großen Schul-Neubau aufgenommen. Das, sagt Vannucchi, „hat eine Mentalität geändert. Heute kann es sich keiner mehr anders vorstellen."

Einer der tragenden Pfeiler der italienischen Integrationspolitik ist auch deren größte Schwäche: die Unterstützungslehrer. Eine dieser Fachkräfte betreut im Durchschnitt zwei Schüler, Schwerstfälle erhalten einen eigenen „persönlichen Assistenten“. Dies hat nach Analyse aller Experten dazu geführt, dass die meisten Schulen die Integration auf diese Spezialkräfte abgewälzt haben, ohne am System selbst etwas zu ändern und die Schule als ganze behindertenfreundlich zu machen.

Hinzu kommt eine starke Fluktuation der Unterstützungslehrer: 43 Prozent der Grund- und Mittelschüler, so Professor Fiorin, müssen sich ein- oder mehrmals im Jahr auf neue Vertrauenspersonen umstellen. Hinzu kommen eine Zunahme an Verhaltensauffälligkeiten und Lernstörungen und der Anstieg ausländischer Schüler. Ein Umstand allerdings trübt Italiens Bild besonders: Die Ungewissheit darüber, was Behinderte selbst bei optimaler Förderung nach Ende der Schulpflicht erwartet. Ausgerechnet das pädagogische Vorreiterland bietet seinen Behinderten nämlich die wenigsten Arbeitsplätze in Europa. Paul Kreiner

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