Latein : Auf Caesars Spuren

Latein als Unterrichtsfach wird bei Schülern immer beliebter. Mit großem Interesse diskutieren sie über philosophische Fragen und entdecken die Wurzeln Europas - wie ein Beispiel aus Berlin zeigt.

Katja Gartz
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Für Schüler immer interessanter: Das Erbe Caesars. -Foto: ddp

Aus der Lateinklasse des Neuköllner Ernst-Abbe-Gymnasiums dringt lautes Stimmengewirr. Eine Schülergruppe lernt Vokabeln mit Hilfe kleiner Kärtchen, andere lösen lateinische Kreuzworträtsel oder üben mit Lernprogrammen am Computer. „Mich interessiert die Geschichte und die Entstehung Roms“, sagt Amir, der in der achten Klasse Latein als zweite Fremdsprache lernt. Aylin freut sich über ihre Grammatikfortschritte: „Endlich verstehe ich wie Wörter dekliniert werden.“ Sie sei durch Latein sicherer in Deutsch geworden und mache weniger Rechtschreibfehler.

Von 494 Schülern an dem Neuköllner Gymnasium lernen 314 Latein. Das Interesse wächst. „Wir machen gute Erfahrungen mit dem Fach“, sagt Schulleiterin Birgit Nicolas. Einen großen Nutzen hätten Schüler mit Migrationshintergrund, weil sie grammatikalische Grundlagen erlangen, die ihnen auch in anderen Sprachen helfen. Für die Fachleiterin ist der Lateinunterricht gleichzeitig eine Sprachförderung. „Man kann nichts umschreiben und lernt sich präzise auszudrücken“, sagt Barbara Stalinski. Jede Lateinstunde sei außerdem auch eine Deutschstunde: Lateinische Substantive werden in der deutschen Übersetzung mit Artikel gelernt, und bei der Übersetzung von Texten geht es auch immer um gute deutsche Formulierungen.

Lehrerin Stalinski führt die steigenden Schülerzahlen auf einen veränderten Unterricht zurück. Es gehe nicht mehr nur um Krieg und trockene Grammatik. Statt im Frontalunterricht wird in Gruppen- und Freiarbeit, mit Lernspielen und in Projekten gelernt. Neben dem Spracherwerb werden Mythologie, Geschichte, Demokratie und die Alltagswelt der „alten“ Römer behandelt. „Wesentlich sind die Inhalte: 2000 Jahre alt und immer noch aktuell“, sagt Stalinski.

So lernen die Schüler bei philosophischen Texten Epikurs nicht nur neue Vokabeln, sondern diskutieren über die Bedeutung von Glück. Die Schüler, die zum großen Teil aus türkischen Familien stammen, erfahren durch Latein viel über ihre eigene Kulturgeschichte. Schließlich waren Gebiete der heutigen Türkei ehemalige römische Provinzen.

Mit dem Ziel das Fach Latein auszubauen, strebt das Ernst-Abbe-Gymnasium ab Februar eine Kooperation mit der Humboldt-Universität an. Laut HU-Professor Stephan Kipf heißt Latein zu lernen, über Sprache nachzudenken und sich mit Literatur und Geschichte auseinanderzusetzen. Der Vorsitzende des Deutschen Altphilologenverbands bezeichnet es als „kulturelles Grundlagenfach“. Er verweist auf aktuelle Studien, nach denen Latein die Kommunikation in anderen Fremdsprachen fördert.

Das verstärkte Interesse an der alten Sprache führt Kipf ebenso auf einen veränderten Unterricht zurück. Den Grund für den Boom in Bayern, dort haben sich die Schülerzahlen seit 2001 verdreifacht, sieht er im veränderten Beginn der Fremdsprachen. Schüler, die in der dritten Klasse mit Englisch beginnen, könnten ab der fünften Klasse Latein parallel lernen und müssten sich nicht mehr zwischen beiden Sprachen entscheiden.

Eine zunehmende Nachfrage nach Latein verzeichnet auch das Waldoberschule in Westend, an dem Latein ab Klasse 7 Pflicht ist. Mit Beginn dieses Schuljahres wurden vier siebte Klassen eröffnet, sonst waren es nur drei. Unverändert groß ist das Interesse auch am Gymnasium Steglitz. Dort lernen alle Schüler sowohl Latein als auch Alt-Griechisch und müssen eine der Sprachen auch als Abiturprüfungsfach belegen.

Ebenfalls ab der fünften Klasse steht Latein im Schadow-Gymnasium auf dem Stundenplan. Seit Jahren ist die Nachfrage nach der Zehlendorfer Schule so groß, dass inzwischen pro Schuljahr anstatt einer zwei fünfte Klassen eröffnet werden. Um die rund 60 Plätze bewerben sich stets 110 bis 150 Schüler. „Latein wird häufig in Kauf genommen, um früher auf ein Gymnasium zu kommen“, gibt Direktor Harald Mier zu bedenken.

Um Latein geht es auch beim Tag der offenen Tür der Ernst-Abbe-Schule, Sonnenallee 79, am 31. Januar von 17-19 Uhr. Mit Theateraufführungen und Speisen nach römischen Rezepten knüpfen die Schüler an ihren Unterricht an. Informationen unter Tel. 68092423.

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