Lernmotivation : Von Natur aus neugierig

Manche Kinder verlieren in der Schule die Freude am Lernen – doch man kann sie wieder wecken. Um neue Erfolgserlebnisse zu schaffen sind vor allem Eltern und Lehrer gefragt.

von
Ast mit Armen. Diese Mädchen im Forscherhaus des Krefelder Zoos vergessen bestimmt nicht so schnell, wie eine Stabschrecke aussieht. Eltern, die ihren Kindern solche Anregungen bieten, machen schon mal vieles richtig.Foto: picture-alliance/dpa Foto: picture-alliance/ dpa
Ast mit Armen. Diese Mädchen im Forscherhaus des Krefelder Zoos vergessen bestimmt nicht so schnell, wie eine Stabschrecke...Foto: picture-alliance/ dpa

Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Kinder sind von Natur aus neugierig, stellen Fragen und wollen alles ausprobieren. Mit großer Beharrlichkeit bohren sie immer weiter, bis sie eine zufriedenstellende Antwort bekommen oder üben etwas so lange, bis sie es schließlich können. Diese innere Lernmotivation – Fachleute sagen auch intrinsisch – geht bei manchen Kindern allerdings in der Schule verloren. Dann sind Eltern und Lehrer gefragt: Die Freude am Lernen muss wieder geweckt werden.

„Bei vielen Kindern lässt schon in der Grundschulzeit in einzelnen Fächern die Lernmotivation nach“, sagt Christine Falk-Frühbrodt, Gründerin des Instituts für integratives Lernen und Weiterbildung (IFLW). „Das sind in der Regel die Fächer, in denen das intrinsische Interesse von Beginn an wenig ausgeprägt war und der Lernaufwand von Klassenarbeit zu Klassenarbeit steigt.“ Je größer die Wissenslücken in den betreffenden Fächern werden, desto unangenehmer ist der Gedanke an diese Lerninhalte. Die Folge können Vermeidungsverhalten und Angst sein.

Erfolge sind wichtig - aber auch das gute Vorbild durch die Eltern

Um das zu ändern, muss man allerdings nicht zu den Methoden der viel zitierten „Tigermutter“ Amy Chua greifen und den Kindern per Drill den fehlenden Stoff einpauken. Viel wichtiger: „Wenn der Spaß am Lernen abhanden gekommen ist, müssen dringend Erfolgserlebnisse her“, sagt Falk-Frühbrodt. Diese Erfolge müssten so deutlich sein, dass das Kind merke: Ich kann meine Ziele aus eigener Kraft erreichen.

In manchen Fällen können Eltern ihr Kind beim Lernen so gut unterstützen, dass sich Spaß und Erfolg einstellen, meint die Erziehungswissenschaftlerin. Komme es aber oft zum Streit und fehlten Geduld oder Zeit, seien qualifizierter Nachhilfeunterricht oder eine Lerntherapie die bessere Wahl.

Spaß und Erfolg – sie hängen eng zusammen. Doch Kinder müssen auch die Erfahrung machen, dass der Weg zum Ziel nicht immer leicht ist. Nur so lernen sie, schwierige Situationen zu meistern und für sich selbst Entscheidungen zu treffen. Um jedes Kind auf seinem jeweiligen Lernniveau abzuholen, arbeiten die meisten Schulen heute nach dem Prinzip der Binnendifferenzierung, erklärt Christine Falk-Frühbrodt. „Das bedeutet, dass nicht wie früher jedes Kind dieselben Aufgaben zur selben Zeit bearbeitet, sondern dass die Schüler an ihr Leistungsniveau angepasste Aufgaben erhalten und in ihrem eigenen Tempo fortschreiten können.“ Auf diese Weise könnten alle individuelle Lernerfolge erleben: die Langsamen, die Schnelleren und sogar die Hochbegabten.

Außerdem wichtig: klare Ziele. „Sie geben unserem Verhalten eine Richtung und damit einen Sinn“, sagt Falk-Frühbrodt. Kinder und Jugendliche, die keine klaren Ziele hätten, lebten eher im Hier und Jetzt und machten das, was ihnen heute ein gutes Gefühl gebe. „Doch wer auf ein attraktives Ziel zuarbeitet, kann aktuelle Bedürfnisse zugunsten späterer Vorteile zurückstellen.“ Oder anders gesagt: Wer sich heute für die Mathearbeit hinter den Schreibtisch klemmt, statt ins Kino zu gehen, kann nächste Woche vielleicht stolz eine „Zwei plus“ nach Hause tragen und sich zusammen mit Eltern und Lehrern darüber freuen – Einladung ins Kino als kleine Belohnung nicht ausgeschlossen.

Werte wie Selbstvertrauen oder Disziplin müssen vorgelebt werden

Wichtig sei auch, dass Eltern mit gutem Beispiel vorangingen, sagt Falk-Frühbrodt. Selbstvertrauen, Disziplin, Kritikfähigkeit, Durchsetzungsvermögen und die Bereitschaft, sich für eine Sache anzustrengen – all das müsse vorgelebt werden. Wenn sie ihre Eltern so erleben, können auch Kinder aus benachteiligten Familien den Sprung in ein erfolgreiches Lern- und Erwerbsleben schaffen, meint die Expertin.

Genau das Gegenteil bewirken Eltern, die ihrem Kind Vorhaltungen machen, selbst aber nicht bereit sind, sich für eine Sache ins Zeug zu legen. Warum sollte ich das lernen, denkt sich da der Filius, wenn Mama und Papa es auch nicht auf die Reihe kriegen? „Auch eine materielle Überversorgung kann dazu führen, dass ein Kind nie lernt, eigene berufliche Ziele zu entwickeln und konsequent zu verfolgen“, sagt Lerntherapeutin Falk-Frühbrodt. Strafen schadeten ebenfalls, weil sie Machtkämpfe heraufbeschwören.

Und noch eins muss der Nachwuchs lernen: Selbstständigkeit. „Wer sein Kind selten eigene Erfahrungen sammeln lässt, unnötig oft ,Nein‘ sagt und ihm Dinge abnimmt, die es selbst machen könnte, erzieht es zur Passivität“, warnt Falk-Frühbrodt. So erfahre das Kind nie, was es heiße, etwas selbstständig zu erarbeiten und dabei Erfolg zu haben. „Die Motivation, etwas Neues zu lernen, schwindet.“ Stattdessen gilt: Anregungen bieten, Neugier wecken und gemeinsam nach Antworten auf die vielen Fragen des Alltags suchen. Wer sein Kind von Anfang zu einem wissbegierigen Menschen erzieht, hat schon einmal eine wichtige Basis geschaffen.

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar