Muslime und Stolpersteine : Muslimische Schüler im Wedding erinnern an ermordete Juden

Weddinger Schüler engagieren sich für das Gedenken an eine jüdische Familie. Das ist nicht ganz einfach, denn der Israel-Palästina-Konflikt ist manchmal auch an der Schule zu spüren.

Vinzenz Greiner
Bestürzung. Schüler des Diesterweg-Gymnasiums bei der Stolpersteinverlegung.
Bestürzung. Schüler des Diesterweg-Gymnasiums bei der Stolpersteinverlegung.Foto: Bernd Surk

Die Geige klagt ihr jüdisches Trauerlied, während dumpfe Hammerschläge die golden glänzenden Quader in den Boden treiben. Gut 60 Schülerinnen und Schüler des Diesterweg-Gymnasiums stehen im Halbkreis um die elf Stolpersteine, die hier verlegt werden. Hier, das ist vor der Apotheke an der U-Bahn-Haltestelle Hansaplatz in der Bartningallee, in der sich traurige Geschichte ereignete, als dort noch die Lessingstraße vorbeiführte.

Die Schlesingers hatten einst in der Straße gewohnt. Eine angesehene jüdische Familie, der Vater war Schulleiter. „Eine Familie, die ihren Kindern hätte alles bieten können. Doch Adolf und seine Helfer ließen das nicht zu“, sagt Rabab Nassabaih ins Mikrophon.

Viele Kinder an dem Weddinger Gymnasium haben arabische Wurzeln

Die 15-Jährige erinnert mit ihrer Rede daran, wie am 9. Dezember 1942 die Schlesingers – die Eltern mitsamt ihrer neun Kinder – nach Ausschwitz abtransportiert wurden, wo sie den Tod fanden. „Ich trage keine Schuld, aber eine Verantwortung“, sagt Rabab.

Sie hat arabische Wurzeln – wie viele an ihrem Weddinger Gymnasium, das im Rahmen der Stolpersteininitiative Berlin-Mitte die Patenschaft für die Aktion übernommen hat. Gerade weil Araber in vielen Ländern verfolgt würden, könne sie das Schicksal der Juden nachempfinden. „Natürlich weiß ich, was in Palästina los ist“, sagt sie und spielt nervös an ihrem Redezettel. „Aber es geht ja um Menschenrechte.“

Der Palästina-Konflikt schwappt in die Schule hinein“, heißt es bei der Schulleitung. Das mündet bisweilen in einen „orientalischen Antisemitismus“, sagt Ulf Höpfner. Als Leiter des Bereichs Naturwissenschaften hat er abgesehen vom Exodus jüdischer Wissenschaftler im 20. Jahrhundert im Unterricht wenig mit der jüdischen Geschichte zu tun. Aber abseits der Klassenräume treffe er nicht selten auf negative Vormeinungen gegenüber Juden, die bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund manchmal stärker seien als bei jenen ohne.

"Sie sind ja ein Judenfreund!"

„An einem Wandertag hat eine palästinensische Schülerin in einer Diskussion über den Nahost-Konflikt irgendwann entsetzt gesagt: ’Herr Höpfner, Sie sind ja ein Judenfreund’“, sagt der Mathe- und Physiklehrer. Es sind scheinbar selbstverständliche Vorstellungen, die mit Unwissen korrelieren.

„Es ist bestürzend, wie wenig die Schüler über den Holocaust wissen“, sagt Geschichts- und Ethiklehrer Rainer Kühne, der die Stolpersteinverlegung organisiert hat. Das größte Problem sei es, dass die Diskussion um den Genozid an den Juden schnell in Richtung Nahostkonflikt kippen könne. „Und dann geht es hoch her“, sagt Rainer Kühne. Um das zu verhindern, hält er für die zehnten Klassen eine vierteilige Holocaust-Vorlesung, die er als das Gegenteil vom Schulbetrieb bezeichnet.

„Unterricht über den Holocaust ist das Schwerste vom Schweren. Denn man muss an das Herz gehen“, sagt der 62-jährige Pädagoge. Wenn das gelinge, so Kühne, seien die Kinder bestürzt.

An diesem Montag am Hansaplatz ist dies gelungen.

2 Kommentare

Neuester Kommentar