Sprachwahl in der Grundschule : Französisch wird zur Chefsache

Die Sprache des westlichen Nachbarn wird an immer weniger Grundschulen angeboten. Jetzt will Bildungs-Staatssekretär Rackles gegensteuern.

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Französisch auf Rädern. Sprachwerbung mit dem France Mobil.
Französisch auf Rädern. Sprachwerbung mit dem France Mobil.Foto: Irene Pfefferle

Die Franzosen haben es schwer in Berlin. Immer weniger Eltern wünschen für ihre Kinder Französisch als erste Fremdsprache, und jetzt droht mit Spandau sogar der erste Westbezirk zur rein englischen Grundschulzone zu werden. Aber Rettung ist in Sicht: Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) will den Niedergang stoppen und die Schulen stärker als bisher darin unterstützen, ihre Französischprofile zu bewahren. Ende August beginnen bezirksübergreifende Gesprächsrunden mit dem einzigen Ziel, das Französischangebot zu konsolidieren.

Nur 2,3 Prozent der Schüler wählen in der Grundschule Französisch. Das entsprach im vergangenen Schuljahr knapp 1300 Kindern in den Klassen 3 und 4, denen 54 000 Englischlerner gegenüberstehen. Zwei Bezirke, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick, sind schon länger aus der Französisch-Landkarte verschwunden, was wohl auch mit einer fehlenden Tradition zusammenhängt: Zu DDR-Zeiten spielte Russisch die Hauptrolle und es war für die Lehrer ungleich schwerer, in Frankreich Kontakte zu knüpfen, die beispielsweise Schulpartnerschaften erleichtern. Deshalb gibt es im Ostteil weniger Grundschullehrerinnen, die bereit sind, sich der Übermacht des Englischen entgegenzustemmen.

Und das wird seit der Grundschulreform ohnehin immer schwieriger: Solange man die erste Fremdsprache ab Klasse 5 lernte und die zweite ab Klasse 7, hatten Eltern das Gefühl, dass ihr Kind den Rückstand im Englischen noch irgendwie kompensieren konnte.

Das ist anders geworden, seitdem die erste Fremdsprache ab Klasse 3 gelernt werden muss: „Es schreckt Eltern ab, dass dann vier Jahre vergehen müssen, bevor ihr Kind Englisch hinzubekommt“, beschreibt eine Pankower Lehrerin die Folge der Reform von 2005.

Elke Philipp vom Verband der Französischlehrer hat diese Erfahrung ebenfalls gemacht. Immer wieder bekommt sie Mails oder Briefe von enttäuschten Kollegen, die an ihren Schulen nicht mehr genug Familien davon überzeugen können, mit Französisch früh zu starten.

Der größte Schock bestand aber jetzt darin, dass auch in Spandau die Nachfrage zusammenbrach: Von ehemals fünf Schulen blieb dieses Jahr nur die Zeppelin-Grundschule übrig, die – mit Mühe – genug Schüler gehabt hätte, um eine Genehmigung für eine Französischklasse zu bekommen. Aber auch sie tritt nicht an: „Die Eltern waren wahnsinnig enttäuscht, aber es hat keinen Sinn, mit so wenig Kindern anzutreten, weil es dann zu schwierig ist, die Sprache in der Sekundarschule weiterzuführen“, begründet Rektorin Regina Ozdoba ihre Entscheidung. Tatsächlich kann es eng werden für Kinder, die nach der Grundschule nicht auf das Gymnasium wechseln, denn in manchen Bezirken gibt es keine Sekundarschule, in der man Französisch als erste Fremdsprache weiterführen kann.

Insgesamt hat diese Gemengelage dazu geführt, dass die Zahl der öffentlichen Grundschulen, die aktuell Französisch ab Klasse 3 anbieten, seit 2007 um rund 20 Prozent von 51 auf 42 gesunken ist.

„Es ist ein Teufelskreis“, beklagt denn auch eine frustrierte Lehrerin aus Spandau: „Je weniger Grundschüler Französisch wählen, desto weniger Sekundarschulen können es anbieten, und je weniger Sekundarschulen es anbieten, desto weniger Eltern haben den Mut, ihr Kind an der Grundschule mit Französisch beginnen zu lassen.“ Schließlich weiß niemand mit Sicherheit bei Drittklässlern, ob sie nach Klasse 6 den Sprung auf die Gymnasien mit ihren vielen Französischangeboten schaffen können.

Angesichts der Schwierigkeiten des Französischen, das zudem noch unter der Konkurrenz des Spanischen in der Oberschule leidet, hat Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) jetzt den Startschuss für eine Gegenbewegung verkündet. Anstatt sich auf das „France mobil“ des Institut francais zu verlassen – ein buntes Fahrzeug, das in den Grundschulen für Französisch Werbung macht –, will die Bildungsverwaltung jetzt mit den Grundschulen und dem Französischlehrerverband an einen Tisch und in den „Erfahrungsaustausch treten“. Als ersten Schritt wird es im August und September drei Gesprächsrunden mit jeweils vier Bezirken geben, die erörtern, wie die vorhandenen Angebote „verstetigt“ werden können. Dabei dürfte auch ein Phänomen eine Rolle spielen, das in einigen Brennpunktbezirken beobachtet wird. Es gibt nämlich durchaus Gegenden, wo Französisch boomt: „Viele Eltern wählen Französisch für ihr Kind, weil es dann mehr Bildungsbürger in der Klasse hat“, erzählt eine Kreuzberger Mutter. Da Französisch als „schwer“ gelte, würden bildungsferne Familien und Migranten einen Bogen darum machen. „Das hat sich herumgesprochen.“ Aber um dem Englischen ernsthaft Konkurrenz zu machen, reiche dieser Trend natürlich nicht aus.

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