Tag der Freien Schulen : Die ersten Hausaufgaben machen meist die Eltern

Allein acht Freie Schulen wurden in Berlin im August neu eröffnet. Für die kleinste fand sich Platz in einer ehemaligen Mietwohnung. Nur vier Schüler lernen dort.

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Die haben was zu lachen. Claudia Lorenz-Dittmar (links) hat mit ihrem Mann und einem zweiten Elternpaar die „Meine Schule Berlin“ in Neukölln gegründet – mit vier Schülern. Geburtstage feiern Pädagogen und Eltern dort immer mit einem Frühstück. Foto: Promo
Die haben was zu lachen. Claudia Lorenz-Dittmar (links) hat mit ihrem Mann und einem zweiten Elternpaar die „Meine Schule Berlin“...

Der Strom geht eigentlich in die andere Richtung: Eltern, denen die Bildung ihrer Kinder wichtig ist, fliehen mit ihnen aus Neukölln, sobald es um die Einschulung geht. Doch Claudia Lorenz-Dittmar aus Mitte ist gegen den Strom geschwommen und hat gerade dort, im sozialen Brennpunkt, gemeinsam mit ihrem Mann und einem Elternpaar aus Steglitz, eine freie Schule eröffnet: Seit dem Schulanfang lernen ihre beiden Töchter nun mit zwei anderen Kindern in einer ehemaligen Mietwohnung im Erdgeschoss eines Hauses an der Delbrückstraße, ganz in der Nähe der S-Bahn-Station Hermannstraße.

„Meine Schule Berlin“ heißt die sogenannte Alternativschule mit einem besonderen pädagogischen Konzept. Sie habe sich staatliche Schulen angesehen und sei enttäuscht gewesen, sagt Claudia Lorenz-Dittmar. „Die Lehrer sahen alle so müde und fertig aus, die haben gar nicht mehr genug Energie, um unseren Kindern zu geben, was sie brauchen.“ Gern hätte sie für ihre Kinder einen Platz an einer bereits existierenden freien Alternativschule gefunden: „Aber die waren alle voll.“ Innerhalb eines Jahr hat sie deshalb selbst eine Schule für ihre Kinder „gebastelt“.

„Seine Kinder auf eine Schule in freier Trägerschaft zu schicken ist immer ein aktiver Weg – einer, bei dem die Eltern Initiative ergreifen müssen“, sagt Andreas Wegener von der Arbeitsgemeinschaft Schulen in freier Trägerschaft. Und Eltern, die noch ein bisschen engagierter sind als die anderen, gründen eben kurz entschlossen selbst eine Schule. Acht neue freie Schulen haben im August den Betrieb als „staatlich genehmigte Ersatzschule“ aufgenommen – allerdings nicht alle von Eltern gegründet. 17 Schulgründer hatten solche Anträge gestellt.

„Das Interesse ist nach wie vor groß. Es gibt kontinuierlich jedes Jahr Neugründungen,“ sagt Wegener. „Das sind vor allem Grundschulen.“ Wie „Meine Schule“ in Neukölln oder die „Freie Schule Freundeskreis in Wilmersdorf“. Auch sie wurde von Eltern gegründet – allerdings schon vor zwei Jahren. Aber erst jetzt wurde der Antrag auf staatliche Genehmigung erteilt. Die ersten zwei Jahre war die Neugründung deshalb nicht eigenständig, sondern einer anderen Trägerschule angeschlossen.

Es sei eine Art „Ausgründung“ aus einer bestehenden freien Schule gewesen, sagt Susanna Doppler-Waitz, Geschäftsführerin der Schule. „Ein Teil der Eltern wollte es pädagogisch und organisatorisch anders haben.“ 14 Kinder werden dort unterrichtet. Zum Beispiel der Sechstklässler Ole, der Sohn der Elternvertreterin Elke Simpson-Bleß: „Seitdem er auf die Freundeskreis-Schule geht, streiten wir nachmittags nicht mehr um Hausaufgaben.“ Ole macht sie einfach. Besonders begeistert war er über den Fahrradflickkurs, für den er im Deutschunterricht eine Anleitung formuliert hat – mit Bildern von Reparaturschritten. Er hat sich mit Rechtschreibung und Grammatik besonders viel Mühe gegeben. Sechs Pädagogen kümmern sich um die Schüler, darunter auch ein Künstler. Und Englisch gibt es ab der ersten Klasse.

Ebenso in der Schule in Neukölln. Dort unterrichteten zurzeit vier Pädogogen die vier Schüler. Eine der beiden Lehrerinnen spricht mit den Kindern den ganzen Tag in ihrer Muttersprache Englisch. Die Kinder können auch auf Deutsch antworten. „Sie sollen in die englische Sprache eintauchen“ – das war für Claudia Lorenz-Dittmar wichtig, denn ihre Tochter Cyrille, 11, ist in Amerika geboren und dort die ersten Jahre zweisprachig aufgewachsen – ebenso wie ihre Mutter. Cyrille selbst mag an der neuen Schule aber vor allem, „dass ich so viel mitbestimmen darf“. Zwei Mal pro Woche gibt es eine Schulversammlung, bei der Lehrer und Schüler gleichberechtigt über neue Regeln abstimmen. Die „Stoppregel“ fand einstimmig Anklang. „Wenn ich ,stopp‘ sage, muss der andere darauf hören und darf zum Beispiel nicht einfach meinen Stift nehmen“, erklärt Cyrille. Dass man immer „bitte“ und „danke“ sagen muss, haben aber nicht alle Schüler so gesehen. Darüber muss noch mal diskutiert werden. „Unser Ziel war es, eine Lernumgebung zu schaffen, in der es unseren Kindern richtig gut geht“, sagt Claudia Lorenz-Dittmar.

Bis zuletzt hat sie nicht ganz daran geglaubt, dass sie wirklich im August starten können. Deshalb hat sie vorher noch keine Werbung gemacht. „Jetzt soll es aber richtig losgehen damit“, sagt die Volkswirtin, die in der Schule für die Finanzen zuständig ist. 160 Euro beträgt das Schulgeld, plus Hortgebühr, die nach dem Einkommen der Eltern festgelegt wird. Genauso ist es an der Freundeskreis-Schule in Wilmersdorf. Beide Schulen hoffen noch auf Eltern, die ihre Kinder während des Schuljahres anmelden.

Ein „einkommensabhängiges Schulgeld, beginnend bei 100 Euro“, zahlen Eltern an der ebenfalls neuen und bilingualen Platanus-Schule in Pankow. In einem historischen Postgebäude an der Berliner Straße startete die Schule im August etwas größer – mit zwei Kindergartengruppen, einer Vorschulgruppe, einer 1. Klasse und zwei 7. Gymnasialklassen. Unterrichtet wird auf Deutsch und Englisch, und zwar im Gymnasium mit einer „Vertiefung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichtsinhalte“. Es gibt fächerverbindende Projektarbeit, aber auch klassischen Frontalunterricht.

Den vermeiden die Pädagogen an der freien Schule in Neukölln hingegen. Stattdessen helfen die beiden älteren Schülerinnen den beiden jüngeren beim Schreibenlernen. „In meiner alten Schule war mir immer so langweilig und jetzt gar nicht mehr“, sagt Cyrille.

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