Schule : Werkeln fürs eigene Leben

Praxisklassen sind eine Form des Dualen Lernens, die es auch in Sekundarschulen geben wird

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An den Wänden hängen Poster von Motorrädern aus den 50er Jahren, in der Werkstatt riecht es nach Öl. Einige Jugendliche schrauben an Fahrrädern. Wenn sie nicht weiterwissen, helfen ihnen ihre Ausbilder. Die Jugendlichen hier sind allerdings nicht in der Ausbildung. Sie sind auf dem Weg, ihren Hauptschulabschluss zu machen.

Platz gefunden haben sie dafür in den Praxisklassen des Christlichen Jugenddorfwerks (CJD) Berlin. Momentan werden hier jährlich 128 Schüler aufgenommen: Schüler aus regulären neunten und zehnten Klassen, die dort kaum noch Aussicht auf einen Abschluss haben. „Die Schüler sind die klassischen Problemkinder“, sagt Marianne Wolter von der Lichtenrader Theodor-Haubach-Schule, die mit dem CJD zusammenarbeitet. „Sie sind schulmüde, verweigern häufig den Unterricht oder sabotieren ganze Klassen.“ Ziel der Praxisklassen ist es, die Jugendlichen neu zu motivieren, so dass sie den Hauptschulabschluss schaffen – und außerdem zusätzliche Fähigkeiten in einem bestimmten Berufsfeld erwerben. Anders als an regulären Schulen haben sie für den Abschluss der neunten Klasse zwei Jahre Zeit.

Der 14-jährige Jens, der gerade einen Dynamo in der Fahrradwerkstatt repariert, wurde auf Empfehlung seiner Schule in das Projekt aufgenommen. An seiner alten Schule, sagt Marianne Wolter, sei er gemobbt worden – so dass er schließlich einfach nicht mehr zum Unterricht kam. Nun arbeitet er drei Tage wöchentlich in der Werkstatt, zwei Tage hat er Unterricht. „Man hat mehr Zeit und kann sich besser vorstellen, wie es später im Beruf sein kann“, fasst er die Vorteile der Praxisklassen zusammen. Neben Wolter sind hier außerdem Ausbilder und Sozialpädagogen für ihn da. „Wichtig ist, die Schüler persönlich betreuen zu können und kontinuierlich Interesse an ihnen zu zeigen“, sagt Wolter. „Das hilft.“

Angefangen hat das Berliner Projekt, das Vorbilder in den Niederlanden hat, vor sechs Jahren als Pilotprojekt des CJD. Momentan wird es vom Europäischen Sozialfonds finanziert, ab Juni durch die Senatsverwaltung für Bildung. Die Zahl der Schüler ist seit Beginn des Projekts kontinuierlich gestiegen. Dennoch gebe es weit höheren Bedarf, als man finanzieren könne, sagt Heiko Mursch, Projektleiter der Praxisklassen: Rund 1000 Jugendliche pro Jahr entsprächen in Berlin der Zielgruppe der Praxisklassen. Bis Mitte letzten Jahres hatten 162 Schüler das Projektabsolviert, mehr als zwei Drittel von ihnen waren Jungen. 124 Teilnehmer erreichten schließlich den Hauptschulabschluss.

Die Arbeit in den Werkstätten hilft dabei, mit diesem Abschluss auch einen Weg in den Beruf zu finden. Neben der Fahrradwerkstatt gibt es im CJD etwa eine Schneiderei, einen Friseur, die Bereiche Gastronomie, Handel und Holzbearbeitung. In mindestens drei Berufsfeldern probieren sich die Jugendlichen dabei je vier Wochen aus. In Absprache mit Lehrern und Sozialpädagogen entscheiden sie sich dann für eine Werkstatt, in der sie eineinhalb Jahre bleiben. Für die Arbeit dort bekommen sie Zertifikate – und die helfen wiederum dabei, zwei externe Praktikumsplätze in Betrieben zu finden.

Die wenigsten Jugendlichen hier, sagt Marianne Wolter, wären ohne die Vorbereitung in den Werkstätten in der Lage, die Anforderungen eines Praktikums in einem Betrieb zu erfüllen. Damit jedoch „sind sie später trotz Hauptschulabschluss besser in eine Ausbildung vermittelbar“, sagt Heiko Mursch. Zum Teil übernehmen die Betriebe die Schüler sogar in Ausbildungsverhältnisse.

Die Eltern der Jugendlichen, von denen viele selbst von Hartz IV leben, müssen zustimmen, dass ihr Kind die Praxisklassen besucht. „Die sind oft heillos überfordert und froh darum, dass sich für ihr Kind noch Perspektiven öffnen“, sagt Wolter. Die Eltern werden durch regelmäßige Besuche und Gespräche in das Projekt eingebunden. Auch wenn die Jugendlichen morgens nicht erscheinen, ruft Wolter bei den Eltern an. „Die müssen dann nachsehen, ob ihr Kind vielleicht noch im Bett liegt“, sagt sie.

In den Sekundarschulen werden die Praxisklassen neben dem Produktiven Lernen als „besondere Organisationsform“ des Dualen Lernens verankert sein. Beim Dualen Lernen verbringen die Jugendlichen ihre Praktikumszeit nicht in internen Werkstätten, sondern vollständig in externen Betrieben. Während dieser Zeit müssen sie auch Aufgaben erledigen, die den Schulstoff aufgreifen.

An neun Berliner Schulen sind momentan Praxisklassen etabliert. Solange die Siebtklässler der neuen Sekundarschulen „hochwachsen“ und die Zielgruppe der Klassen die Neunt- und Zehntklässler des jetzigen Systems sind, bleibe das auch erst mal so, sagt Siegfried Arnz, Referatsleiter in der Senatsverwaltung für Bildung. Wie es danach weitergeht und wie viele Schüler Bedarf haben werden, könne er noch nicht sagen. Die Schulen würden ihre Modelle und Konzepte für das Duale Lernen jetzt erst entwickeln, fügt Arnz hinzu. „Aber es gibt Mittel, um das Duale Lernen insgesamt auszuweiten.“ Auch für die Praxisklassen erwartet er finanziellen Spielraum.

Informationen im Netz

www.cjd-berlin.de

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