Willkommensklassen in Berlin : Steglitzer Paten(t)rezept

Am Fichtenberg-Gymnasium betreuen je zwei Helfer die Flüchtlinge aus der Willkommensklasse. Das Konzept hat die Antirassismus AG entwickelt.

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Mehr als Deutschunterricht: Schüler der Willkommens-Klasse am Fichtenberg-Gymnasium sprachen mit ihrer Lehrerin auch über die Ereignisse in Paris.
Mehr als Deutschunterricht: Schüler der Willkommens-Klasse am Fichtenberg-Gymnasium sprachen mit ihrer Lehrerin auch über die...Foto: Thilo Rückeis

„Er kommet aus Syrien, er geht auf Fichtenberg-Schule“, sagt ein etwa 16-jähriger Syrer in sehr bemühtem Deutsch und blickt kurz zu seinem Sitznachbarn rüber. „Er kommt“, verbessert die Lehrerin. Seit November hat das Fichtenberg-Gymnasium in Steglitz zwei Willkommensklassen – endlich, könnte man aus Sicht der Schülerschaft hinzufügen.

Den Wunsch, Flüchtlingskindern zu helfen, gibt es in der Schule schon lange. Bis zum Herbst hatte der Bezirk aber abgelehnt. Im Sommer schrieben Schüler der AG „Kampf gegen Rassismus“ (KaGeRa) einen offenen Brief an die zuständigen Stellen im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Die Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt. Seit den Herbstferien besuchen 20 Flüchtlinge aus fünf Nationen das Fichtenberg-Gymnasium. Sie sind zwischen zehn und 18 Jahre alt, unbegleitet in Deutschland und kommen aus Syrien, Afghanistan, Irak, Kambodscha sowie Benin. „Wir sind froh, dass wir jetzt eine Willkommensklasse haben“, sagt Schulleiter Andreas Steiner. Er selbst sei mit der Organisation kaum beschäftigt, da die Schüler der KaGeRa den Großteil der Arbeit selbstständig übernehmen.

Einer dieser Schüler ist Alexios. „Das ist für alle eine neue Situation. Wir wollen, dass die Kinder gerne in die Schule kommen“, sagt der 17-Jährige. Dabei soll ein Patensystem helfen, das die KaGeRa aufgebaut hat. Jedem Schüler der Willkommensklassen sollen mindestens zwei Paten als Ansprechpartner und Unterstützer zur Seite stehen. Von den etwa 600 Schülern des Fichtenberg-Gymnasiums hätten sich 200 für diese Aufgabe gemeldet. „Die Schule ist bekannt dafür, dass sie eine sehr aktive Schülerschaft hat“, sagt der ebenfalls 17-jährige Moritz.

Der Unterricht in einer Willkommensklasse gestaltet sich nicht einfach. Für die neuen Klassen hat die Schule extra zwei Lehrerinnen eingestellt. „Ich habe vorher schon mit erwachsenen Flüchtlingen gearbeitet. Mit Kindern ist es eine neue Erfahrung für mich, denn die sind sehr neugierig und lernen so schnell“, sagt Marine Bracklo. Die Lehrerin geht bei der Partnerarbeit herum und leistet Hilfestellung. Bei aller Freude über die neuen Willkommensklassen, ganz zufrieden sind sie an der Schule noch nicht. „Ich würde mir wünschen, dass sich die Schulen untereinander austauschen und man voneinander lernt“, sagt Alexios.

Und dann ist da ja noch das Problem der langen Wege. Unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge kommen in Berlin anfangs in die Erstaufnahmestelle in der Lichterfelder Wupperstraße. Für das gesamte Jahr 2015 wurde ihre Zahl auf 3000 geschätzt. Deren Aufnahmekapazität ist begrenzt, sodass ein Teil der jungen Flüchtlinge in Brandenburg lebt. Das bedeutet zwei Mal täglich anderthalb Stunden Schulweg. „Das ist schon absurd und erschwert die Integration“, sagt Moritz. Gegen solchen Zuständigkeitsirrsinn sind aber auch die engagiertesten Schüler machtlos.

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