Schulen in Berlin : Migranten wollen mehr Deutsche in der Klasse

Drei Migranten schafften das Probejahr am Gymnasium nicht. Schuld daran soll die Schule sein, die die nichtdeutschen Schüler zu unterschiedlich auf die Klassen verteilt habe. Deren Familien sehen darin einen Fall von Diskriminierung und klagten. Jetzt entschied das Gericht.

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Drei Schüler eines Gymnasiums in Neukölln hatten gegen ihre schlechten Noten geklagt.
Drei Schüler eines Gymnasiums in Neukölln hatten gegen ihre schlechten Noten geklagt.Foto: dpa

Die Toleranzschwelle lag bei Hassan Y.* ziemlich niedrig. „Selbst harmlose Zurechtweisungen konnte er nicht akzeptieren“, zitiert der Richter aus der Schülerakte des Jungen. Von „Handgreiflichkeiten“ ist da zu lesen, von häufigen Konflikten und davon, dass die Eltern ihren Sohn entgegen der Grundschulempfehlung auf ein Gymnasium brachten. Als er das Probejahr mit neun Fünfen nicht schaffte, kam er zurück, um Siebtklässler zu verprügeln. Der Fall „Hassan“ beschäftigte am Donnerstag das Verwaltungsgericht. Allerdings war nicht der 13-Jährige angeklagt, sondern das Land Berlin. Der Vorwurf lautet, dass sein Nichtbestehen der Probezeit auf eine „strukturelle Diskriminierung“ zurückzuführen sei. Die Klage wurde abgewiesen.

Der Anwalt von Hassan und zwei weiteren Mitschülern, Carsten Ilius, hatte den Diskriminierungsvorwurf damit begründet, dass der Migrantenanteil in ihrer Klasse größer gewesen sei als in den Parallelklassen. Zudem sei die soziale Zusammensetzung sehr ungünstig gewesen, weil in dieser Klasse sehr viele Schüler aus einer bestimmten Neuköllner „Brennpunktgrundschule“ zusammengefasst worden seien. Deshalb fordern die Familien der drei Schüler, nachträglich bescheinigt zu bekommen, dass das Nichtbestehen des Probejahres rechtswidrig gewesen sei. Zurück aufs Gymnasium wollen sie aber nicht.

Der Vorsitzende Richter Uwe Wegener nahm sich viel Zeit, um die Vorgeschichte der Schüler zu schildern. Alle drei kamen mit schwachen Deutschkenntnissen in die Schule und brauchten von Anfang an Zusatzförderung, die aber offenbar fruchtete: Hatun B. und Cem Ü., die zu Hause vornehmlich Türkisch sprechen, schafften es, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, und besuchten ab Sommer 2011 das Buckower Leonardo-da-Vinci-Gymnasium. Dort kamen sie in die Klasse 7.5 – wie Hassan.


Schulleiter Michael Frank soll vor Gericht erklären, warum in dieser Klasse der Anteil von Kindern nicht deutscher Herkunftssprache (ndH) über 60 Prozent lag, obwohl sie im gesamten Jahrgang wesentlich niedriger war. Dabei stellte sich heraus, dass er vorgegangen war, wie es allgemein üblich ist: Die Kinder wurden gemäß ihrer Fremdsprachenwahl zugeordnet. Da Kinder aus Migrantenfamilien seltener Latein wählen, sind in den Lateinklassen automatisch mehr deutschstämmige Kinder. Eine weitere Rolle bei der Klassenaufteilung spielt die Frage, ob die Schüler Religionsunterricht belegen wollen. „Und dann muss ich noch berücksichtigen, welche Schüler gern zusammen in eine Klasse kommen wollen“, erläuterte Frank die Herausforderung.

Rechtsanwalt Ilius und seine Mandanten kennen dieses Prozedere, wollen sich damit aber nicht abfinden. Sie fordern, dass alle „ndH-Kinder“ gleichmäßig über die Klassen verteilt werden müssten, wobei auch die soziale Herkunft berücksichtigt werden sollte. So beanstanden sie, dass in der Klasse 7.5 zu viele Schüler aus der Zürich-Grundschule aufeinandergetroffen seien, die doch im sozialen Brennpunkt liege. Die soziale Herkunft korrespondiere aber mit der Leistungsfähigkeit der Kinder, zitierte Anwalt Ilius einschlägige Bildungsstudien. Zudem seien auch überdurchschnittlich viele türkischstämmige Kinder in der Klasse gewesen, von denen ebenfalls bekannt sei, dass sie bei Bildungsstudien im Schnitt schlechter abschnitten.

Direktor Frank blieb aber dabei, dass er die Klassen nicht anders als orientiert an der Fremdsprachenwahl zusammensetzen könne. Andernfalls müsste er in allen Klassen den Fremdsprachenunterricht parallel im Stundenplan verankern, damit die Schüler jeweils in diesen Stunden die Lerngruppen wechseln können. „Das ist nicht organisierbar“, berichtete Frank, zumal dies ja dann in allen Klassenstufen von Klasse 7 bis 10 umgesetzt werden müsste. „Das scheitert schon daran, dass ich Teilzeitkräfte habe, die nicht beliebig einsetzbar sind“, führte Frank aus.


Dem Vorwurf der Kläger, dass die Klassenzusammensetzung das Nichtbestehen des Probejahres zur Folge gehabt habe, wurde entgegengesetzt, dass in einer Parallelklasse mit einer vergleichbaren Zusammensetzung kaum Schüler gescheitert seien, während in einer überwiegend deutschen Klasse die Ergebnisse sehr schwach waren. „Schüler an Berliner Schulen können nicht beanspruchen, dass ihre Klasse nur einen bestimmten Anteil von Mitschülern nicht deutscher Herkunft aufweist“, entschied das Gericht nach mehrstündiger Verhandlung.

Ob gegen diese Entscheidung Berufung zulässig ist, ist noch ebenso offen wie die Fragen, ob die Familien davon Gebrauch machen würden. Finanziell dürfte das kein Problem sein, denn sie haben die Open-Society-Justice-Initiative hinter sich, eine Organisation des Börsenmilliardärs George Soros. Diese prangert weltweit Diskriminierung an – und zwar mit sogenannter strategischer Prozessführung.
* Alle Schülernamen wurden von der Redaktion geändert.



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