Schwester von Jonny K. spricht vor Schülern : "My name is Tina and I am Jonny"

Am Samstagnachmittag hat die Schwester des Getöteten vom Alexanderplatz vor 600 Schülern gesprochen und ihre Initiative gegen Gewalt vorgestellt. In Berlin fehle der Respekt, meint Tina K. Dafür will sie jetzt an Schulen und Kindergärten werben.

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Tina K. will unter jungen Leuten für mehr Respekt und Zivilcourage werben.
Tina K. will unter jungen Leuten für mehr Respekt und Zivilcourage werben.Foto: Georg Moritz

Tina K. ist sehr nervös und etwas außer Atem. Gerade noch rechtzeitig hat es die Schwester des im Oktober auf dem Alexanderplatz erschlagenen Jonny K. zu ihrem Auftritt vor rund 600 Schülern an der Berlin Brandenburg International School in Kleinmachnow geschafft. Eigentlich sollte sie an diesem Sonnabend an der John-F.-Kennedy-Schule in Zehlendorf reden, aber wegen eines Wasserschadens musste die Veranstaltung verlegt werden.

Jeder hätte Jonny K. sein können, sagt Tina K. und setzt nach: „So ein Verbrechen darf nie wieder geschehen, deshalb bin ich hier.“ Ihre Rede endet unter Tränen mit dem Satz: „My name is Tina and I am Jonny“. Alle Schüler standen daraufhin auf und applaudierten.

Das „I am Jonny“ bezieht sich auf die gleichnamige Stiftung, die Tina K. gründen möchte. Doch die Hürden sind hoch. 150 000 Euro bräuchte sie, um eine Stiftung zum Laufen zu bringen. So lange wollte sie nicht warten, sagte sie vor ihrem Besuch an der Schule. „Wir gründen jetzt am Montag erst einmal einen Verein“, sagt sie. An Schulen zu gehen, zu sensibilisieren, das könne sie selbst machen, sagt sie. Das koste kein Geld. Ihre Rede am Sonnabend sollte dazu den Auftakt bilden. Weitere Projekte hat sie schon in Planung, vernetzt sich, sammelt Ideen. Ihr Handy legt sie selten aus der Hand. Ihr normaler Job in der eigenen Werbefirma liegt deswegen auf Eis und man fragt sich, ob ihr das nicht alles zu viel wird. Sie lächelt im Gespräch und wirkt selbstsicher und entschlossen. „Um nicht weinen zu müssen“ wie sie sagt. Sie wolle zeigen: „Ich werde etwas gegen diese Gewalt tun.“

Am Alexanderplatz stehen noch immer hunderte roter Kerzen an der Stelle, wo Jonny K. im Oktober getötet wurde. Sie sind gesäumt von Blumen, dazwischen liegen unzählige Briefe. Beileidsbekundungen, Mutmacher, teils verzweifelte Zeilen, die Menschen hinterlassen haben, die die sinnlose Gewalt, die Jonny widerfahren ist, nicht fassen können. Tina K., die große Schwester von Jonny, steht jeden Tag mit ein paar Freunden davor. Sie trägt einen blauen Mantel, den Schal mehrfach um den Hals gewickelt gegen die Kälte. Immer kommt sie hierher, alle zwei Tage tauscht sie die Kerzen aus. Es gibt ihr Kraft, erzählt sie, dass Jonny nicht vergessen wird.

Trauer am Alexanderplatz
In der Marienkirche zeigt Tina einen Anhänger in die Kameras. Jeder in der Familie hat ein. Auch ihr getöteter Bruder Jonny.Weitere Bilder anzeigen
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24.10.2012 18:04In der Marienkirche zeigt Tina einen Anhänger in die Kameras. Jeder in der Familie hat ein. Auch ihr getöteter Bruder Jonny.

Neben ihr steht Kaze C. Ein guter Freund von Jonny. Er war in der Nacht dabei, als junge Männer so lange auf Jonny einschlugen, bis er starb. Auch er wurde verprügelt, verletzt, doch er lebt. Auch er kommt täglich zu Jonnys Mahnwache. „Jeden Tag, wenn wir hierherkommen, liegt etwas Neues da“, sagt er. Diesmal hat jemand eine Brille dazugelegt. Kaze weiß nicht warum. „Viele Leute unterstützen uns“, sagt er. „Aber es passiert auch viel Scheiße.“ Zum Gedenken an Jonny hingen hier auch T-Shirts, die ihm etwas bedeutet hatten. Nach und nach wurden sie gestohlen. Eine Deutschlandflagge, die neben der thailändischen hing, wurde zerstört. „Irgendjemand hat auch hierhin gepinkelt“, erzählt Kaze.

„Berlin ist eine Großstadt“, sagt Tina K. dazu. „Es fehlt der Respekt.“ Jenes Minimum an Respekt, das sie nun auch bei den mutmaßlichen Tätern vermisst. Einer hat sich in die Türkei abgesetzt. Zwei sind wohl nach Griechenland gegangen. Keiner möchte die Schuld auf sich nehmen.

Nach Jonnys Tod, erzählt die 28-Jährige, habe sie das Gefühl gehabt, sofort etwas unternehmen zu müssen. Jetzt will sie vor allem an Schulen und Kindergärten für mehr Respekt und Zivilcourage werben. „Eltern schicken ihre Kinder in die Schule und denken, die werden dort erzogen und die Lehrer fragen sich, warum das ihre Aufgabe sein soll. Wenn niemand sich zuständig fühlt, komme eben ich ins Spiel.“ Ihr Auftritt in Kleinmachnow war nur der Anfang.

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