Senatsstudie : Jeden Tag Prügel - Migranten und Gewalt

Junge Migranten werden besonders häufig straffällig. Oft hat das mit der Erziehung im Elternhaus zu tun. Was Jugendliche dort erfahren transportieren sie in ihren Alltag. Was hilft gegen die Gewaltbereitschaft?

Caroline Fetscher
Schule Gewalt
Gewalttätiger Alltag: Schüler übernehmen Verhaltensmuster aus dem Elternhaus. Herrscht dort Gewalt, wird sie in den Alltag der...Foto: ddp

Männliche Migranten liegen vorne – doch nicht auf eine Art und Weise, die ihnen selbst und der Gesellschaft gut tun würde. In Berlin führen junge Männer mit Migrationshintergrund die Polizeistatistik bei den Tatverdächtigen mit großem Abstand an. Darunter befinden sich besonders viele Migranten, deren Familien aus der Türkei, aus arabischen Staaten oder dem ehemaligen Jugoslawien stammen.

Woher kommt dieser Zusammenhang? Detailliert analysiert wurde das Verhältnis zwischen ethnischer Herkunft, erhöhter Straffälligkeit und sozialer Herkunft nun vom „Berliner Forum Gewaltprävention“, das im Auftrag der Landeskommission Berlin gegen Gewalt eine entsprechende Studie erstellt hat. Zu den Hauptursachen für die Gewalttätigkeit junger Migranten zählen demnach innerfamiliäre Gewalt und traditionell-autoritäre Erziehungsmuster. Daraus ergebe sich ein Integrationsdefizit, heißt es in der Untersuchung. Vormoderne Vorstellungen von Männlichkeit, der Begriff der „Familienehre“ und mangelndes Rechtsbewusstsein gehörten ebenso dazu. Außerdem führe die hohe Arbeitslosigkeit in Migrantenfamilien häufig dazu, dass aus Verunsicherung an angeblichen „Traditionen“ (zum Beispiel der Prügelstrafe) festgehalten werde. Damit wollten gerade viele Väter ihre Unsicherheit kompensieren.

Um die Häufigkeit von Elterngewalt einschätzen zu können, wurde für die Studie eine bundesweite Erhebung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) herangezogen. Danach erleben 44,5 Prozent der Jungen und Mädchen in türkischstämmigen Familien Misshandlungen und schwere Züchtigung. Für deutsche Familien ohne Migrationshintergrund liegen die entsprechenden Prozentsätze heute bei 12,4 Prozent im Kindesalter und 5,6 Prozent im Jugendalter. Wegen der hohen Schamschwelle und des familiäre Loyalitätsdrucks der Befragten sind insgesamt höhere Dunkelziffern wahrscheinlich. Gewalterfahrungen in der Kindheit produzierten zwar nicht zwangsläufig Gewaltbereitschaft im späteren Leben, sagt dazu Haci-Halil Uslucan, Gastprofessor für pädagogische Psychologie an der Uni Potsdam. Gewalt in der Kindheit habe allerdings meist prägenden Einfluss und mache spätere Gewaltbereitschaft erheblich wahrscheinlicher.

Als Resultat aus der umfangreichen Untersuchung empfehlen die Experten einen umfassenden Umbau der Kinderbetreuung, des Schulsystems und der Elternarbeit mit Migranten. Berlin müsse seine Vielfalt anerkennen und mehr in Gewaltprävention investieren. Dazu müssten alle Bürger „gemeinsam Verantwortung übernehmen“. So müssten „die Organisationen der Migranten und Migrantinnen in Berlin sich weitaus klarer als bisher zu wesentlichen Fragen der Gewaltprävention positionieren und diese Positionen auch in die jeweiligen Communities hinein kommunizieren“.

Ohne einen Umbau und Ausbau des Bildungssystems werde es keinen Fortschritt geben, heißt es in den Empfehlungen weiter. Kindertagesstätten sollten kostenfrei werden und mehr männliche Erzieher beschäftigen – gerade auch solche mit eigenen Migrationserfahrungen. In den Kitas solle mit den Eltern über Erziehung, Medienkonsum, die Gleichstellung der Geschlechter und die Bedeutung häuslicher Gewalt für Kinder diskutiert werden. Angebote müsse es dafür auch auf Arabisch und Türkisch geben. Auf „respektloses und sozial unangemessenes Verhalten von Kindern und Jugendlichen“ müssten Lehrkräfte und Erzieher entsprechend reagieren. Diese Positionen müssten Kindern, Jugendlichen und Eltern transparent gemacht werden. Überhaupt sein ein „Paradigmenwechsel“ an den Schulen notwendig. Diese sollten zu Ganztagsschulen ausgebaut werden und nicht allein auf die Vermittlung von Bildung reduziert werden. Außerdem sei es „dringend erforderlich, ein Sofortprogramm zur Gewinnung von Lehrkräften mit Migrationshintergrund zu entwickeln und zu starten“ und die Jugendhilfe direkt an die Schulen zu bringen, heißt es weiter.

Mit Blick auf die hohe Arbeitslosigkeit heißt es in dem Bericht, „erfolgreich verlaufende Bildungs- und Erziehungsprozesse“ seien „die wesentliche Voraussetzung dafür, dass junge Menschen überhaupt Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt haben können“. Hier sei jedoch die Vorstellung, dies könne allein mit ehrenamtlichem Engagement oder „mit bereits vorhandenen Bordmitteln umgesetzt werden, fernab jeder Realität“. Die Politik sei aufgefordert, finanziell umzusteuern. Dass zum Beispiel bei der Jugendhilfe in den vergangenen Jahren dreistellige Millionenbeträge eingespart wurden, könne für das Land Berlin auf die Dauer ein Vielfaches an Mehrkosten bedeuten, warnen die Experten.

Die komplette Studie im Internet: www.fes.de/forumpug/inhalt/documents/bfg-nr-28.pdf

Die Studie des Senats

Die 225 Seiten umfassende Studie entstand im Auftrag der Landeskommission Berlin gegen Gewalt. Dieses Gremium wurde bereits 1994 vom Berliner Senat mit dem Ziel eingerichtet, Gewalt und Kriminalität in der Hauptstadt zu verringern. Die mit der Studie befasste Arbeitsgruppe kam bis Ende März 2007 knapp zwei Dutzend Mal zusammen. Ihre Aufgabe war es, Ursachen dafür zu finden, warum junge Männer mit Migrationshintergrund im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil überproportional häufig an Gewaltdelikten beteiligt sind. Mitglied an der Arbeitsgruppe waren zahlreiche Migrantenverbände, darunter der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg, die Türkische Gemeinde zu Berlin, die Kurdisch-Demokratische Gemeinde zu Berlin-Brandenburg, der Türkische Elternverein Berlin-Brandenburg und das Kulturzentrum anatolischer Aleviten. Auf der Seite des Senats waren unter anderem Vertreter der Innen-, Bildungs- und Justizverwaltung beteiligt. Einige der Migrantenvertreter kritisierten während der Beratungen die „Ethnisierung“ der Daten. Trotzdem wurde die Studie nach 22 Sitzungen in zwei Jahren von allen Beteiligten im Konsens unterzeichnet. Tsp

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