Serie "Orte der Stille" : Persien im Palais

In einer preußischen Residenz am Festungsgraben tut sich der Orient auf: die Tadshikische Teestube. Die Institution der DDR hielt sich – ein Geheimtipp. Robert Wein kennt sie seit seiner Jugend.

Susanne Leimstoll
315042_0_eeb96a54.jpg
Abwarten und Tee trinken. Auf den Sitzkissen der Tadshikischen Teestube in Mitte lässt es sich bei georgischen Gesängen gut...

Wir befinden uns in einem preußischen Palais. Man kommt die ausladende Treppe hoch, vorbei am Marmorsaal, überall Preußens Glanz und Gloria. Dann öffnet sich diese Tür und dahinter: Orient. Das passt irgendwie nach Berlin; alles ist nach und nach dazugekommen, wie Charlottenburg oder Weißensee, alles zusammengestückelt. Das Haus hat Friedrich der Große 1754 für den Kammerdiener seiner Frau bauen lassen. Das „Haus Donner“ war damals Seitenflanke eines großen Parks, des Forum Fridericianum. Da brauchte man was Repräsentatives. Der Kammerdiener hat die obere Etage vermietet, dort übernachteten die Adeligen in der Ballsaison. Es ist das einzige Haus, das 1945 Unter den Linden noch komplett stand, es hat keinen einzigen Bombentreffer abbekommen. Einmal kam eine alte Dame in unsere Teestube, die wurde hier im Luftschutzkeller geboren, und brachte ihre Geburtsurkunde von 1944 mit.

Wie eine Tadshikische Teestube hierherkommt? Dies war zu DDR-Zeiten das Haus der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft. Die Teestube wurde 1976 eingebaut, sie war 1974 auf der Leipziger Messe der Pavillon für die zentralasiatischen Republiken Usbekistan, Kasachstan, Tadschikistan. Nach Messeende hat man das wertvolle Stück umziehen lassen. Ob das alles echt ist? Es gibt zwei Versionen. Die eine besagt, das Interieur stammt aus einer alten Teestube in Duschanbe, die andere, es wurde speziell für die Messe angefertigt. Ich glaube, die zweite stimmt, trotzdem sind die Arbeiten beeindruckend: die Decke aus Bau-Sandelholz, 16 Träger, verziert mit floralen Mustern, handgeschnitzt. Sechs Säulen, nein, eigentlich fünfeinhalb, ebenfalls voller Schnitzereien vom bauchigen Postament aufwärts. Die seidenen Bezüge der mit Rohbaumwolle gefüllten Kissen tragen landestypische Zackenmuster in Gelb, Grün, Weiß, Lila und Pink. Die Bilder an den Wänden zeigen Szenen aus der persischen Märchensammlung der Prinzessin hinter den sieben Bergen.

Tadshikische Teestuben sind eigentlich orientalische Restaurants, in denen die Männer auf dem Boden sitzend Brettspiele machen und Tee trinken – grünen im Sommer, schwarzen im Winter. Eine Tradition aus dem persischen Kulturkreis. Das Land ist Hochgebirge mit Anbindung an die Seidenstraße – daher der Zugang auch zu chinesischen Tees; tadschikische Tees gibt es nicht. Ein kulturelles Konglomerat – selbst Alexander der Große kam bis Tadschikistan.

315043_0_238b40b6.jpg


Die Teestube war das Restaurant des früheren Theaters im Palast der Republik, später Theater im Palais. Mein Vater hat es geleitet. Früher habe ich in der Teestube gejobbt, mein Taschengeld aufgebessert. Seit 1996 bin ich Teil des 14-köpfigen Teams, sozusagen der „Vorarbeiter“. Ich schule die anderen, damit sie übers Haus Bescheid wissen und Fragen beantworten können, und ich organisiere den Ablauf. Nebenher arbeite ich für zwei Buchverlage.

Der Sinn der Tadshikischen Teestube ist: Alle Generationen und auch alle Geldbeutel sollen sich hier versammeln können – und das klappt auch. Wir servieren kleine Snacks wie Blinis, Piroggen, Soljanka im Brotlaib. Auf unserer Karte stehen unter anderem Russischer Rauchtee und Karawanentee, Ceylon oder China-Rosentee, japanische, englische Tees, Kräuter-, Grün- und Früchtetee. Keine weißen oder roten Sorten, die sind schwierig zu machen, sehr fein, das Wasser darf nicht mehr als 80 Grad haben. Unser Wasser wird aufgekocht, der Tee in einer Glaskanne aufgebrüht und zum Servieren umgefüllt. Für die russische Teezeremonie bekommt man einen kleinen Samowar – der Tee kann darin immer wieder aufgegossen werden.

Ich fühle mich hier immer wie in einer anderen Welt. Man ist in Mitte und doch nicht da, irgendwie abgeschieden. Gäste können sich entspannen, nachdenken, lesen. Wir sind zwar immer noch so etwas wie ein Geheimtipp, aber der Raum ist doch immer gut gefüllt mit mindestens 20 bis 30 Personen. Der Lärmpegel ist trotzdem gering, alle versuchen, sich leise zu unterhalten – wir sind ja keine Kneipe. Immer läuft die passende Musik zum Tee, gerade eben georgische Gesänge von „Hamlet“. Den Leiter dieses Chors habe ich mal in Berlin kennengelernt; er ist ja leider verstorben – beim Apfelpflücken vom Baum gefallen. Aber hier lebt er weiter in seiner Musik.

Man muss sich Zeit nehmen hier drinnen, auf eine halbe Stunde reinschauen funktioniert nicht. Alles dauert ein bisschen, die Tees müssen ja erst ziehen. Die Verweildauer ist relativ hoch, die Gäste verlieren das Zeitgefühl. Wir hatten mal zwei Damen hier, die haben um 15 Uhr bestellt, um 24 Uhr haben sie dann gezahlt. Die hatten sich viel zu erzählen.

Tadshikische Teestube, Am Festungsgraben 1, Mitte. Mo bis Fr 17-24, Sa und So 15 bis 24 Uhr. Tel. 20 41 11 2.

0 Kommentare

Neuester Kommentar