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Sicherheit auf dem Schulweg : Berliner Grundschule kapituliert vor Rasern

Vor einer Grundschule in Schöneberg rast ein Auto an zwei Schülerlotsen vorbei. Das Projekt wird beendet, Politiker sind entsetzt.

Ann-Kathrin Hipp und Felix Hackenbruch
Trotz Warndreieck auf der Straße lassen sich manche Autofahrer vom Rasen nicht abhalten.
Trotz Warndreieck auf der Straße lassen sich manche Autofahrer vom Rasen nicht abhalten.

Zwei Schülerlotsen ausgestattet mit neongelber Warnweste, Mütze und roter Kelle stehen an der Kreuzung Eisenacher Straße/Luitpoldstraße. Wie jeden Morgen zwischen 7:30 und 8:00 Uhr stoppen die Sechstklässler den Verkehr, um jüngeren Mitschülern den Weg zur Werbellinsee-Grundschule zu sichern. Für gewöhnlich halten die Autos an, die Schüler überqueren die Straße. Nicht so an einem Morgen kurz vor Weihnachten. Da steuert ein Fahrer sein Auto mitten durch die Lotsen hindurch, nimmt keinerlei Rücksicht auf die Kinder. „Zum Glück ist gerade niemand rüber gelaufen und es ist nichts passiert", erzählt einer der Lotsen.

Was an jenem Tag in der Straße vor der Werbellinsee-Grundschule passierte, ist kein Einzelfall. Immer häufiger würden Schülerlotsen von der Straße gedrängt, und angepöbelt, erzählt Sabine Schirop, Leiterin der Grundschule. In Absprache mit der Polizei habe man sich deshalb entschieden, den Schülerlotsendienst bis auf Weiteres einzustellen. Seit Donnerstag stehen keine Kinder mehr mit neongelber Warnweste an der Kreuzung. "Ich finde das entsetzlich", sagt Sabine Schirop, „aber ich muss an die Sicherheit meiner Schüler denken.“ Die Verantwortung für diese könne und wolle die Polizei, laut Schirop, nicht mehr übernehmen. In den vergangenen Jahren habe es an der Schule mehrere Anzeigen gegen ignorante Autofahrer gegeben.

Bildungssenatorin Scheeres ist schockiert

Auch Anwohner kennen das Problem. "Das nervt mich total, wie schnell die hier teilweise durchfahren", sagt ein Mann, der hier bereits seit 16 Jahren wohnt. Es wundere ihn, dass man nichts gegen die Raser unternehme. Keine Kontrollen, kein Zebrastreifen, nichts. Dabei sei so etwas doch an einer Grundschule angebracht. „Gerade morgens, wenn Leute genervt einen Parkplatz suchen und dann auch noch Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen, ist enorm viel los“, bestätigt ein anderer.

Insgesamt sind laut Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie mehr als 1000 Schülerlotsen in Berlin tätig. An über 336 Terminen wurden diese im vergangenen Jahr von Verkehrssicherheitsberatern der Polizei ausgebildet. Der Einsatz der Lotsen wird dann durch Polizei und Schule betreut. „Dass die Arbeit der Schülerlotsen an einer Schule eingestellt werden muss, ist schockierend“, sagt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Die Schulaufsicht habe sich sofort eingeschaltet und stehe in engem Kontakt mit Schulleitung und Polizei.

Sicherheitsproblem ist kein Einzelfall

Das Sicherheitsproblem in Schöneberg ist kein Einzelfall. Der Senatsverwaltung für Bildung sind aus ganz Berlin Klagen über das Fehlverhalten von Autofahrern an Lotsenübergängen bekannt. Auch Nina Brzezinski, Mutter einer Schülerin der Grundschule am Schäfersee in Reinickendorf, berichtet von ähnlichen Problemen. "Das Risiko ist einfach enorm", sagt sie. "Politik und Polizei haben das Thema in den letzten Jahren vernachlässigt." Sie hat sich deshalb entschieden, die Schülerlotsen selbst zu unterstützen und steht Morgen für Morgen als erwachsene Begleitung mit am Straßenrand. "Die Kinder allein werden einfach nicht respektiert", sagt sie. "Egal wie sehr man die Schüler ausbildet, die Gefahr durch rücksichtlose Erwachsene bleibt."

Tino Schopf, verkehrspolitischer Sprecher der SPD, kritisiert das Verhalten der Fahrer: "Ich bin traurig, dass es unverantwortliche Autofahrer gibt, die Schülerlotsen nicht ernst nehmen. Die Politik muss dafür sorgen, dass Schulwege sicher sind“, sagt er. Ampeln und Zebrastreifen könnten dabei helfen. Von mehr mobilen und stationären Blitzern hingegen hält der Sozialdemokrat nichts. "Ich möchte jetzt keinen Blitz-Marathon ausrufen."

Oliver Friederici, CDU-Verkehrsexperte, erwartet vom neuen Innensenator Andreas Geisel (SPD) ein klares Signal gegen Verkehrsrowdys: „Nicht Kapitulation vor der Dreistigkeit, sondern Schwerpunktkontrollen und harte Strafen müssen die Antwort des Staates auf diese Verkehrsgefährdung sein." Die Polizei selbst will sich erst am Freitag zu dem Fall äußern.

Berliner Polizei laut Polizeigewerkschaftler überlastest

Boris Biedermann, stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft Berlin sagt, es sei nicht hinnehmbar, ein solches Projekt aufgrund von Sicherheitsbedenken einzustellen: "Die Sicherheit der Schüler muss zu jeder Zeit gewährleistet sein." Zu der Rolle der Polizei sagt er: "Das liegt sehr sicher am Personalmangel. Wir sind einfach überlastet."

Den Schülerlotsendienst gibt es in Deutschland seit 1953. Auch an der Werbellinsee-Schule hat er eine lange Tradition. "Die Schülerinnen und Schüler übernehmen diese wichtige Aufgabe freiwillig und mit großem Engagement", sagt Sabine Schirop. "Mir tut es vor allem für sie leid." Die Schulleiterin wünscht sich, dass den Kindern mehr Gehör verschafft wird. "Ich finde es schade“, sagt der Schülerlotse, der bei dem Vorfall kurz vor Weihnachten im Einsatz war. „Mir hat das immer Spaß gemacht."

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