Berlin : Sinnfindung

In Weißensee liegt ein Park mit Geruchs- und Geräuschstationen

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Von Viola Volland

Hans-Jürgen hüpft von einerDuftdolde zur nächsten. „Hier riecht es, hier riecht es“, ruft der 12-Jährige begeistert. Eigentlich hätte der geistig Behinderte gerade Unterricht in der Weißenseer Stephanus-Schule. Aber heute steht Sinnentdeckung auf dem Lehrplan und die Park-Klinik Weißensee mit ihrem „Park der Sinne“ wird zum Klassenzimmer. Zuerst darf geschnuppert werden: „Gute“ und „schlechte“ Gerüche hat die Bildhauerin Renate Wiedemann in mundgeblasenen Gläsern und Chemiegefäßen in der Duftstation des Parks installiert. Pfefferminze, Bergamotte und Lavendel stehen Teer, Ammoniak und Diesel gegenüber.

„Das ist schwer für die Kinder. Die können nicht so gut riechen“, sagt Karin Sasse, pädagogische Assistentin an der Stephanus- Schule. Dafür aber umso besser die Klangstation des Künstlers Lukas Kühne bedienen, eine weitere von insgesamt sieben Sinn-Stationen der Anlage. Während die 12-jährige Laura mit dem Gummi-Hammer auf einen großen Gong einschlägt, improvisieren ihre Klassenkameraden am steinernen Klangklavier oder stecken die Köpfe in den Summstein. Den hat Kühne von der Kunsthochschule Weißensee nicht mit einem, sondern mit zwei Löchern ausgestattet: „Das Niedrige ist für Rollstuhlfahrer“, erklärt Ekkehard Vaubel. Der Professor ist der Initiator des Parks. „Erleben in Entspannung und Ruhe“, beschreibt er das Gesamtkonzept. Entworfen wurde dieses von Landschaftsarchitekt Harms Wulf, der auch gemeinsam mit Vaubels Doktoranden Henning Becker Sinn-Station Nummer 5 gestaltet hat: das ohrförmige Heckenlabyrinth, in das Hans-Jürgen und seine Klassenkameraden Thomas und Laura nun stürmen.

„Labyorinth“, ruft Hans-Jürgen aus voller Kehle. Während die drei Schüler noch versuchen, den Weg aus dem Irrgarten wieder zurück zu finden, setzt Rudolf Meier ( von der Redaktion geändert) vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Der Balancierpfad fordert seine volle Konzentration. Meier ist Schlaganfallpatient. An dem Therapieweg übt der 61-Jährige, sein Gleichgewicht zu halten. Denn jeder der 76 Steine des Pfades, der sich um eine Baumgruppe schlängelt, ist in einem anderen Winkel angeordnet. „Das geht doch schon“, sagt Meier stolz, als er den „Stolperpfad“ gemeistert hat, wenn auch nur mit einer stützenden Hand. Vaubel weist auf die Steine: „Das sind die Grabplatten vom Nachbarfriedhof – mit der Schriftseite nach unten. Die wären sonst auf der Autobahn gelandet.“ Sein Kollege Wilhelm Rimpau, Chefarzt für Neurologie, arbeitet viel mit seinen Patienten im Park: „Wenn ich als Patient draußen bin, also eingebunden in die Situation, dann bin ich ganz anders motiviert, als wenn ich zum Beispiel auf einem Trimm-Dich-Rad sitze“, erklärt er den Therapievorteil. Doch nicht nur Patienten tummeln sich seit April 1997 in dem Park. Auch ganz normale Besucher sind täglich bis 20 Uhr eingeladen, ihre Sinne in Weißensee zu entdecken.

Weitere Information im Internet:

www.park-klinik.com

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