SONNTAGS um zehn : 60 Minuten schweigen

Die stille Andacht der Quäker.

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Raum der Stille. Gottesdienst im Stuhlkreis, ohne viele Worte. Die gemeinsame Meditation gehört zum sonntäglichen Ritual der Berliner Quäker-Gemeinde. Foto: promo
Raum der Stille. Gottesdienst im Stuhlkreis, ohne viele Worte. Die gemeinsame Meditation gehört zum sonntäglichen Ritual der...

Eben war noch Touristenrummel am Brandenburger Tor, jetzt ist es still. Zwölf Menschen sitzen auf Stühlen in einem Kreis – und schweigen. Es ist Sonntag, kurz nach elf, die „Stille Andacht“ der Quäkergemeinde hat begonnen. Das mit der Stille ist ernst gemeint.

In der Mitte des Stuhlkreises steht ein Tisch mit einer Kerze und einer Topfblume. Kein Kreuz, keine Bibel. Die zwölf Männer und Frauen sind leger gekleidet. Ein paar sitzen aufrecht, einige lümmeln, zwei haben den Kopf in die Hände gestützt. Die meisten haben die Augen geschlossen. Ein Blick auf die Uhr: erst zehn nach elf.

Im Kopf schießen die Gedanken kreuz und quer, sie laufen zurück in die vergangene Woche, zur Arbeit, zum Kinofilm am Abend zuvor, und eilen voraus in die kommenden Tage. Dann kommt für eine Weile die Müdigkeit angekrochen. Der nächste Blick auf die Uhr: 15 nach elf.

Mitte des 17. Jahrhunderts sammelte sich um den Engländer George Fox Menschen, die nach Gott suchten und von den Kirchen enttäuscht waren. In den starren Ritualen und Dogmen fanden sie keine Antworten und begannen, in sich hineinzuhorchen. Dort entdeckten sie ein „inneres Licht“ und die Erkenntnis, dass es in jedem Lebewesen etwas von Gott gibt und dass jeder seinen eigenen Weg zu Gott finden muss. Die Stille während der Andacht soll dabei helfen. In Deutschland haben die Quäker 200 Mitglieder, in Berlin 20. Andere zu missionieren, das ist nicht so ihre Sache.

Es gibt keine Hierarchie, keine Lehrautorität. So hält auch keiner eine Predigt. Es gibt auch keine Liturgie, hinter der man sich verstecken könnte. Nur schweigen. 60  Minuten lang. 60 Minuten, in denen man auf sich selbst zurückgeworfen ist. Aber auch das Schweigen ist kein Dogma. Wer den anderen etwas mitteilen möchte, kann das tun.

Sie habe ein Interview mit einer Tochter von Joachim Gauck gelesen, sagt auf einmal eine alte Frau. Gaucks Tochter sei in der DDR in der Schule nicht gut gelitten gewesen als Pfarrerstochter. Eine Lehrerin habe zu ihr gesagt: Auch die Raumfahrer haben da oben „Deinen Gott nicht getroffen“. Gaucks Tochter habe der Lehrerin laut Interview geantwortet: Gott ist Liebe. Sind Sie schon einmal der Liebe begegnet?

Endlich haben die Gedanken einen Fokus: Gott ist Liebe. Stimmt das denn? Lässt sich diese Liebe im Alltag leben? Allein schon tolerant zu sein, ist oft eine Herausforderung. Auf einmal nimmt das Auge das Schattenkreuz wahr, das die Sonne durch das Fensterkreuz auf den Boden wirft. Vorhin fiel die Sonne schräg durchs Fenster, das Kreuz war krumm. Jetzt hat es die Sonne aufgerichtet. Das Kreuz und die Liebe und die Sonne. Jesus ist am Kreuz gestorben, die Christen glauben: aus Liebe zu den Menschen, um ihnen Sorgen und Ängste zu nehmen und um Sünden zu verzeihen. Es ist viertel vor zwölf jetzt. Die nächste Woche kann kommen. Wird schon werden. Dann stehen alle auf und geben sich die Hand. Claudia Keller

Am Mittwoch, 21. 3., laden die Quäker im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ zu einer Diskussion ein zum Thema „Die Kindertransporte (1938/39) und die Quäker“, 19 Uhr, Planckstr. 20, Mitte

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