Soziales Engagement : Aus Erfahrung wird man gut

Viele Menschen erkennen erst über ein Ehrenamt ihre wahre berufliche Bestimmung. Sie lernen fürs Leben dazu und erweitern ihre Vita. Jobs im Sozialen werden deshalb immer beliebter.

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Berufung Menschlichkeit. Stefanie Trefonski (rechts) kümmert sich im Theodor-Fliedner-Haus des Evangelischen Johannesstifts in Hakenfelde um die Bewohner.
Berufung Menschlichkeit. Stefanie Trefonski (rechts) kümmert sich im Theodor-Fliedner-Haus des Evangelischen Johannesstifts in...Foto: Paul Zinken

„Das Wort ‚helfen' gefällt mir nicht“, betont Michaela Heinrich und schiebt gleich hinterher: „Es macht die Menschen, mit denen ich arbeite, so klein – und das sind sie nicht.“ Die 30-jährige Berlinerin hat ihr Bachelor-Studium „Soziale Arbeit“ an der Alice-Salomon-Hochschule beendet und nun mit dem Magisterstudiengang „Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik“ begonnen. Seit sie 16 Jahre alt ist, engagiert sie sich in Ehrenämtern: Sie gibt Nachhilfe in einer stationären Kinder- und Jugendeinrichtung, ist Mentorin für das Unistart-Hilfsportal „www.arbeiterkind.de“, sie engagierte sich für die Aidshilfe und den Verein Berliner Rechtshilfefonds Jugendhilfe (BRJ). Umso erstaunlicher fällt ihre Selbstwahrnehmung aus: „Ich fühle mich nicht als ,die’ Helferin. Der Kontakt zu den Menschen ist ein Kontakt auf Augenhöhe.“

So wie der Studentin geht es vielen jungen Berlinern und Brandenburgern: Ihr Ehrenamt ist der erste Einstieg in eine Berufslaufbahn im sozialen Bereich. Durch die Freiwilligentätigkeit gewinnen sie Einblicke und Kompetenzen hinzu, Ehrenamtsnachweise machen sich gut auf dem Zeugnis und in der Vita. Und dann wird die Berufung zum Beruf. Die Liste von Berufen im sozial- und pflegerischen Bereich ist lang, und es kommen immer neue hinzu.

Studiert man Soziale Arbeit oder Soziologie, kann man später beispielsweise als Sozialarbeiter oder -pädagoge in verschiedenen Einrichtungen arbeiten, wie in Kinder-, Jugend- und Altenheimen, Stätten für Menschen mit Behinderung, Obdachloseneinrichtungen oder Familien- und Suchtberatungsstellen. Zum Spektrum der Ausbildungsberufe gehören Gesundheits- und Krankenpfleger, Altenpfleger, Ergotherapeuten, Familienpfleger, Erzieher, Physiotherapeuten, Hebammen und viele mehr.

Manchmal zeigt das Ehrenamt den Ausübenden erst auf, was sie wirklich wollen. Michaela Heinrich begann nach dem Abitur ein Physikstudium an der TU Berlin. Doch durch ihre freiwillige Tätigkeit merkte sie schnell, „dass ich lieber im sozialen Bereich und mit Menschen arbeiten möchte“. Im Anschluss an eine Erzieherausbildung wählte sie den Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit, weil sie damit später in verschiedensten Einrichtungen arbeiten könne: „Diese Vielfalt finde ich einfach spannend.“ Ihre Leidenschaft ist die Arbeit in stationären Einrichtungen vor allem für Kinder und Jugendliche, die aus schwierigen familiären und sozialen Verhältnissen kommen.

„Es braucht einiges, um den Kontakt mit den Kindern aufzubauen, um ihr Vertrauen zu gewinnen“, sagt Heinrich. Nicht nur Empathie sei wichtig, sondern auch die Stärke, sich von den Problemen der Kinder abzugrenzen. So zum Beispiel, wenn diese professionelle Hilfe ablehnen. „Wenn die Kinder aus dem Programm aussteigen und zurück in ihre zerrütteten Familien gehen, ist das traurig und nimmt einen mit. Aber man muss lernen, bei sich zu bleiben“, sagt sie. „Das ist ein wichtiger Punkt, den ich im Studium gelernt habe. Denn ,helfen wollen’ allein reicht nicht aus und ist in der Praxis sogar eher gefährlich.“ Die professionelle Distanz zu wahren sei sehr wichtig.

In Seminaren zu soziologischen und psychologischen Grundlagen der sozialen Arbeit hat Heinrich gelernt, soziale Problemlagen besser zu erkennen und einzuordnen. Um Menschen in sogenannten Multiproblemlagen unterstützen zu können, gehören auch Seminare für umfangreiches Rechtswissen zum Studium. Neben der Theorie sollte die Praxis nicht zu kurz kommen, weshalb Michaela Heinrich die Praxisorientierung ihres Studiengangs gefällt. Sonst bestehe die Gefahr, nur prinzipiell eine Lösung zu finden, aber „keine Beziehung zur Klientel aufbauen zu können und an persönliche Grenzen zu stoßen“.

Egal ob Studium oder Ausbildung – vor dem Hintergrund des demografischen Wandels stehen die Berufschancen im sozial-pflegerischen Bereich gut. „Es wird händeringend Nachwuchs gesucht“, bestätigt Berufsberaterin Petra Kuberg von der Agentur für Arbeit, Berlin-Süd. Eine besonders große Nachfrage verzeichne sie bei Kranken- und Altenpflegern. Die Chancen, nach einer Ausbildung hier einen festen Arbeitsplatz zu bekommen, schätzt sie als „sehr gut“ ein.

Doch nicht nur gut ausgebildete Fachkräfte im sozial-pflegerischen Bereich sind gefragt. Sozialarbeiter und Sozialpädagogen gelangten 2011 auf Platz zwei der Top 10 der meistgefragten Akademiker – gleich hinter den Ingenieuren. Laut Statistiken der Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl der Beschäftigten in diesem Bereich im Laufe von zehn Jahren (2001 bis 2011) um 40 Prozent gestiegen. Ein Sozialarbeiter im öffentlichen Dienst in Berlin verdient demnach rund 2400 brutto. „Man hat sehr gute Chancen, eine Stelle zu bekommen“, sagt Sabine Dietzsch, Beraterin im Hochschulteam akademische Berufe, Agentur für Arbeit, Berlin Süd. Die stetige Tendenz sei ein „zunehmender Bedarf an Pflege- und Gesundheitsmanagement bei allen Einrichtungen“.

Auch Michaela Heinrich macht die Arbeit trotz teils schwieriger Situationen Spaß. Es gebe viele Erfolgserlebnisse, sagt sie. „Nur ein Dankeschön sollte man nicht erwarten.“ Ihre Beweggründe liegen außerdem tiefer: „Man muss wahrscheinlich nicht in Berlin leben, um zu wissen, dass es zum Beispiel im Bereich der Schulbildung keine Chancengerechtigkeit gibt.“ In ihrem Umfeld spüre sie besonders oft die Folgen von Ungerechtigkeiten. Hier will sie helfen, auszugleichen: „In den Kindern und Jugendlichen steckt so viel Potenzial, und das gilt es zu entfachen.“

Der gemeinsame Nenner, der „Spaß an der Arbeit mit Menschen“, brachte auch Stefanie Trefonski in einen sozialen Beruf. Seit einem Jahr wird die 22-Jährige im Johannesstift Spandau zur Altenpflegerin ausgebildet. Im Rückblick gibt sie Zweifel zu: „Am Anfang dachte ich ,Um Gottes Willen’ und konnte mir die Arbeit mit alten Menschen nicht vorstellen.“ Doch dann nahm sie sich den Rat ihres Vaters, ebenfalls Altenpfleger, zu Herzen und absolvierte ein sechsmonatiges Praktikum in einer Tagespflege. „Es hat mir von Anfang an gefallen und ich hatte keinerlei Hemmungen.“

Etwas „ekelresistent“ sollte man schon sein, wenn man sich für die Altenpflegeausbildung entscheidet, weiß die 22-Jährige, doch heute empfindet sie Gerüche und Ausscheidungen als normal : „Ich habe ja meine Handschuhe und meine Nase ist nicht so empfindlich.“ Für den Beruf sollte man zudem „Geduld mitbringen, man muss sehr genau und strukturiert arbeiten, denn gerade bei der Medikamentendosierung kann ein kleiner Fehler schwere Folgen haben“, sagt Stefanie Trefonski. Und viel Einfühlungsvermögen gehöre dazu.

Inzwischen läuft sie quirlig und fröhlich von Zimmer zu Zimmer, macht Späße mit einer Bewohnerin und kämmt ihr dabei liebevoll die Haare. „Ich freue mich am meisten, wenn die Menschen zufrieden sind und sich freuen – das gibt mir selbst sehr viel zurück. In einem Büro würde ich eingehen.“ Trefonski nimmt Schicht- und Wochenenddienste und die körperlichen Anstrengungen in Kauf. Der Beruf sei „zwar stressig, aber er fordert mich auch, und das gefällt mir“, sagt die Spandauerin.

Und mit einem Ehrenamt kann man sich darin zunächst ausprobieren.

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