Späti als Notlösung

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Spätis in Berlin : Ein Leben außerhalb der Öffnungszeiten
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Der Ordnungshüter. Polizeioberkommissar Robert Ruf will Gerechtigkeit für die Spätis in seinem Abschnitt.
Der Ordnungshüter. Polizeioberkommissar Robert Ruf will Gerechtigkeit für die Spätis in seinem Abschnitt.Foto: William Veder

Mehmet Kar schaut auf seine Hände. Seit er 13 war, hat der Neuköllner Späti-Besitzer auf Baustellen gearbeitet. Zuerst in der Türkei, dann in Deutschland. 1997 kam er mit seiner Familie hierher, als Kurden haben sie Asyl beantragt. Mehmet hat immer hart gearbeitet. Doch jetzt sind seine Hände kaputt, er kann mit ihnen keine Wände mehr verputzen oder Mörtel schleppen.

Mehmet sitzt auf einer Bierbank vor seinem Späti, Karl-Marx-Straße, Ecke Schierkestraße, um ihn herum seine Familie. Seine Frau Gülcan, seine jüngere Tochter Berna und die ältere Zilan, ihr Mann David ist auch da. Für Mehmet wäre es nie infrage gekommen, arbeitslos zu sein, vom Staat zu leben. Schließlich fühlt sich der 44-Jährige für sie alle verantwortlich. Vor anderthalb Jahren erzählte ihm ein Bekannter von der Möglichkeit, den Späti zu übernehmen. Mehmet ergriff die Gelegenheit beim Schopf.

Anfangs schien das Konzept aufzugehen. Die Familie beratschlagte, wie man das Geschäft auf Vordermann bringen könnte. Mehmet nahm Schulden auf. „Der Laden war Müll. Viele Frauen und Kinder haben sich nicht reingetraut, wegen der vielen Alkoholiker, die davorsaßen“, sagt Zilan. Der Späti sollte familienfreundlicher werden. Also erweiterten sie das Sortiment, boten mehr Süßigkeiten an, kauften neue Kühlschränke und stellten eine Regel auf: kein Alkohol vor der Tür. Sie senkten die Preise und tauschten die PCs im Hinterraum gegen neue aus. Bei den Nachbarn stellten sie sich gleich zu Anfang vor. Die kamen dann auch zum Einkaufen. Neben den Touristen, die hier auf dem Weg zum benachbarten Körnerpark etwas mitnehmen.

Eigentlich könnte das Geschäft gut funktionieren. Aber bald nach der Eröffnung kam an einem Sonntag das Ordnungsamt vorbei. Verhängte ein Bußgeld. Nach einem Rechtsstreit und Kosten von 1000 Euro machen sie sonntags nicht mehr auf. Das schmerzt: „Ohne den Sonntag fehlt uns die Luft zum Atmen“, sagt Zilan. Ohne den Sonntag ist die Existenz bedroht.

In Neukölln ist nicht nur das Ordnungsamt an Sonn- und Feiertagen unterwegs. Auch die Polizei schreibt hier Anzeigen, vor allem, wenn das Ordnungsamt nicht mehr im Dienst ist. Immer wieder hört man, es sei meist derselbe Polizist, der sonntags in die Spätis kommt, Kunden wegschickt, damit sich die Späti-Besitzer nicht strafbar machen. Es sind wenig schöne Geschichten, die man über diesen Mann hört. Selbst auf der westlichen Seite der Karl-Marx-Straße, wo er gar nicht zuständig ist, eilt ihm sein Ruf voraus. „Er soll sehr hart sein und sehr bürokratisch“, sagt Mehmet.

Der Späti-Sheriff

12 Uhr, High Noon in Neukölln. Die Sonne brennt vom Himmel. Robert Rufs Schicht beginnt in zwei Stunden. Der 51-jährige Polizeioberkommissar ist klein und drahtig, er trägt die grauen Haare kurz. Noch ist er zivil in Jeans und Lederjacke. „Am Wochenende habe ich Samstag und Sonntag Spätschicht. Eine Katastrophe für die Spätis“, sagt er, halb im Scherz, als er aus der Dienststelle in der Sonnenallee tritt. Samstagnacht nach 24 Uhr und Sonntagabend schreibt er die meisten Anzeigen gegen Späti-Besitzer.

Auf dem Weg durch die Erkstraße zeigt er auf einen Laden. „Das ist ein richtiger Schurke. Der macht immer wieder auf, den kann man an einem Sonntag drei Mal erwischen.“ Ruf geht weiter. Ein paar Meter entfernt deutet er auf ein Casino. „Da war ich noch nicht drin, das muss ich mir mal genauer anschauen.“

Robert Ruf ist tatsächlich so etwas wie der Albtraum der Spätis östlich der Karl-Marx-Straße. So gut wie alle wurden sonntags schon von ihm erwischt, viele mussten Bußgelder bezahlen. Ruf weiß, wer behauptet, hauptsächlich Zeitungen zu verkaufen und sonntags trotzdem den meisten Umsatz mit Alkohol macht. Er weiß, wer sonntags das Licht aus hat und nur so tut, als hätte er geschlossen. Und er weiß auch, dass die Späti-Besitzer untereinander Telefonketten bilden oder sich per Funk über nahende Polizisten informieren. Manche nennen Ruf hier den „Sheriff“, seine Kollegen haben den Spitznamen übernommen.

Angefangen hat alles am 1. Mai 2014. Robert Ruf trifft auf seiner Streife Mitarbeiter des Ordnungsamtes. Sie fordern geöffnete Spätis zum Schließen auf. Ruf ist überrascht: Dürfen Spätis nicht jeden Tag rund um die Uhr geöffnet haben? Er hat das bisher nie infrage gestellt. In seiner Freizeit studiert Ruf die Rechtslage, redet mit dem Ordnungsamt. „Ich lese gern. Ich beschäftige mich mit Sachen. Da kann ich ein extremes Interesse entwickeln“, sagt er. „Und wenn ich mich irgendwo festbeiße …“, den Satz lässt er in der Luft hängen. Die Kollegen spotten über sein Interesse. Aber wie andere sich mit widerrechtlich getunten Autos auskennen, kennt sich Ruf jetzt eben mit Spätis aus. „Von solchen selbst erlernten Spezialisten lebt die Behörde“, sagt er.

Wegsehen geht nicht

Und Ruf ist einer, der Beschäftigung braucht. Der nicht still sitzen kann. Wenn er jetzt sonntags auf Streife geht und es ist nicht viel los, dann stechen ihm die offenen Spätis regelrecht ins Auge. Wegsehen geht nicht. Also spricht er mit allen Späti-Besitzern in seinem Abschnitt, macht ihnen die Rechtslage klar. Verschickt Ladenöffnungsgesetze per E-Mail. Ruf hat sogar Infomaterial erstellt, wann die offiziellen verkaufsoffenen Sonntage sind. Aber es gibt viele Spätis, die sonntags trotzdem verkaufen, auch wenn sie es nicht dürfen. Und dann kommt Ruf und schreibt eine Anzeige. „Wer nicht hören will, muss fühlen“, sagt er. Sitzt im Café und saugt an seiner Elektrozigarette, Geschmacksrichtung Kaffee.

Robert Ruf sind Prinzipien wichtig. Er wohnt über einem Späti, würde aber sonntags nie reingehen – selbst wenn sein Kühlschrank leer ist. Er würde auch um drei Uhr nachts niemals bei Rot über die Ampel gehen. Selbst wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist.

Es ist nie zu: Späti
Fast 180 Spätverkaufsstellen hat der Berliner Fotograf Daniel Gregor bereits aufgesucht.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Daniel Gregor
19.07.2013 19:45Fast 180 Spätverkaufsstellen hat der Berliner Fotograf Daniel Gregor bereits aufgesucht.

Und weil Ruf so ist, braucht man ihm auch nicht mit Toleranz zu kommen. Denn in anderen Bezirken, eigentlich in ganz Rest-Berlin, wird die Sache mit den Spätis toleranter gehandhabt. Ruf wäre dafür, dass es eine zentrale Ordnungsbehörde in Berlin gibt, die überall gleichermaßen kontrolliert und „Gerechtigkeit über die Stadt verteilt“. Weil es das nicht gibt, versucht er wenigstens in seinem Abschnitt Gerechtigkeit zu verteilen, über die 75 Läden, die sich hier angesiedelt haben.

Wenn man Ruf reden hört, glaubt man, erkennen zu können: Es gibt den Polizisten Robert Ruf und den Menschen. Als Polizist hat Ruf keinen Ermessensspielraum, dann trägt er gern Uniform und ist Vertreter seiner Behörde. Als Mensch rühren ihn die Schicksale schon manchmal an. Die Späti-Besitzer, die sich vor der Arbeitslosigkeit fürchten. Die Familien, die einen Berg Schulden auf sich geladen haben. Weich wird Ruf trotzdem nicht: „Wenn ich mir ein Geschäftsmodell ausdenke und mich nicht über die Gesetzeslage informiere, dann habe ich einen Fehler gemacht.“

Kampf gegen das Gesetz

Hasan, der alteingesessene Späti-Besitzer, würde bei all den Schwierigkeiten manchmal gern hinschmeißen. Aber er will arbeiten, man müsse ja Steuern bezahlen, damit Schulen gebaut, Straßen saniert werden können. Und ein anderer Job? Wieder winkt Hasan ab. Wer würde ihn denn einstellen mit 54, geboren in der Osttürkei und 1978 nach Deutschland gekommen? „Ich habe nicht viele Erwartungen ans Leben“, sagt er. Das Ordnungsamt fährt vorbei. Hasan winkt.

Für den Moment konzentriert er sich auf sein Geschäft. Gegen das Gesetz kämpfen? Das tun andere, auch jüngere Späti-Besitzer. Wie Sahhüseyin Özer mit seinem Laden in der Laubestraße, der sonntags jetzt immer zu hat. Oder Firat Yildiz, der einen Späti in der Weserstraße führt. Alper Baba, der in Neukölln und anderen Teilen der Stadt mehrere Spätis besitzt. Oder Anit mit dem Laden in der Karl-Marx-Straße, der sich sonntags erst kürzlich wieder mit Robert Ruf angelegt hat.

Sie alle trifft man nun häufiger gemeinsam an. Etwa wenn in der Grünen-Geschäftsstelle in Neukölln zum Späti-Dialog geladen wird mit Polizei, Ordnungsamt und Politikern. Dann sind sie schon eine ganze Weile vorher da und beratschlagen vor der Tür. Applaudieren einander für gelungene Wortbeiträge. Und wenn im Bezirksparlament Neukölln das Thema Spätis auf den Tisch kommt, sitzen sie auf der Tribüne. Auch wenn der Bezirk ihnen nicht helfen kann und für eine Gesetzesänderung das Abgeordnetenhaus zuständig wäre.

"Rettet die Spätis"

Eine Änderung fordert auch die Neuköllnerin Christina Jurgeit. Mit ihrer Petition „Rettet die Spätis“, die bereits mehr als 30 000 Unterstützer hat, will die 28-Jährige erreichen, dass die Spätis in Berlin mit Tankstellen und Bahnhofsläden gleichgestellt werden und so auch an Sonn- und Feiertagen verkaufen dürfen. Ein ähnlicher Vorstoß wurde bereits 2012 diskutiert, dann aber nach Protesten der Kirche und auch der Gewerkschaften, die auf den Arbeitnehmerschutz pochten, wieder verworfen. Dabei geht gerade bei den inhabergeführten Spätis das Argument an der Realität vorbei. Späti-Besitzer sind keine Arbeitnehmer – sie sind Unternehmer.

In Robert Rufs Augen ist das größere Problem ohnehin, dass sich in einigen Ecken der Stadt das Angebot häuft. Da kommt ein Späti, eine Dönerbude mit Alkohol im Angebot und noch ein Späti direkt daneben. „Unmöglich, dass sich beim Gewerbeamt nicht mal einer mit der Karte hinsetzt und das bemerkt. Stattdessen genehmigen sie auch noch den fünften und sechsten Laden in einer Straße.“ Ruf wundert es nicht, wenn dann der Konkurrenzkampf ausbricht und Geschäfte in finanzielle Schwierigkeiten kommen. „Die sind selber schuld, wenn sie sich so nah beieinander ansiedeln.“

Ruf urteilt scharf. Doch es gibt eine Variable, die der Polizist bei seiner Analyse des Geschäftsmodells Späti außer Acht lässt. Am Ende ist es eben nicht nur eine kalte Plus-Minus-Rechnung von Gewinnen und Verlusten. Der Späti ist auch menschlich. Er hat eine Funktion.

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