Berliner Lebensadern (18) : Belziger Straße: Willkommen im Narkosestübchen

Die Belziger Straße in Schöneberg boomt alle 25 Jahre – gerade ist es wieder soweit. An der Mini-Magistrale lässt sich das Auf und Ab eines ganzen Kiezes ablesen.

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Unsere Serie über Berliner Lebensadern führt heute nach Schöneberg in die Belziger Straße. Die Riesengebirgs-Oberschule entstand um die Jahrhundertwende.
Unsere Serie über Berliner Lebensadern führt heute nach Schöneberg in die Belziger Straße. Die Riesengebirgs-Oberschule entstand...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Eine Schönheit ist sie nicht gerade. Dafür fehlt es ihr an Glanz, Charme, an Liebenswürdigkeit. Mit den paar frisch sanierten Gründerzeitfassaden, auf die sogleich Wohnbauten der Fünfziger oder ergraute Altbauten folgen, ist kein Staat zu machen. Aber alle 25 Jahre erlebt die Belziger Straße einen neuen Frühling Dann erscheint sie ungeheuer attraktiv. Kleinunternehmen lassen sich in den Hinterhöfen nieder, Läden eröffnen in den Vorderhäusern. So ist es auch jetzt: Leben pulsiert durch die Mini-Magistrale, die eher verborgen hinter Schönebergs vierspuriger Hauptstraße liegt.

An der Belziger Straße, die ihren Namen 1884 nach der brandenburgischen Kreisstadt am Fläming erhielt, lässt sich das Auf und Ab eines ganzen Kiezes ablesen, die Gleichzeitigkeit verschiedener Entwicklungsprozesse. Am unteren Ende, wo sie vis-à-vis vom Rathaus Schöneberg auf die Martin-Luther-Straße stößt, macht sich immer noch der Wegzug des Abgeordnetenhauses bemerkbar, denn plötzlich fehlten Politiker und Beamte als Restaurantbesucher, Kunden der Wäscherei. Abstieg West en miniature. Nur das „Narkosestübchen“, das mit Rauchererlaubnis ködert, hat Konjunktur.

Am oberen Ende erlebt die Straße einen kleinen Boom. Hier kreuzt die Akazienstraße mit ihren Weinhandlungen, Buchhandlungen und Boutiquen die brave Belziger, ihr Glanz strahlt bis in die Nebenstraßen. Simone Rotsch beobachtet das mit gemischten Gefühlen. Sie steht vor ihrem Blumengeschäft „Rosenrausch“, zu dem als Gegenstück einst die Kohlehandlung nebenan gehörte. Inzwischen ist das Geschäft leer. Nur das Schild „Holz + Kohlen“ grüßt noch aus einer anderen Zeit. Sie ist hier in den Fünfzigern aufgewachsen und erlebt, wie die Nachbarn von einst den Kiez kaum noch leisten können.

Aus der alten Holzhandlung ist eine Papeterie geworden, aus dem vermufften Antiquariat ein Modeladen. Das mediterrane Gourmetgeschäft an der Ecke zur Akazienstraße gibt es schon seit knapp 25 Jahren. Damals erlebte die Belziger Straße ihren letzten Frühling. Der „Südwind“, so Ladengründerin Astrid Peacock stolz, gehörte zu den ersten Geschäften in Berlin, die südländische Feinkost importierten. Bhagwan-Jünger als Kundschaft mit gehobenen Ansprüchen hatten sich rundum einquartiert, eröffneten zudem eigene Restaurants und Yoga-Schulen.

Um die gleiche Zeit eröffnete Alf Nagel seinen Möbelladen, in dem Regale, Schränke und Sideboards gefertigt werden. In Schöneberg fand er seine Klientel, Akademiker, Künstler, Architekten, die sich für ihre Altbauwohnungen individuelle Möbel bauen ließen. Schon früher – nicht erst in den Achtzigern, als Weichholzmöbel in Mode kamen – hatten sich hier Schreinereien niedergelassen.

Holzbetriebe sind typisch für die Belziger Straße, die Schöneberger Mischung. Um die Jahrhundertwende, als die Stadt noch nicht eingemeindet war, legte sich um das Zentrum ein wilhelminischer Großstadtgürtel mit Industriebetrieben in den Hinterhöfen. In Nummer 25 sieht man das noch: Man wohnte im Vorderhaus, arbeitete im Hinterhaus. Die Wege waren kurz, gegen Lärm und Schmutz protestierte damals noch niemand.

Wie nahe Arbeiten und Wohnen hier schon immer beieinanderlagen, verrät das Postfuhramt West, ein Vorzeigebau der Neuen Sachlichkeit von 1932, der sich mit seinen gerundeten Ecken aus dunklen Klinkern wie ein schwerer Dampfer zwischen die Fassaden der Wohnhäuser schiebt. Gleich nebenan produzierte das Bestattungsunternehmen Grieneisen seine Särge. Aus den alten Fabriketagen sollen nun Loftwohnungen werden.

Auch das Straßenbahndepot wartet auf eine Metamorphose. Noch in den Neunzigern wollte das Kunstamt Schöneberg in den drei Wagenhallen Kiezkultur unterbringen, mit Theaterbühne, Künstlerateliers und Proberäumen für Bands. Inzwischen kümmert sich das Liegenschaftsamt um die Immobilie und würde den halben Block am liebsten sofort verscherbeln, hätten die Denkmalschützer nicht ein Auge auf die Hallen. Wo sich um 1900 noch die Ställe der „Großen Berliner Pferdeeisenbahn“ befanden und bis in die Sechziger Straßenbahnen ein- und ausfuhren, bleiben vorerst die Limousinen des Senats und abgeschleppte Autos untergestellt.

Der Heinrich-Lassen-Park und der Friedhof daneben zeugen noch am ehesten von der Vergangenheit Schönebergs. Der älteste Grabstein für den Königlichen Hoftapezierer Thomas Feger stammt von 1718. Neben der Friedhofsmauer hatten die Bauern Hausgärten angelegt, die sie auch nach Umwandlung ihrer Äcker in Bauland behielten. Das letzte freie Fleckchen wurde zum Bürgerpark, benannt nach jenem Baurat Heinrich Lassen, der hier in den Zwanzigern ein Städtisches Bad errichten ließ, damit die Bürger sich duschen konnten.

Zur Grundversorgung der aufstrebenden Stadt Schöneberg gehörte neben der Hygiene auch die Bildung. Um die Jahrhundertwende entstand die Riesengebirgsschule mit jeder Menge neogotischem Zierrat und gewaltigen Rosettenfenstern. Seit dem zweiten Weltkrieg hat das Gebäude nicht nur sein gewaltiges Satteldach verloren, sondern auch so manchen Namenswechsel mitgemacht. Erst vor wenigen Wochen wurde die integrierte Sekundarschule in Gustav-Langenscheidt-Schule umbenannt – nach dem Schöneberger Verleger und Erfinder der Lautschrift. Für Direktorin Ruth Jordan ist der neue Name ein Versprechen, denn 80 Prozent ihrer Schüler, die vornehmlich aus dem nördlichen Schöneberg kommen, haben einen migrantischen Hintergrund; da gehört das gegenseitige Verstehen zu den ersten Herausforderungen.

Ein wenig mag das Misstrauen der Nachbarschaft gegenüber den Schülern an das frühere Verhältnis zur Maison de Santé erinnern. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand die erste Kur- und Nervenheilanstalt Berlins noch vor den Toren der Stadt. Geblieben sind von der Maison de Santé einzelne Gebäudeteile: die Kapelle, die Frauenabteilung, in der heute ein Kindergarten logiert, das Haupthaus beherbergt eine Moschee, dazu ein Supermarkt. Sogar der Kurpark existiert noch in Teilen. Unter den letzten Kastanien hat im August eine Eisdiele aufgemacht. Der tapfere Gründer freut sich über den goldenen Oktober.

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