Stricken im Trend : Anders gestrickt

Stricken galt als spießig und öko. Nun machen es viele junge Frauen – weil es guttut und plötzlich cool ist. Ein Selbstversuch.

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Gemeinsam stricken: Swantje Wendt (ganz links) bietet in ihrem Laden "Nadelwald" in der Friedelstraße Strickkurse für Anfänger an.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
14.02.2012 17:21Gemeinsam stricken: Swantje Wendt (ganz links) bietet in ihrem Laden "Nadelwald" in der Friedelstraße Strickkurse für Anfänger an.

Da hängt sie jetzt. Einfach von der Nadel gerutscht, nähert sich die kleine Schlaufe bedrohlich dem Wollwust. Sie sollte nun sauber aufgereiht neben den anderen auf der Stricknadel liegen. Stattdessen rutscht sie immer tiefer ab, und meine verkrampften Finger schaffen es nicht, sie wieder in die rettende Ordnung zu angeln. Was mache ich hier nur?

„Gar kein Problem“, sagt Katharina Meintke und eilt gerade noch rechtzeitig herbei, bevor ich dieses ockerbraune Gewirr aus Wolle und Nadeln an die Wand pfeffern kann. Sie übernimmt, zack, zack hat sie die Masche wieder aufgefädelt. „Das sieht doch schon sehr gut aus“, sagt sie aufmunternd. Was soll sie auch sonst sagen? Katharina Meintke ist Modedesignerin und bietet nebenbei Strickkurse für Anfänger an. Denn neuerdings, sagt sie, wollen alle wieder stricken.

Im Internet gibt es unzählige Blogs, auf Youtube Hunderte Strickanleitungen, die jeden einzelnen Schritt liebevoll vorführen. Ravelry.com ist eine Art Facebook für Stricker, wo man seine Freunde über Projekte informieren, Anleitungen teilen und fertige Stücke präsentieren kann. In Gruppen verabredet man sich zum Stricken, „Berlin Knits“ hat knapp 500 Mitglieder. Warum tut man das, wo es doch Schals in allen Farben für wenig Geld bei H&M oder Zara an jeder Ecke gibt?

Um das zu ergründen, begebe ich mich zum Strickkurs in den „Nadelwald“, einen Laden in der Friedelstraße im Neuköllner Reuterkiez. Drei Samstagnachmittage à drei Stunden kosten 100 Euro. Sechs Frauen sind gekommen, alle zwischen 24 und 35. Alex möchte Socken stricken, Yvonne wollte es immer schon lernen, Jacky macht gern alles selbst. Und ich? Wollte nie stricken, fand es spießig, öko, langweilig. In der Schule wählte ich Werken, in der Pause war ich Rudi Völler. Meine Mutter schenkte mir Alice-Schwarzer-Bücher. Ist Stricken nicht ein Verrat an allem, was ihre Generation erkämpft hat, quasi der Inbegriff der weiblichen Domestizierung?

Es ist nett im „Nadelwald“. Wir sitzen auf alten Sesseln, plaudern, es gibt Tee und Bier. Swantje Wendt schaut zu. Sie hat den Laden erst im September eröffnet. Eigentlich wollte die 33-Jährige ein eigenes Modelabel gründen. Doch als sie von der Auflösung eines Nähateliers erfuhr, kaufte sie 13 Nähmaschinen und entschied sich kurzerhand für ein anderes Konzept: Nun vermietet sie Arbeitsplätze für 8,50 Euro die Stunde. Die fertigen Produkte können direkt im Laden verkauft werden. Auch Meintkes Strickmützen liegen hier in den Regalen. Es läuft gut an, sagt Swantje Wendt. „Viele haben wieder Lust, etwas mit den Händen zu machen.“

Ines Imdahl, Diplom-Psychologin am Kölner Marktforschungsinstitut Rheingold, hat das in mehreren Erhebungen bestätigt. Viele verspürten den Drang, etwas Eigenes zu erschaffen, ein Gegengewicht zur abstrakten, meist computerdominierten Arbeit des Alltags, schreibt Imdahl. Die Zahlen der Initiative Handarbeit belegen das: Die Verkäufe von Handstrickgarnen sind in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Trendforscher der Initiative gehen davon aus, dass die Do-it-yourself-Bewegung eine ähnliche Entwicklung nimmt wie die Bio-Bewegung. „Sie beschreibt den Überdruss an der Konsumgesellschaft“, sagt eine Sprecherin.

Ich denke an meine Weihnachtseinkäufe zurück. Konsumverweigerer sind mir in den aufgeregten Massen nicht begegnet. Doch auch Swantje Wendt erzählt von einer neuen Lust auf Nachhaltigkeit. „Die Leute wollen Sachen, die sie länger tragen können“, sagt die gelernte Schneiderin. „Sie kommen her, weil ihr Lieblingsteil ein Loch hat, und wollen lernen, wie man es repariert.“ Das habe auch etwas mit einer Lust auf Langsamkeit zu tun.

Langsamkeit. Den Faden von hinten nach vorne zwischen den kleinen und den Ringfinger legen, hinten um den Ring- und den Mittelfinger herum, dann zweimal um den Zeigefinger, von hinten kommend um den Daumen, festhalten. „Alles klar?“, fragt Katharina Meintke und blickt in sechs verwirrte Gesichter. Welches Ende hängen lassen? Wohin mit der Nadel? Mantraartig wiederholt Meintke, wie man Maschen anschlägt. „Ich komme“, ruft sie vergnügt und beginnt von vorn.

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