Streetart : Die Miss Marple der Graffiti-Szene

Angelika Bruer hat ein aufregendes Hobby: Sie verfolgt die Spuren von Streetart-Machern in Berlin und fotografiert ihre Bilder. Dabei geht sie vor wie ein Detektiv. Inzwischen kennen sogar die Künstler die 63-Jährige.

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Angelika Bruer, 63, Verwaltungsangestellte, wohnhaft in Rudow.
Angelika Bruer, 63, Verwaltungsangestellte, wohnhaft in Rudow.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Eigentlich sieht es bei Angelika Bruer aus, wie es bei älteren Damen eben aussieht. Die 63-Jährige sitzt auf ihrer beigen Sitzgruppe, auf dem Couchtisch ein Stapel Fotoalben, neben ihr zwei Teddys. Doch etwas passt nicht. An der Wand hängt neben dem Jesusbild ein Druck des Streetart-Künstlers Emess, ein poppiges Porträt der Queen. Die Fotos in den Alben zeigen Straßenkunst: Graffiti, Giebelbilder, Schablonenwerke. Dann redet Bruer auf einmal von ihrem „Kumpel“, dessen „Crew“ und von „Streetart“.

Diese Begriffe spricht Angelika Bruer deutsch aus. Englisch kann sie nicht so gut. Manchmal ist das hinderlich, wenn sie in der Szene unterwegs ist. Seit fast zehn Jahren macht Bruer Fotos von Berliner Straßenkunst. Sie lebt in einem kleinen Haus mit Garten in Rudow, mit einem ihrer zwei Söhne. Von dort zieht sie los, in alle Ecken Berlins. Inzwischen hat sie 40 Alben vollgemacht, es müssen rund 6000 Fotos sein, schätzt sie. Sie würde noch mehr Zeit hineinstecken, würde sie nicht als Verwaltungsangestellte arbeiten.

Angelika Bruer lebt schon immer in Rudow, mit Heinz Buschkowsky ist sie zur Schule gegangen. Sie hat keine Enkelkinder, die ihre Aufmerksamkeit fordern. Stattdessen verbringt sie täglich mindestens zwei Stunden damit, vergängliche Straßenkunst zu archivieren. Außerdem hat sie einen weiteren Schatz: kleine Notizbücher, mit Originalen aus der Szene. El Bocho hat ihr seine „Little Lucy“ mit zerfetzter Katze gezeichnet. MTO, der Macher des irren Jack Nicholson am Kreuzberger Heinrichplatz, hat sich verewigt, ebenso wie Gert Neuhaus, der Brandmauern und Giebelwände mit riesigen Reißverschlüssen öffnet oder große Dampfer herausfahren lässt. Alles Unikate.

Bildergalerie: Die Miss Marple der Graffiti-Szene

Miss Marple fotografiert Streetart
Die Fotos und Skizzen in den Alben zeigen Graffitis, Giebelbilder und Schablonenwerke.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: tsp/Kitty Kleist-Heinrich
18.07.2012 14:02Die Fotos und Skizzen in den Alben zeigen Graffitis, Giebelbilder und Schablonenwerke.

Angelika Bruers Hobby ist Detektivarbeit. Anfang des Jahres hat sie drei Monate lang ein Bild gesucht. Der französische Straßenkünstler C215 hatte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion acht Bilder in Kreuzberg angebracht, eines davon ein schlafender Stadtstreicher. Auf den Fotos, die er ins Internet stellte, suchte Bruer nach Anhaltspunkten im Hintergrund: ein rotes Haus, einen Supermarkt, einen Park. Beim Stadtstreicher war ein Fenster mit Mäusegitter alles, was sie hatte. Sie schrieb den Künstler mehrfach an, aber es kam zu Missverständnissen, er meinte ein anderes Bild. Sie fragte im Quartiersmanagement nach, in einem Laden für Sprühdosen, in der Szene. Keiner wusste was. Dann kam ihr ein Gedanke, den man nur aus Thrillern kennt. Wie die Spur eines Serienmörders verfolgte sie das nächtliche Werk von C215. Sie zog eine Linie seiner Arbeit von der Warschauer Straße über den Görlitzer Bahnhof bis zur Mariannenstraße und sah: Der Stadtstreicher musste in der Skalitzer Straße sein. Tagelang lief sie die Strecke ab, immer mit der Ahnung, das Bild könnte längst übermalt sein. Der Moment, als sie es fand, sei Adrenalin pur gewesen, sagt Bruer. „Wie bei Miss Marple, wenn sie einen Fall löst.“

Es ist alles so gekommen, weil Angelika Bruer sich im Sommerurlaub vor zehn Jahren langweilte. Zur Ablenkung fotografierte sie „die vielen bunten Bilder“ in Berlins Straßen – und hörte nicht mehr auf. Heute möchte sie ihre Altersgenossen dazu bringen, Straßenkunst als Bereicherung zu sehen. Wobei sie nicht genau sagen kann, was sie daran anzieht. Es ist die Komposition, die Farbgestaltung, der Ausdruck, „ein Bauchgefühl“. „Was im Internet oft als Streetart bezeichnet wird, da kann ich nur den Kopf schütteln.“ Sie mag keineswegs alles.

Angelika Bruers Leben ist anders geworden. „Wäre ich zu Hause geblieben, hätte ich nie all diese Leute kennengelernt.“ Sie wird auf Vernissagen eingeladen, bekommt Besuch von Künstlern, die ihre Sammlung sehen wollen, wird von ihnen quer durch die Stadt zu deren Kunstwerken gefahren. Sie hat einen neuen Blick für Berlin, für die Kuriositäten. Sie sieht jetzt die Schuhe, die an Bäumen baumeln, die Vorhängeschlösser, die an Kanalbrücken ewige Liebe schwören. Dieser Blick macht das Leben aufregend für Angelika Bruer.

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