Suizid als Tabuthema : Nicht totschweigen!

Jedes Jahr sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Unfälle, Gewalt und illegale Drogen. Trotzdem wird über das Thema kaum gesprochen. Experten und Betroffene fordern: Lasst uns das endlich ändern!

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Wir brauchen keine Skandalgeschichten von Suizidfällen in den Medien. Wir brauchen eine Diskussion.
Wir brauchen keine Skandalgeschichten von Suizidfällen in den Medien. Wir brauchen eine Diskussion.Foto: Imago

Morgens am S-Bahnhof, Warten auf die Ringbahn: Aktentaschen, müde Gesichter, hektische Blicke auf die Uhr. Doch der Zug, der laut Anzeige längst eingefahren sein sollte, kommt nicht, der Bahnsteig füllt sich immer weiter. Dann springt die Anzeigetafel um: „Wegen eines Notarzteinsatzes kommt es derzeit zu Verspätungen.“ Die Menschen stöhnen auf, laufen los, zur Bushaltestelle. Bloß nicht wieder zu spät im Büro sein! Diese verdammte S-Bahn!

Was in diesen Momenten vielleicht ein paar hundert Meter weiter auf den Gleisen passiert, spielt für die meisten Passagiere kaum eine Rolle. Was soll schon los sein? Vielleicht ist jemand in der S-Bahn umgekippt, vielleicht hat sich einer verletzt, der noch hineinspringen wollte, als sich die Türen schon schlossen. Es passiert ja so viel.

Eine logische Erklärung? Als ob es so etwas gäbe

Es wird gern verdrängt, ist manchen vielleicht auch unbekannt: Hinter dem Begriff „Notarzteinsatz“ verbergen sich oft dramatische Unglücke. Jugendliche, die beim S-Bahn-Surfen zu Tode kommen, Menschen, die einen nahenden Zug zu spät sehen. Besonders häufig sind jedoch sogenannte Schienensuizide. Menschen nehmen sich das Leben, ein Zug ist ihre Waffe. 630 Menschen haben sich laut aktuellster Todesursachenstatistik des Bundes im Jahr 2014 absichtlich „vor ein sich bewegendes Objekt“ geworfen oder gelegt. In der Regel sind das Züge und U-Bahnen. Diese Fälle sind aber nur Teil eines größeren Problems, das in unserer Gesellschaft wenig Aufmerksamkeit bekommt. Aus Unwissenheit, aus Verlegenheit, aus Angst, es könnte häufiger passieren, wenn man darüber redet.

Das Thema Suizid taucht meist nur dann in öffentlichen Diskussionen auf, wenn ein Prominenter sich das Leben genommen hat. Dann wird wild spekuliert und getratscht. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist der Tod des Profifußballers Robert Enke im November 2009. Wochenlang waren Zeitungen, Blogs und Fernsehsendungen voller Berichte über Enke, seine Frau, Brüche im Familienleben. Es wurde bekannt, wie lange der Sportler in Behandlung war und was er in seinen Abschiedsbrief geschrieben hat. Journalisten versuchten, die Hintergründe des Suizids zu analysieren, eine logische Erklärung für Enkes Handeln zu finden – als ob es so etwas gäbe.

Berichterstattung kann die Fallzahlen steigen lassen

Häufig taucht rund um die Berichterstattung über Suizide auch der Begriff „Werther-Effekt“ auf. Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ war 1774 ein Bestseller – und ein furchtbarer Skandal. Die Fälle junger Leser, die sich mit dem tragischen Helden so sehr identifizierten, dass sie seine Selbsttötung imitierten, sollen sich seinerzeit gehäuft haben. Seither gab es zahlreiche Studien zu Zusammenhängen zwischen der medialen Thematisierung realer Fälle und regionaler oder nationaler Suizidraten. Auch deutsche Bahngesellschaften registrieren bis heute einen „Enke-Effekt“: Junge, depressive Männer, für die Enke ein Idol ist, steigen mit Fan-Schal ausgestattet auf die Gleise.

Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass Artikel und Fernsehbeiträge die Fallzahlen tatsächlich steigen lassen, weisen aber auch darauf hin, dass die Art und Weise, wie über Suizid gesprochen oder geschrieben wird, bedeutsam ist. „Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung“, heißt es im Pressekodex des Deutschen Presserates. Dass man darauf verzichten sollte, Ort, Todesart und Motive zu nennen, kam auch bei einem Presseseminar der Deutsche Bahn Stiftung zur Sprache. Regelmäßig spricht der Presserat Missbilligungen und Rügen aus, weil Medien Details von Suizidfällen oder Einzelheiten aus dem Privatleben der Betroffenen schildern – nicht nur bei Prominenten.

Jeder zehnte Berliner Todesfall beruht auf Suizid

Auch wir haben uns gefragt, ob dieser Artikel falsche Signale aussenden könnte, ob sie gefährdete Menschen in ihren Suizidplänen bestärken könnte, ob wir als Journalistinnen verantwortungsvoll handeln. Was wir nicht wollten: Skandale, Gruselgeschichten, Porträts von Menschen, die sich das Leben genommen haben. Stattdessen haben wir mit acht Berlinerinnen und Berlinern gesprochen, die in unterschiedlichen Situationen mit Suiziden in Berührung kommen, aus beruflichen oder privaten Gründen. Manche von ihnen gehen das Thema kühl und analytisch an, andere emotional und leidenschaftlich. Sie alle sind Teil einer kaum sichtbaren, aber im Alltag dieser Stadt sehr präsenten Infrastruktur. Diese Menschen kümmern sich um Zeugen, sind Hinterbliebene, klären Versicherungsfragen oder betrachten Suizide aus wissenschaftlicher Perspektive. Auch sie haben Unsicherheiten und offene Fragen, aber eine gemeinsame Meinung: Über Suizid muss mehr gesprochen werden – aber richtig.

Mehr als 10.000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr durch Suizid. In Berlin wurden zuletzt 341 Fälle für das Jahr 2013 registriert, jeder zehnte Todesfall war ein Suizid. Damit sterben mehr Menschen durch Selbsttötung als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen zusammen, so die Bilanz der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Überlebende kämpfen oft lebenslang mit den Folgen

Dazu kommen die Suizidversuche. Deren Anzahl liegt Schätzungen zufolge um ein Zehn- bis Zwanzigfaches höher, also jährlich etwa 150.000 Selbsttötungsversuche bundesweit. Die Überlebenden sind häufig verstümmelt, leiden lebenslang Schmerzen, brauchen medizinische Hilfe. Dabei geht niemand wirklich freiwillig: Depression gilt als häufigste Ursache – nicht nur im Winter, wenn es dunkel, grau und kalt ist, sondern gerade auch in der Frühlingszeit.

Depression kann wortwörtlich lebensmüde machen, und es misslingt viel zu häufig, sie zu erkennen und rechtzeitig zu heilen. Darum erleben so viele Menschen Suizidfälle im Freundeskreis, in der Familie, unter den Kollegen oder an der Uni. Es macht sprachlos, traurig, verzweifelt, wütend auf sich selbst. Hätte man nicht etwas tun können, mehr tun können? Für die Hinterbliebenen bleibt die Welt stehen, vielleicht bricht sie auch zusammen – und irgendwo kommt wieder ein Zug nicht pünktlich.

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