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Totes Kleinkind in Berlin : Gesundheitssenator plädiert für Impfpflicht bei Masern

Ein anderthalbjähriger Junge aus Reinickendorf, der an Masern erkrankt war, ist bereits am Mittwoch in einer Klinik gestorben. Grünen-Gesundheitsexperte Heiko Thomas ist anders als Senator Mario Czaja dennoch gegen Impfzwang.

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Masernvirus
Gefährlich. Masern sind ansteckender als die meisten Viren - und tückisch. Sie legen wochenlang das menschliche Immunsystem lahm...Foto: Hans Gelderblom, Freya Kaulbars. Kolorierung: Andrea Schnartendorff / RKI

Rund um den sonst eher geruhsamen Gesundheitsausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus ist am Montag heftig über Masern und Impfzwang diskutiert worden. Kurz zuvor war Gesundheitssenator Mario Czaja mit einer erschütternden Nachricht vor Journalisten getreten: Demnach ist bereits vergangenen Mittwoch ein anderhalbjähriger Junge aus Reinickendorf, der an Masern erkrankt war, in einem Krankenhaus gestorben. Die Klinik informierte wie vorgeschrieben das Gesundheitsamt, dass setzte dann das zuständige Landesamt für Soziales und Gesundheit (Lageso) in Kenntnis. Das Lageso informierte am Montagmorgen die Senatsverwaltung. Alle Personen, die mit dem Kind in Kontakt gewesen seien, seien mittlerweile medizinisch überprüft worden - sollten sich Bekannte und Verwandte angesteckt haben, seien sie also in Behandlung.

Mario Czaja: Bin für Impfpflicht

"Der Junge ist gegen alles geimpft gewesen - außer gegen Masern", sagte Czaja nach der Ausschusssitzung. "Auch dieser Fall zeigt, dass es sich bei Masern um eine schwerwiegende Erkrankung handelt", sagte Czaja. "Ich bin für eine Impfpflicht." Der Senator appellierte an die Bevölkerung, sich impfen zu lassen. Auch jeder Erwachsene solle seinen Impfstatus überprüfen, unter Erwachsenen gebe es die meisten Impflücken, in den Grundschulen seien dagegen mehr als 90 Prozent der Kinder zweimal - also besonders sicher - geimpft.

Grüne: Aufklärung statt Zwang

Derweil warnte der Gesundheitsexperte der Berliner Grünen, Heiko Thomas, im Gespräch mit dem Tagesspiegel vor einem Impfzwang. Eine Behandlung gegen den Willen der Betroffenen sei nicht nur rechtlich problematisch - das sieht auch Gesundheitsexperte der Berliner Linken, Wolfgang Albers, so. Es stelle sich die Frage: Was passiert, wenn jemand partout nicht geimpft werden möchte? Bestünde eine Pflicht, müssten Beamte sie im Notfall auch mit Gewalt durchsetzen, dass hieße: Betroffene gewaltsam zu spritzen. Senator Czaja räumte noch am Montag ein, dass sich eine Impfpflicht "bei den derzeitigen politischen Verhältnissen nicht durchsetzen" lasse.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: Impfpflicht kein Tabu

Auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat sich am Montag dazu geäußert: Die Impflücken in Deutschland seien viel zu groß. Er verwies wie Czaja auf den aktuellen Entwurf des Präventionsgesetzes, dass noch 2015 verabschiedet werden soll. Es sehe vor, dass Eltern vor der Anmeldung ihrer Kinder in der Kita eine Bescheinigung über eine Impfberatung vorlegen müssen. Eine Impfpflicht sei "kein Tabu, aber
sie steht jetzt nicht an". Wer sein eigenes Kind nicht impfen lasse, gefährde auch den Gruppenschutz in Kita oder Schule, verhalte sich also auch anderen Kindern gegenüber verantwortungslos .

Berlin erlebt zwar derzeit mit 568 Erkrankungen seit Oktober 2014 den größten Masernausbruch seit Beginn der Meldepflicht im Jahr 2001. Am Montag fiel gar vorsorglich der Unterricht an der Carl-Zeiss-Sekundarschule aus, nachdem ein Schüler sich angesteckt hatte.

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