Berlin : Türken in Berlin: Beruf: Arbeitslos in dritter Generation

Suzan Gülfirat

Fast jeder zweite Türke im erwerbsfähigen Alter in Berlin ist nach Angaben des Landesarbeitsamtes arbeitslos. Von den 276 000 Arbeitslosen waren im Februar 20 400 türkischer Herkunft. Das sind knapp 42 Prozent aller Türken im erwerbsfähigen Alter. Angesichts dieser Zahl warnte die Ausländerbeauftragte des Senats, Barbara John, gestern vor einem dramatischen sozialen Abstieg vieler in Berlin lebender Türken. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt habe sich für sie in den vergangenen zehn Jahren entgegen den Erwartungen erheblich verschlechtert, wie sie gestern bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Türkischen Bund Berlin-Brandenburg (TBB) und des Landesarbeitsamtes Berlin-Brandenburg sagte.

Als Ursache wird vor allem die mangelnde Schulbildung der zweiten Generation der hier lebenden Türken hervorgehoben. Rund 20 Prozent der türkischen Schüler verlassen die Schule ohne Abschluss. Und 93 Prozent der türkischstämmigen arbeitslosen Frauen sind ohne Berufsabschluss. Berufliche Weiterbildung findet kaum statt. Nur fünf Prozent der türkischstämmigen Arbeitslosen bilden sich beruflich fort.

Eine Bildungs- und Beschäftigungsoffensive für die Zuwanderer sei dringend notwendig, sagte John.

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Derzeit leiden die Türken in Berlin als größte nichtdeutsche Minderheit unter der höchsten Arbeitslosenquote. "Immer mehr Türken richten sich in der Arbeitslosigkeit ein und steuern auf eine Bildungskatastrophe zu", befürchtete auch Alisan Genç vom Türkischen Bund. Viele Türken nähmen ihre Situation ohne Widerstand hin. Mangelndes Bildungsbewusstsein in den Familien, oft auch Unkenntnis über das Schul- und Ausbildungswesen, aber auch wenig ambitioniertes Entgegenwirken der Politik sieht er als Ursache für diese Situation. Die erste Generation der Migranten sei praktisch komplett aus dem Arbeitsmarkt gedrängt worden und versuche, sich mit dem Beziehen von Sozialleistungen "in die Rente zu retten".

Ebenso habe die Integration der zweiten und dritten Generation der türkischen Zuwanderer in den Arbeitsmarkt nicht funktioniert. 70 Prozent der türkischen Schüler erreichten bestenfalls einen erweiterten Haupschulabschluss, so dass die meisten Jugendlichen im Ausbildungsalter enorme Bildungsdefizite hätten.

Der Präsident des Landesarbeitsamtes, Klaus Clausnitzer, nannte die geringen Kenntnisse der deutschen Sprache als Hauptgrund für die hohe Arbeitslosigkeit unter den Türken. Eine Lösung dafür kann es aus seiner Sicht daher nur in den Familien geben. Es sei wichtig für die Kinder der Ausländer und für ihre Kindeskinder, dass sie Deutsch lernten. Die türkischstämmigen Berliner sollten mehr Bereitschaft zur Teilnahme an beruflicher Qualifizierung zeigen. Auch die gesetzlichen Möglichkeiten zur Förderung bestimmter Bevölkerungsgruppen müssten überdacht werden.

Insgesamt werden in diesem Jahr vom Landesarbeitsamt rund 870 Millionen Mark zur Förderung von Qualifizierungmaßnahmen bereitgestellt. Die Ausländerbeauftragte unterstützt Ausbildungsförderung und -vorbereitung mit rund einer Million Mark. Etwa die Hälfte dieses Geldes kommt von der EU.

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