Umstrittene Lehrerin : Ursula Sarrazin, die Anklägerin

01.10.2012 09:08 Uhrvon
Umstritten: Ursula Sarrazin. Foto: Thilo Rückeis
Umstritten: Ursula Sarrazin. - Foto: Thilo Rückeis

Ursula Sarrazin galt als umstrittenste Lehrerin im Land. Viele glauben, sich von ihr ein Bild machen zu können. Am Montag erscheint ihr Buch: eine Abrechnung mit Berlins Schullandschaft. Meint sie das wirklich alles ernst? Zeit für ein Gespräch.

Sie stutzt. Hat sie das geschrieben? Sie guckt in ihrem Exemplar nach, das sie mitgebracht hat in ein Café am U-Bahnhof Neu-Westend. Ursula Sarrazin hat einige Buchseiten mit bunten Klebestreifen markiert. Auf Seite 271 hat sie nichts eingeklebt, dort stehen die Worte: „Drahtzieher“ und „Vernichtung“. Als sie die Stelle findet, sagt die Frau des ehemaligen Bundesbank-Vorstands und Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin, gelassen: „Als Lehrerin bin ich vernichtet worden.“

Das ist der Ton, um den es hier geht. Leise vorgetragen, aber unerbittlich in seiner Botschaft.

Die Lehrerin Ursula Sarrazin existiert nicht mehr, so sieht sie es, offiziell ist sie seit Ende des Schuljahres 2010/2011 auf eigenen Antrag beurlaubt.

Aber die Frau, 60, die diesen Beruf 30 Jahre lang mit „Begeisterung“ ausgeübt hat, wie sie sagt, hat dieses Kapitel ihres Lebens noch nicht abgeschlossen.

Deshalb hat sie ein Buch geschrieben, 288 Seiten dick, „Hexenjagd. Mein Schuldienst in Berlin.“ Ein „Tatsachenbericht“, wie sie es nennt. Es erscheint an diesem Montag, und es ist ein wichtiger Teil von Ursula Sarrazins Mission, ihren guten Ruf wiederherzustellen. Auch deshalb ist sie hierher gekommen, ins „Wiener Café“, eine Institution schon zu West-Berliner-Zeiten. Hier, nahe ihrem Haus und ihrer Schule, an der sie zuletzt unterrichtet hat, ist das Leben immer ein langer, ruhiger Fluss gewesen. Erschütterungen finden normalerweise jenseits dieses bürgerlichen Kiezes statt, aber das Buch, das sie geschrieben hat, ist eine einzige Erschütterung.

Die Geschichte über Ursula Sarrazin und das Berliner Schulleben ist verworren. Wer sie verstehen will, wird sich verirren. Sie ist überlagert von Vorurteilen und Halbwahrheiten, Missgunst und Überheblichkeit. Und die gegenseitigen Vorwürfe sind erniedrigend. Gesunder Menschenverstand, Mäßigung spielen keine Rolle.

Nebenberuf Bestsellerautor: Sarrazin und Co.:

Sie kommt allein und zu Fuß. In den drei Stunden, die das Gespräch dauert, bewahrt sie Haltung, beantwortet alle Fragen offen. Manchmal, wenn sie lacht, sieht sie aus wie ein junges Mädchen. Sie hat Sommersprossen, strahlt keine Kälte aus und redet nie verbissen. Ursula Sarrazin hat sich im Griff, denn es geht ihr um das Große und Ganze, um ihre Reinwaschung.

Den Fall Sarrazin, der zeitweise alle wichtigen Zeitungen und Magazine des Landes beschäftigte, sogar Talk-Shows, hätte es ohne Thilo Sarrazins Arbeit als Finanzsenator und ohne sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ wohl nie gegeben. Landauf, landab wurde 2011 über „Deutschlands umstrittenste Lehrerin“ berichtet, wie die „Bild“-Zeitung schrieb. Seit 2008 waren immer wieder ähnlich lautende Vorwürfe zu lesen: Sarrazin schreie Schüler an, bringe sie zum Weinen, beleidige ausländische Schüler, verbiete Kindern zur Toilette zu gehen, habe ein Kind geschlagen. Sie sei zu streng, benote zu hart, habe ein Kind unrechtmäßig zurückversetzt. Eltern beschwerten sich massiv, schrieben Briefe, Dienstaufsichtsbeschwerden wurden formuliert, schließlich wurde „roter Filz“ vermutet, weil der Schulsenator und der prominente Ehemann der SPD angehörten und statt ihrer ein Schulrat versetzt worden war.

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