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Vergleichsarbeiten der Berliner Drittklässler : Großes Risiko - in Deutsch und Mathe

Der neue Länderbericht für "Vera 3" zeigt, dass die Grundschulen in Berlin vor immensen Problemen stehen. Es könnte der letzte Bericht gewesen sein.

ABC und mehr: Die Berliner Grundschulen schaffen ihr Pensum nicht.
ABC und mehr: Die Berliner Grundschulen schaffen ihr Pensum nicht.Foto: picture alliance / dpa

Das Warten hat ein Ende: Mit dreimonatiger Verzögerung haben das Institut für Schulqualität (ISQ) und die Senatsverwaltung für Bildung am Mittwoch den Länderbericht mit den Ergebnissen der Vergleichsarbeiten der Drittklässler - Vera 3 - für 2016 veröffentlicht. Wie in den Vorjahren liegt ein großer Anteil der Schüler in Mathematik und Deutsch unterhalb des Mindeststandards. Bei den Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache (ndH) betrifft dies sogar bis zu 48 Prozent der Kinder. Untersucht wurden im Deutschen die Bereiche Lesen und Zuhören. In Mathematik ging es um "Zahlen und Operationen" sowie um "Muster und Strukturen".

Am besten konnten die Drittklässler zuhören: Fast 60 Prozent schafften es hier bereits in der dritten Klasse, jene Kompetenzen zu erreichen, die zum Ende der vierten Klasse beherrscht werden sollen. Andererseits lag aber jeder vierte Schüler (24 Prozent) auf der untersten Kompetenzstufe: Für diese Schüler dürfte es sehr schwer werden, die Grundschulzeit erfolgreich abzuschließen.

An den Grundschulen fehlen Fachlehrer

Zur "Risikogruppe" zählen aber auch die Kinder, die auf der zweiten der insgesamt fünf Kompetenzstufen liegen. Wenn man diese "Risikogruppe" - also die untersten beiden Kompetenzstufen - als Ganzes betrachtet, gehören ihr im Bereich "Zuhören" 41 Prozent an (ndH: 65 %), im Bereich "Deutsch lesen" 52 Prozent (ndH: 62%), in "Mathematik/Zahlen und Operationen" 64 Prozent (ndH: 74 %) und im Bereich "Mathematik/Muster und Strukturen" 47 Prozent (ndH: 60 %).

"Vera bedeutet Anstrengungsbereitschaft von Schulleitungen und Lehrkräften, sich mit den Ergebnissen auseinanderzusetzen und daraus Schlüsse für ihren Unterricht zu ziehen,“ kommentierte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) die jüngsten Ergebnisse. Sie verwies auch auf die bestehenden Unterstützungsangebote für die Schulen, darunter der Einsatz von Fachcoaches, die in der neuen Legislaturperiode personell verstärkt werden sollen. Zudem können Schulen die Unterstützung durch Sprachbildungskoordinatoren anfordern. Als weitere Hilfen wurde auf die Gründung der I-MINT-Akademie verwiesen sowie auf die Gründung des Zentrums für Sprachbildung.

Wichtig ist auch, dass das Lehrkräftebildungsgesetz modifiziert wurde: Seit zwei Jahren her müssen alle angehenden Grundschullehrer die Fächer Deutsch und Mathematik studieren. Bislang werden diese Fächer oftmals von Lehrern unterrichtet, die andere Fächer studiert haben - etwa Sachkunde, Musik oder Sport.

Ein Vergleich zu den Vorjahren ist kaum möglich

Allerdings wird es noch einige Jahre dauern, bis die neu ausgebildeten Lehrer an den Schulen ankommen. Die Lage wird noch dadurch erschwert, dass Berlin jahrelang zu wenig Grundschullehrer ausgebildet hat: Wie berichtet kommen jetzt bei Neueinstellungen vor allem Studienräte und Quereinsteiger zum Einsatz.

Ein Vergleich mit den Vorjahren ist kaum möglich, weil jedes Jahr unterschiedliche Bereiche getestet werden und weil die Aufgaben nicht immer gleich gewichtet sind. Dies lässt sich damit begründen, dass Vera 3 - ebenso wie Vera 8 - nicht dazu gedacht sind, Jahres- oder Ländervergleiche zu ermöglichen. Vielmehr ist Vera dafür entwickelt worden, den Lehrern ein Instrument an die Hand zu geben, mit dem sie feststellen können, wo ihre Schüler im Vergleich zu den bundesweit festgelegten Kompetenzen liegen sowie im Vergleich zu den Parallelklassen in der eigenen Schule und im Vergleich zu Schulen in ähnlicher sozialer Lage.

Aus diesem Grunde erwägt Berlin, künftig nur noch den Schulen die für sie maßgeblichen Ergebnisse zur Verfügung zu stellen und keinen Landesbericht mehr zu veröffentlichen. Diesen Weg gehen auch alle anderen Bundesländer außer Brandenburg. Das würde allerdings bedeuten, dass niemand außerhalb des ISQ und der Verwaltung mehr erführe, wie groß die Risikogruppe ist. Der SPD-Politiker Joschka Langenbrinck fände diese "Geheimniskrämerei bedauerlich".

Rot-Rot-Grün will Vera 3 auf Klasse 4 verschieben

Noch ist unklar, wie es auch inhaltlich mit Vera 3 in Berlin weitergeht. Wie berichtet, will die rot-rot-grüne Koalition die Arbeit künftig erst in der 4. Klasse schreiben lassen. Das wäre aber nicht vor 2019 umsetzbar, weil für 2018 bereits die Weichen gestellt sind. Das muss aber noch mit der Kultusministerkonferenz ausgehandelt werden.

Die Idee einer Verschiebung war entstanden, weil die Schulen schon lange über die demotivierenden Ergebnisse klagen. Zudem hat Berlin mit seiner sechsjährigen Grundschule andere Voraussetzungen: Viele Lehrer meinen daher, dass ihnen das Feedback in der dritten Klasse nichts nützt.

Brandenburg will einen Tag später an die Öffentlichkeit gehen

"Das heutige Vera 3 verstärkt eher das Gefühl der Ohnmacht an Schulen", hat auch die bildungspolitische SPD-Sprecherin Maja Lasic beobachtet. Der potentielle Wechsel zu Vera 4 könne die zu erreichenden Ziele in realistischere Nähe rücken, erwartet sie: "Vera soll motivierend wirken und einen Anstoß für weitere Schulentwicklung geben - gerade in sozialen Brennpunkten. Wenn sich durch die Verschiebung mehr Schulen auf den mühsamen Weg der datenbasierten Schulentwicklung machen, ist es das Geld allemal wert", sagte Lasic angesichts der drohenden Mehrkosten, die durch eine Verschiebung entstehen würden."

Brandenburg will seinen Vera-3-Bericht an diesem Donnerstag der Öffentlichkeit vorstellen. Wie künftig, also ab Vera 2017, mit den Landesergebnissen verfahren werde, sei noch nicht entschieden, sagte ein Sprecher des Bildungsministeriums auf Anfrage. Die letzten Ergebnisse aus Brandenburg für die Achtklässler (Vera 8) waren schwach gefallen, was auch für Berlin gegolten hatte. Dass die Vera-8-Ergebnisse ein realistisches Bild von den Fähigkeiten der Schüler zeigen, bestätigten zuletzt auch die Ländervergleiche in Klasse 9.

Erst seit Pisa wird verglichen

Bundesweite Vergleichsarbeiten werden in Deutschland erst seit dem schlechten deutschen Abschneiden bei der Pisa-Studie geschrieben. Es gibt sie für Klasse 3 und 8. Es geht jeweils um die Schlüsselkompetenzen in Deutsch und Mathematik, wobei jedes Jahr andere Bereiche im Fokus stehen. 2015 war es Rechtschreibung, 2016 Zuhören. Alle Dritt- und Achtklässler schreiben bundesweit mit.

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