Berlin : Verwandtenehe: Türken sollen sich dem Problem stellen

Ausländerbeauftragte fordert bessere Aufklärung über die Risiken

Susanne Vieth-Entus

Berlins Ausländerbeauftragte Barbara John (CDU) plädiert für mehr Aufklärung über die gesundheitlichen Risiken bei Verwandtenehen. „Man sollte sich mit türkischen Medizinern zusammensetzen und das Thema mit großer Klarheit und sensibel angehen“, sagte sie auf Anfrage. Gestern hatte der Tagesspiegel über die große Verbreitung von Cousin-Cousinen-Ehen unter türkischen Berlinern berichtet und darauf hingewiesen, dass sich in diesen Ehen für die Kinder das Risiko einer genetisch bedingten Erkrankung verdoppelt.

Die Ausländerbeauftragte hält es auch deshalb für wichtig, „sich mit medizinischen Argumenten zu versorgen“, weil viele Verwandtenehen als Zwangsehen geschlossen werden: Wenn türkische, aber auch libanesische oder irakische Familien mehr über die Risiken wüssten, würden sie vielleicht weniger darauf beharren, dass ihre Kinder Verwandte heiraten, erwartet John.

Im Tagesspiegel meldeten sich gestern etliche Leser, die erleichtert darüber sind, dass das Problem überhaupt einmal thematisiert wurde. „Seit Jahrzehnten haben wir damit zu tun, aber niemanden schien es zu interessieren“, berichtete etwa die Allgemeinmedizinerin Hella Wanckel. Sie arbeitete 25 Jahre lang in der Praxis ihres Mannes in der Potsdamer Straße in Tiergarten und später in einer Reinickendorfer Kindertagesklinik, wo der Anteil der türkischen Kinder mit frühkindlichen Gehirnschäden auffällig groß gewesen sei: „Viele von ihnen hatten eindeutige genetische Defekte durch zu nahe Verwandtschaft“, berichtet die Ärztin. Aber aufgrund der Sprachprobleme sei es nicht einmal möglich gewesen, den Eltern den Sachverhalt zu erklären.

„Vielen ist das Risiko einfach nicht bewusst“, weiß auch Emine Yüksel, niedergelassene Ärztin in Tegel. Sie hat für ihre Doktorarbeit türkische sterile Paare und türkische Wöchnerinnen befragt und dabei auch bestätigt bekommen, dass Verwandtenehen häufig Zwangsehen sind. Und sie meint, dass sich die Türkische Gemeinde „endlich um das Thema kümmern müsste“.

Laut Barbara John hat ein Umdenken bereits begonnen. „Es gibt unter den Jugendlichen den Trend, sich gegen angebahnte Ehen aufzulehnen“. Dieser „wachsende Widerstand“ führe auch dazu, dass sich viele Betroffene in der Behörde der Ausländerbeauftragten Rat holten. Es gebe sogar junge Leute, die bei Besuchen in der Türkei verheiratet wurden, und die sich jetzt weigern, einen Nachzugsantrag für den Ehegatten zu stellen. Laut Professor Rolf-Dieter Wegner, Humangenetiker aus Charlottenburg, ist es für junge Paare nicht möglich, vorab durch genetische Untersuchungen ein Erkrankungsrisiko der Kinder auszuschließen. Wer das glaube, sei „blauäugig“, so Wegner.

Die FDP-Bildungspolitikerin Mieke Senftleben forderte gestern, bereits in der Schule – etwa im Fach Ethik/Philosophie – das Problem der Zwangs- und Verwandtenehe zu behandeln.

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