Berlin : Weg mit dem Speck

Auf der Online-Plattform Glamya kann jeder seine Urlaubsfotos professionell retuschieren lassen.

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Macht Menschen schöner. Zumindest auf dem Bild. Glamya- Gründer Sian-Ru Lai hat inzwischen 10 000 Kunden. Durchschnittlich zwölf Euro kostet die professionelle Bearbeitung der Privatfotos. Foto: Thilo Rückeis
Macht Menschen schöner. Zumindest auf dem Bild. Glamya- Gründer Sian-Ru Lai hat inzwischen 10 000 Kunden. Durchschnittlich zwölf...

Die Schule hat wieder begonnen, viele Berliner sind gerade zurückgekehrt und sichten die Urlaubsfotos. Nicht jeder ist mit den Schnappschüssen vom Badeurlaub wirklich glücklich und fragt sich: Will ich das wirklich bei Facebook hochladen oder meinen Freunden zeigen? Dazu hatte Sian-Ru Lai die passende Geschäftsidee.

„Glamya“ heißt die 2011 gegründete Plattform, die Privatfotos professionell retuschiert. Durchschnittlich zwölf Euro kostet die Profibearbeitung. Die Grafiker machen das, was man von den Gesichtern und Körpern auf Magazin-Titelseiten und Werbeplakaten kennt: sie entfernen Augenringe, Falten, Narben, Pickel. Die Augenfarbe wird intensiviert oder geändert, auch die letzte Sommersprosse verschwindet mit ein paar Klicks. Die Website von Glamya wirbt unter anderem mit dem Foto einer Frau im Bikini, die nach der Bildbearbeitung wesentlich gebräunter und um ein paar Kilo schlanker wirkt. Manche Kunden lassen gleich ganze Sets von Fotos bearbeiten, erzählt Lai. Andere verwenden die Retusche, um sich vor Sehenswürdigkeiten freistellen zu lassen, so dass störende Touristengruppen aus dem Foto verschwinden.

Schon während der Schulzeit betrieb der 31-jährige Lai eine Internetplattform mit Veranstaltungsfotos und begann Bilder zu retuschieren. Nach seinem Abschluss als Wirtschaftsingenieur begann er vor drei Jahren von einem Keller in Baden-Württemberg aus die Selbstständigkeit in Berlin vorzubereiten. Das war anfangs gar nicht so einfach. Die Freunde belächelten die Idee anfangs, nach dem Umzug wartete er drei Monate auf seinen Internetanschluss. Mittlerweile hat Glamya 10 000 Kunden, 1000 Grafiker greifen auf das Portal zu.

Dort lädt ein Kunde das jeweilige Foto hoch, samt Beschreibung, wie er sich das Resultat vorstellt. Oft sei das nur: das Foto soll gut aussehen, erzählt Lai. Darauf bekommt der Kunde etwa fünf Angebote von Grafikern, die häufig Varianten schicken. Die Grenze der Bearbeitung setze jeder Kunde selbst, sagt Sian-Ru Lai. Der Großteil der Kundschaft seien Frauen, die schon im Berufsleben stehen. Sie wollen „natürlich“ aussehen, sagt er. Das heiße: zehn Jahre jünger als in Wirklichkeit, aber nicht zwanzig Jahre. Retuschieren sei die Kunst, dass das Bild besser aussehe, ohne dass man etwas von der Bearbeitung merkt, meint Lai. Falten, Flecken, Sommersprossen werden von den Grafikern oft auch ohne expliziten Auftrag entfernt. Manche Grafiker retuschieren mehr als erwünscht, bezahlen müsse man aber nur für das Foto, das am besten gefällt.

Dem Kunden Alexander Holst war es zu viel: der 30-Jährige und seine Freundin kochen sehr gerne und fotografieren sich häufig beim Essen. Für ein Fotobuch ließ er die Aufnahmen, die teilweise zu schattig waren, über Glamya bearbeiten. Auf den bearbeiteten Fotos, die zurückkamen, habe die Freundin teilweise sehr künstlich gewirkt. Ihre Augen waren plötzlich sehr hell, sie wurde viel dünner.

Sian-Ru Lai glaubt nicht, dass Frauen unter Druck stehen, makellos zu erscheinen, wenn nun auch vermehrt private Fotos retuschiert werden. Auch ein kreativer, spielerischer Umgang mit der Bearbeitung sei möglich. Einige professionelle Fotografen machen sich durch die Plattform jedenfalls ein leichteres Leben: Weil Glamya eine relativ günstige Variante ist, Fotos bearbeiten zu lassen, lagern sie die eigene Retusche-Dienstleistung über das Portal aus. Katharina Ludwig

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