Weit im Westen : Berlin bei Spandau

Stadtrand, Stolz und Vorurteil: Unser Autor Lucas Vogelsang macht sich auf die Suche nach der Identität seines verkannten Heimatbezirks.

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Ismael Öner, 33, ist in der ehemaligen Mau-Mau-Siedlung in Haselhorst aufgewachsen. Mit dem Projekt Mitternachtssport holt er Jugendliche von der Straße. Sie nennen ihn "Issi abi" - ihren großen Bruder.
Ismael Öner, 33, ist in der ehemaligen Mau-Mau-Siedlung in Haselhorst aufgewachsen. Mit dem Projekt Mitternachtssport holt er...Foto: Paul Zinken

Es ist ein Aufkleber, der das Selbstverständnis der Spandauer ganz gut zusammenfasst. Er klebte an der Wohnungstür meiner Großmutter, dunkles Sperrholz, Messingknauf. Darauf, schwarz auf gelb, ein Wegweiser mit zwei Pfeilen. Geradeaus ging es, in fetten Großbuchstaben, nach Spandau, links ab und vorortklein in Richtung Berlin. Ich habe das als Kind nie richtig verstanden.

Wenn mich früher im Urlaub jemand gefragt hat, woher ich komme, war die Antwort klar: Berlin. So wie jemand aus Schöneberg ja auch Berlin sagen würde und eben nicht Schöneberg. Nur auf Nachfrage sagte ich dann meist noch: Spandau. Und erntete, aha, ein Schulterzucken.

Wenn ich heute, mittlerweile in Mitte angekommen, auf dieselbe Frage mit „Spandau“ antworte, gibt es eigentlich nur zwei Reaktionen.

„Ihr da draußen in Spandau, ihr seid ja schon ein Völkchen.“ So spricht man gemeinhin mit Exoten, die auf Schrottplätzen wohnen oder mit Kindern einer Zirkusfamilie. Und doch ist das die harmlose Variante. Die andere ist dreckiger und meist eine nonverbale. Kaum merkliches Naserümpfen, Fremdscham-Mimik, während im Geiste des Gegenübers der Spandau-Film abläuft. Ein Zusammenschnitt einer RTL2-Reportage, auf Streife mit dem Ordnungsamt. Verwahrloste Kinder, Kriminalität, Elendsviertel am Ende der U7, Migrationsproblematik. Ein Schulterzucken aber gibt es nie.

Jedoch spiegeln auch diese Vorurteilsbilder, wie alle Klischees, zumindest in Ausschnitten, die Realität. Spandau verslumt, seit Jahren schon. Mir fällt das immer dann auf, wenn ich in die Straße fahre, in der ich groß geworden bin. Hakenfelde, das war mal Westberliner Stadtrand-Gemütlichkeit. Die Läden hießen „Rösler’s Feinbäckerei“ oder „Kartoffel Krohn“, es gab einen Kaiser’s, ein Reformhaus, eine Berliner Bank.

Ich habe dort eine Bullerbü-Kindheit erlebt. Unschuldige Sommer, Spielstraßen-Romantik. Spandau war deshalb lange mehr ein Gefühl als ein Ort. Wahrscheinlich ist das die Definition von Heimat. Mittlerweile aber ist Spandau für mich, von Berlin-Mitte aus gesehen, viel weiter weg als eine halbstündige S-Bahn-Fahrt.

Der Kaiser’s ist längst verschwunden, der Bäcker ein Wettstudio. „Neuköllner Verhältnisse“ hat das mal jemand genannt, das trifft es ganz gut. Im vergangenen Jahr sind 750 Leistungsempfänger nach Spandau gezogen, verdrängt aus der Innenstadt in die Hochhaussiedlungen am Rande des Randes. Die Arbeitslosenquote liegt noch immer bei 15 Prozent. Doch ist diese Wahrheit, meine und die der Zahlen, nur eine. Denn diesen Spandau-Stolz, das Aufkleber-Selbstverständnis, etwas Besonderes zu sein, das gibt es noch immer. Draußen in der Einfamilienhausidylle Kladows genauso wie im Grau der Problemkiezplatte. Man muss es nur finden.

Ein Spaziergang durch Spandau

Mit der Straßenbahn nach Spandau: Und sie fährt doch!
Und sie fährt doch nach Spandau: Diese alte Straßenbahn steht im Depot für Kommunalverkehr am Monumentenplatz in Schöneberg.Weitere Bilder anzeigen
1 von 94Foto: Imago
06.10.2016 07:51Und sie fährt doch nach Spandau: Diese alte Straßenbahn steht im Depot für Kommunalverkehr am Monumentenplatz in Schöneberg.

Anruf bei Ismael Öner, 33 Jahre alt, Diplom-Sozialarbeiter und der Mann mit dem Schlüssel zur Spandauer Nacht. Seit fast fünf Jahren öffnet er jeden Freitagabend, 21.30 Uhr, Sporthallen, um Jugendliche von der Straße zu holen, zumindest für ein paar Stunden. Öner ist das Gesicht des Projekts Mitternachtssport, aber vor allem ist er: Überzeugungsspandauer. „Du willst über Spandau reden, da kann ich dir eine Menge erzählen. Das ist meine Heimat.“ Wir treffen uns am nächsten Tag in der Altstadt. Wie früher in der Fußgängerzone. Dort, wo mal ein McDonald’s war und heute ein MäcGeiz Papp-Ostereier für 69 Cent verkauft. Öner trägt eine schwarze Trainingsjacke mit Streifen in den Farben Jamaikas, die zugleich die der kurdischen Flagge sind.

Die Jacke ist Ausdruck eines ausgeprägten Bewusstseins für Herkunft und Wurzeln, Stolz und Identität. Einer der ersten Öner-Sätze an diesem Morgen ist dann auch: „Ich bin ein Spandau-Nationalist.“ Er sagt ihn, während wir in seinem Auto sitzen, auf dem Weg nach Haselhorst.

Denn um sein Spandau erklären zu können, muss Ismael Öner in die ehemalige Kleinraumsiedlung am Pulvermühlenweg, im Volksmund der 60er Jahre nur „Mau-Mau-Siedlung“ genannt. Die Kampfzone der Asozialen. Früher standen hier Baracken für die Spätheimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg. Für die Flüchtlinge und Vertriebenen. In den Wohnungen, meist nicht mehr als 50 Quadratmeter groß, lebten Arbeiterfamilien, mit acht, manchmal dreizehn Kindern. Später kamen die Gastarbeiter dazu. Gastarbeiter wie Ismael Öners Vater Yilmaz, ein kurdischer Bauer. Einwanderung 1967. Eigentlich war er nur hierhergekommen, um für ein Stück Land zu sparen oder einen Traktor. Jedes Jahr hieß es: Nächsten Sommer geht es zurück. „Die Familie saß immer auf gepackten Koffern.“ 30 Jahre lang, zurück ging es nie. Die Heimat der Eltern wird für die Kinder zu einem merkwürdig fremden Ort, zu einer Dreitagereise mit dem Auto, in ein Land, in dem sie erst nur die Deutschländer sind, und später, nach der Eskalation des türkisch-kurdischen Konflikts 1984, die Kurden, unerwünschte Gäste.

In der Mau-Mau-Siedlung aber waren Öner und seine Geschwister fremd unter Fremden, anders unter anderen. Vielleicht ist das die Definition von Zuhause. Öner spricht über diese Zeit, über die Barackenkindheit, mit beschleunigter Stimme, als wäre Mau-Mau kein Stigma, sondern eine Auszeichnung, ein Titel nach einem Boxkampf über 15 Jahre.

Er parkt sein Auto im Grützmacherweg, steigt aus, schaut sich um, 360-Grad-Drehung, Ballhaus-Kamera. Die Baracken von damals wurden vor einigen Jahren abgerissen. Heute ist die Architektur moderner, auch die Wohnungen sind größer. Öner zeigt in Richtung Havel, ein glitzernder Strom am Ende der Straße: „Das war unser Mittelmeer.“ Die Siedlung war Abenteuerspielplatz und Schutzraum, den die Mau-Mau-Kinder nur selten verlassen haben: „Manchmal sind wir aber, um eine andere Welt zu sehen, mit dem 134er raus nach Kladow gefahren“, sagt Öner. Er erinnert sich an diese Reise wie an eine Safari zu den Reichen und Schönen, spricht über Kladow wie andere über Beverly Hills: „Wir sind da durch die Straßen gelaufen und haben uns immer gesagt, so ein Haus, so ein Auto haben wir später auch mal.“ Er nennt Kladow noch immer, wenn auch halb im Spaß, „die Bonzengegend“. Sie liegt eine halbe Stunde entfernt von Ismael Öners Kindheit. Hinter dem Ortsschild Gatow verebbt der Stadtlärm. Landstadt-Idylle. Rieselfelder und Reihenhäuser. Das Suburbia der Arztfrauen und Ponytöchter, Geigenstunden auf Teakterrassen. Eine andere Welt.

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