Wilde Tiere in Berlin-Spandau : Zehn tote Biber - ein Tunnel wäre die Rettung

In Haselhorst wurde ein 27,5 Kilo schweres Tier überfahren. "Es ist ein trauriges Jubiläum", wie die Naturschützer vom BUND beklagen. Jetzt wird über einen Rettungsweg nachgedacht.

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Baut auf Berlin. Seit 2007 hat sich die Zahl der Biber in der Stadt von etwa 25 auf 80 Tiere erhöht. Sogar in Parks werden sie gesichtet.
Baut auf Berlin. Seit 2007 hat sich die Zahl der Biber in der Stadt von etwa 25 auf 80 Tiere erhöht. Sogar in Parks werden sie...Foto: dpa

Die Lust auf junge frische Triebe, auf saftige Gehölze und krautige Wasserpflanzen wurde dem Biber zum Verhängnis. Dabei kam ihm sein ärgster Feind in Berlin in die Quere: das Auto. Und zwar in der Nacht zu Freitag auf der Rhenaniastraße im Spandauer Ortsteil Haselhorst. Dort wurde ein 27,5 Kilo schweres männliches Tier im Dunkeln überfahren, als es von seinem Familienbau im benachbarten Rohrbruchteich über den Asphalt zum nahen Erlenbruch wechseln wollte – seinem bevorzugten Nahrungsrevier. Für den Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) ist das ein „trauriges Jubiläum“. Die Naturfreunde führen genau Buch, wie viele der größten Nager Europas an derselben Stelle bereits totgefahren wurden: Seit 1999 waren es zehn Biber.

Nun will der BUND die Rhenaniastraße am liebsten für den Verkehr teilweise sperren lassen. Auch Daniel Buchholz, SPD-Umweltexperte im Abgeordnetenhaus und Vizechef seiner Partei in Spandau, will sich des „Biberproblems“, wie er sagt, „erneut annehmen“. Denn nirgendwo in Berlin leben offenbar so viele Biber wie in Haselhorst an der Oberhavel. „Dort ist ein Zentrum ihrer Population“, bestätigt der Wildtierbeauftragte des Senats, Derk Ehlert, die Aufregung um den Biberschutz im wilden Berlin. Erst im März gab es eine ähnliche Rettungsdebatte am Müggelseedamm in Friedrichshagen. Dort ging es allerdings um Eichhörnchen, die häufig überfahren wurden. Die Lösung war dort vergleichsweise einfach. Eine Eichhörnchenbrücke in Form eines Seils wurde über die Straße gespannt – zum Überklettern. Aber was lässt sich für die konsequent nachtaktiven, eher behäbigen und bis zu 1,40 Meter langen Biber am besten tun?

Wildes Berlin - zwei Tierfilmern auf den Fersen
Rosie Koch und Roland Gockel blicken auf ihr "Wildes Berlin". Ein einhalb Jahre Drehzeit, viele gute Tipps von Berlinern, die in ihrer Umgebung wilde Tiere ins Herz geschlossen haben und viele Gespräche waren nötig, um ihre zweiteilige Dokumentation fertig zu stellen, die am 1. Januar und am 5. Januar jeweils um 18.40 Uhr beim RBB zu sehen ist.Weitere Bilder anzeigen
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31.12.2013 20:58Rosie Koch und Roland Gockel blicken auf ihr "Wildes Berlin". Ein einhalb Jahre Drehzeit, viele gute Tipps von Berlinern, die in...

Wachsender Bestand

Das Problem wird die Berliner in den kommenden Jahren vermutlich häufiger beschäftigen. Denn in der Hauptstadt vermehren sich die heute streng geschützten Nager. Noch vor rund 40 Jahren waren sie in Deutschland nahezu ausgerottet. Man jagte sie vor allem wegen ihres wertvollen dichten Fells. Nach der Wende wurden dann einige Biberfamilien in Brandenburg ausgesetzt, sie fühlten sich in der wasserreichen Mark wohl und vermehrten sich rasch. Dort wird der Bestand inzwischen auf mehr als 2700 Exemplare geschätzt – und zum Problem für Bauern und Waldbesitzer. Die umtriebigen Vegetarier mit dem platten Schwanz fällen junge Bäume, durchwühlen Äcker und Deiche. Der Landtag debattiert bereits über Fang- und Abschussquoten.

Berlins wilde Seite
Ein Eichhörnchen in der Singerstraße konnte einen Lolli - eine willkommen Abwechslung zur Nuss. Wann kann man eigentlich ein Lolli-lutschendes Eichhörnchen sehen!? Wir suchen noch mehr Bilder über Berliner Wildtiere und bitten Sie: Senden auch Sie uns Ihre Fotos von wilden Tieren in Berlin an leserbilder@tagesspiegel.deWeitere Bilder anzeigen
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12.02.2013 11:59Ein Eichhörnchen in der Singerstraße konnte einen Lolli - eine willkommen Abwechslung zur Nuss. Wann kann man eigentlich ein...

Aus Brandenburg wanderten Biber seit Mitte der 90er Jahre dann nach Berlin ein. 2007 war ihr Bestand noch überschaubar, man sprach von etwa 25 Tieren. Als damals die Haselhorster Rhenaniastraße als „Todesfalle für Biber“ schon Schlagzeilen machte, verkündete SPD-Mann Daniel Buchholz: „Jedes totgefahrene Exemplar ist ein echter Verlust.“ Inzwischen ist Berlins Biberkolonie weiter kräftig gewachsen. 70 bis 80 Nager sollen es heute sein. Sie leben in rund 20 Familienverbänden.

Biberburgen am Wasser

Durch den Spandauer Schifffahrtskanal und die Spree sind sie bis zur Schleuse Plötzensee vorgedrungen. Biberburgen gibt es am Tegeler See und an mehreren Stellen der Oberhavel, ein Pärchen soll bei Tiefwerder in Spandau leben, auch an der unteren Havel in Höhe Pfaueninsel hat Berlins Wildtierbeauftragter Ehlert welche beobachtet. Außerdem im Schlosspark Charlottenburg, in der Jungfernheide sowie an Müggelsee und Müggelspree. Einzelgänger wurden sogar in Mitte an der Stadtspree gesichtet. „Die haben aber eine Expedition unternommen“, sagt Ehlert. „Dort siedelt sich keiner an.“

Langer Tag der Stadtnatur im Spandauer Wasserwerk
Am "Langen Tag der Stadtnatur" lud auch das Wasserwerk in Spandau zur Besichtigung von Flora und Fauna. Zu bestaunen gab es zum Beispiel den grünen "Teppich" auf dem Wasser. Die wenige Millimeter großen Blätter der Wasserlinsengewächse sind besser unter "Entengrütze" bekannt und so zahlreich, dass sie die komplette Oberfläche bedecken.Weitere Bilder anzeigen
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21.06.2011 10:58Am "Langen Tag der Stadtnatur" lud auch das Wasserwerk in Spandau zur Besichtigung von Flora und Fauna. Zu bestaunen gab es zum...

Im verwunschen Haselhorster Rohrbruchteich, auf dessen mittlerer Insel und an den flachen Ufern fühlen sich die Tiere hingegen ausgesprochen wohl. Drumherum Kleingärten, Einfamilienhäuser, es ist nicht allzu viel los. Die nahe Rhenaniastraße verbindet den Saatwinkler Damm mit der Spandauer-See-Brücke über die Havel, wird als Durchgangsstrecke also recht stark befahren. Schon seit 2008 stehen dort in Höhe Teich und Erlenbruch große Schilder „Achtung Biber – 30km/h“. Anfangs galt auch ein Nachtfahrverbot. Das hat man inzwischen aber wieder aufgehoben, weil es nicht kontrollierbar war und ständig missachtet wurde.

Die Naturschützer vom BUND verweisen auf die weitgehend parallel verlaufende nahe Daumstraße. Das sei ein Ersatz für die Rhenaniastraße, deshalb könne man diese außer für BVG und Anwohner für den Durchgangsverkehr sperren. Im Spandauer Rathaus sah man das bisher anders. Möglicherweise werden deshalb bald Bauarbeiter anrücken. Die Lösung könnte ein bibergerechter Tunnel unter der Straße sein – zur Futterkammer im Erlenbruch. Die Brandenburger haben mit solchen Tunneln schon gute Erfahrungen gemacht.

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