Berlin : Willkommen im Mode-Niemandsland

Andreas Murkudis hat die Szene in Mitte mitgeprägt. Jetzt ist er vor ihr geflohen – und verkauft seine Marken in der ehemaligen Tagesspiegel-Druckerei in der Potsdamer Straße

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Raum für Kreativität. 1000 Quadratmeter groß ist die alte Druckerhalle, in der sich Andreas Murkudis mit seinem neuen Geschäft breitgemacht hat. Hier bringt er fast all das unter, was er vorher auf vier einzelne Läden verteilt hatte. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Raum für Kreativität. 1000 Quadratmeter groß ist die alte Druckerhalle, in der sich Andreas Murkudis mit seinem neuen Geschäft...

Wenn Andreas Murkudis früher zur Arbeit gegangen ist, sah er Menschen mit Designer-Brillen, Jutebeuteln und Latte in der Hand. Heute fährt er durchs Modeniemandsland zur Arbeit, durch die Potsdamer Straße.

Ausgerechnet hier hat Murkudis, der hochwertige Bekleidung, Möbel, Accessoires und Objekte von Marken wie Dries Van Noten, Maison Margiela, E 15, Nymphenburg und natürlich die Kollektion seines Bruders Kostas verkauft, seinen neuen Laden eröffnet. Versteckt im Hinterhof des Hauses mit der Nummer 77–87 hat er den perfekten Ort gefunden: die alte Tagesspiegel-Druckerei. Seit 2003 wird die Zeitung in Spandau gedruckt, die Halle steht seither leer. Im Oktober 2009 zog auch der Tagesspiegel um, nach Kreuzberg an den Askanischen Platz. Heute erinnert nur noch der Tagesspiegel-Schriftzug am Gebäude daran, dass hier in der Potsdamer Straße eine Zeitung entstanden ist.

Durch das Einfahrtstor geht es in den großen Hinterhof, in dem sich mit der alten Druckhalle und den angrenzenden Gebäuden eine kreativen Enklave entwickelt. Das Londoner Künstlerpaar Sue Webster und Tim Noble hat hier seine Galerie Blain Southern eröffnet, aus der Zimmerstraße ist der Prager Jiri Svestka mit seiner Galerie hergezogen, die Leipziger Maerz-Galerie betreibt hier ihre Berliner Dependance und am Freitag eröffnete die Galerie Nolan Judin die Ausstellung „Dichter und Drogen“ von Dexter Dalwood. Vis-à-vis der Druckerei steht die denkmalgeschützte Villa, in der im späten 19. Jahrhundert der Maler Anton von Werner arbeitete und lebte, und in der noch immer Wandmalereien von damals zu sehen sind. Heute nutzt die Galerie 401 Contemporary die Villa, gerade werden hier unter dem Titel „Baumann & Fuchs“ Kunst von Christiane Möbus und Werke ausgewählter UdK-Künstler gezeigt.

Murkudis, 50, kennt die Ecke seit seiner Kindheit in den 70ern, als er mit dem Bus vom Wedding, wo er mit seinen vor dem griechischen Militärregime geflüchteten Eltern und seinem Bruder lebte, zur Sophie-Scholl-Schule nach Schöneberg gefahren ist. Heute wohnt Murkudis zwar weiterhin in Mitte, fasziniert aber ist er von der Ecke rund um die Potsdamer Straße. „Während sich Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg rasend schnell verändert haben, hat sich hier in den letzten 40 Jahren einfach nichts getan“, sagt Murkudis.

Dieser zumindest gefühlte Stillstand ist einer der Gründe, warum er sich hier so wohlfühlt. Denn Murkudis ist auf der Flucht – vor den Geistern, die er rief. Vor acht Jahren begann er, ein Imperium in der Münzstraße aufzubauen: Mode für Männer, Mode für Frauen, den Schiesser- und den Acneshop, Laden für Möbel, Design und Taschen. Nicht unwesentlich hat Murkudis so dazu beigetragen, dass sich die Mitte zu dem entwickelte, was sie heute ist: ein Anziehungspunkte für Kreative, Hipster und solche, die es gerne sein wollen. Filialen von Mainstream-Filialen siedelten sich an, die Mieten stiegen, eingesessene Mieter wie die Friseurin Ayfer und ein kleiner Espressoladen mussten aufgeben und plötzlich fühlte sich Murkudis umzingelt von Filialisten, wie er sie nennt. „Ich bin Opfer meiner eigenen Arbeit geworden“, sagt Murkudis.

Er wollte raus aus dem Rummel und ist deshalb sofort begeistert gewesen, als er im vergangenen Herbst die stillgelegte Druckerei in dem ruhigen Hinterhof sah. 1000 Quadratmeter ist sie groß, die Wände sind sieben Meter hoch. Hier bringt Murkudis all das unter, was er vorher auf vier einzelne Läden verteilt hatte, nur der Acne- und der Schiessershop bleiben in Mitte, „denn diese Marken passen in das gegenwärtige Umfeld“, sagt Murkudis. Bevor er den Laden Anfang Juli eröffnete, ließ er die Wände weiß streichen, neue Böden und eine Fußbodenheizung verlegen und große Panoramafenster einbauen. Durch die Scheiben schimmern die Kleider des Designers Dries Van Noten in ihren 143 Farben wie exotische Fische. Ansonsten aber erinnert Murkudis’ Laden weniger an ein Aquarium und mehr an ein Museum der schönen Dinge – nur, dass es diese Dinge nicht nur zu bestaunen, sondern auch zu kaufen gibt: Ein mit Kalbsleder bezogenes Skateboard, Jacken für Kleinkinder, handgestrickt von Bäuerinnen aus dem Schweizer Emmental, Schnaps und Liköre von der Brennerei Stählemühle. Schokolade von der Manufaktur Erich Hamann, die Murkudis schon als Kind wegen des besseren Geschmacks und der schönen Verpackung lieber kaufte als die von Aldi. Es sind alles Liebhaberstücke – zuallererst in dem Sinne, dass Murkudis sie mag.

Er könnte den riesigen Raum noch deutlich voller packen. „Aber ich möchte den Sachen Luft zum Atmen geben und die Leute auch nicht überfordern“, sagt Murkudis. Hinter jedem Produkt stehe eine Geschichte, „und wenn man die erklärt, dann verstehen die Leute auch, warum die Sachen ihren Preis haben.“

Auch die Hersteller schätzen Murkudis’ Liebe und Treue zu den Produkten. Zur Eröffnung haben viele deshalb spezielle Stücke angefertigt. Dries Van Noten schickte ihm beispielsweise 30 seiner schönsten Stoffe, aus denen sich die Kundinnen ihr individuelles Kleid schneidern lassen können.

Für solche Feinheiten reisen Kunden auch von der Mitte ins Modeniemandsland. Dass er mit seinem Umzug nun abermals einen Boom auslöst und ihm der Rummel aus Mitte in die Potsdamer Straße folgt, glaubt Murkudis nicht. „Hier werden keine 50 Bars und 20 Flagshipstores eröffnet, denn diese Ecke ist viel zu zäh, als dass sie aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden kann“, sagt Murkudis. Für 15 Jahre hat er die Druckerei erst mal angemietet. „Und ich gehe davon aus, dass ich nicht noch einmal flüchten muss“, sagt er. Nur einen Espressoladen wünscht sich Andreas Murkudis noch in der Ecke – Nonfat-Extra-Foam-Extra-Heat-Latte muss der aber nicht verkaufen.

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