• Zu wenig Lehrer in der Hauptstadt: Wer will Lehrer werden? Berlin lockt Kandidaten aus ganz Deutschland

Zu wenig Lehrer in der Hauptstadt : Wer will Lehrer werden? Berlin lockt Kandidaten aus ganz Deutschland

Berlins Schulen brauchen dringend mehr Lehrer. 260 Interessenten aus ganz Deutschland wurden am Sonnabend umworben – mit Bustouren nach Neukölln und Spandau, Broschüren, Jutebeuteln und Gummibärchen.

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Lass Dich überzeugen. Sebastian Schmidt reiste aus Gießen an, um sich über Lehrerstellen zu informieren.
Lass Dich überzeugen. Sebastian Schmidt reiste aus Gießen an, um sich über Lehrerstellen zu informieren.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Parks, das Wasser, das pulsierende Leben – der Stadtführer gibt alles, Berlin von der besten Seite zu präsentieren und er macht seine Sache gut. Als der Bus mit den Berlin-Besuchern aber die Neuköllner Hasenheide erreicht, übernimmt Schulstadträtin Franziska Giffey (SPD) das Mikrofon: Zur Rechten also die Hasenheide – „hier fängt nachher die Marihuana-Parade an“, so die Stadträtin – zur Linken der Hermannplatz. Ab jetzt geht es schnurstracks hinein nach Neukölln, in Giffeys Revier. „Da können Sie sich auf einiges gefasst machen“, sagt sie.

Zwei Stunden Zeit hat sie, um ihre Gäste im Reisebus vom Standort Neukölln zu überzeugen. Denn die meisten von ihnen haben etwas, das sie für die Stadt attraktiv macht: eine Lehrerausbildung. Wegen des Lehrermangels zum beginnenden Schuljahr hat die Berliner Schulverwaltung am Sonnabend zum „Berlin-Tag“ geladen. 260 junge Lehrer und Referendare aus dem ganzen Bundesgebiet haben sich angemeldet, um sich über den Standort zu informieren – inklusive Bustouren durch die Brennpunktbezirke Neukölln und Spandau.

Marode Schulgebäude gab's nicht zu sehen

Für die Veranstaltung hat die Industrie- und Handelskammer ihre exklusiven Räumlichkeiten im Ludwig-Erhard-Haus am Bahnhof Zoo zur Verfügung gestellt – hier erinnert erst mal nichts an verranzte Schultoiletten und marode Schulgebäude. Vielmehr werden die Interessenten mit Gummibärchen, Schokolade und Getränken umgarnt. Am Eingang erhalten die Angereisten einen Jutebeutel für die Infobroschüren der Senatsverwaltung, mit einem Aufdruck des Fernsehturms.

Auch Sebastian Schmidt, 33, aus Gießen, hat schon einen abgegriffen. Um kurz nach Mitternacht ist Schmidt angekommen, mit einem vergünstigten Reiseticket der Bahn, das die Lehreranwärter von der Senatsverwaltung bei der Anmeldung bekommen haben. Schmidt ist eigentlich wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Gießen, doch er möchte nicht ewig so weiter machen: „Sich von Projektstelle zu Projektstelle zu hangeln, ist auf Dauer keine schöne Perspektive.“ Das Berliner Angebot ist verlockend: eine unbefristete Lehrerstelle. „Das ist der Hammer“, sagt Schmidt.

,,Das ist ja hier wie beim ersten Date"

Werbung in eigener Sache hat der Berliner ja sonst nicht nötig. Aber wenn der Schulverwaltung ein paar hundert Lehrer zum neuen Schuljahr fehlen, dann ist Eigeninitiative gefragt. Glaubt man Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), die im Ludwig-Erhard-Haus die Begrüßungsrede hält, ist Berlin die beste Stadt Europas. Schmidt steht unter den Zuhörern. „Das ist ja wie beim ersten Date, wenn der andere es zu sehr wissen will“, sagt er und lacht. „Aber die brauchen halt einfach Leute.“

Am Mikro. Schulstadträtin Franziska Giffey (SPD) präsentierte während der Bustour für Lehrerinteressenten ihren Bezirk Neukölln.
Am Mikro. Schulstadträtin Franziska Giffey (SPD) präsentierte während der Bustour für Lehrerinteressenten ihren Bezirk Neukölln.Foto: Franziska Felber

Sebastian Schmidt hat wegen der Unilaufbahn, die er zunächst eingeschlagen hatte, bislang nur sein erstes Staatsexamen gemacht – doch auch dafür bietet Berlin eine Lösung, indem die Bewerber ihr Referendariat auch berufsbegleitend absolvieren können. Zunächst aber kann er sich vorstellen, an einer Berliner Schule für einige Zeit zu hospitieren. An Ständen stellen sich mehrere Schulen vor, die Schulleiter sind persönlich gekommen.

Viele wollen erstmal in einer Schule hospitieren

Dann starten die beiden Bustouren nach Neukölln und Spandau . Die Interessenten sollen einen Eindruck von den Bezirken und der Schulsituation erhalten. Der Bus nach Neukölln, der bis nach Gropiusstadt und wieder zurück fährt – und natürlich den einst berüchtigten Campus Rütli nicht auslässt – ist fast voll. Mehr als 20 Interessierte haben sich neben Giffey und Schulrat Meinhard Jacobs einen Platz gesucht. Der Schulrat verteilt zunächst einen Neuköllner Kulturkalender – man hat hier schließlich was zu bieten. Dann redet Franziska Giffey begleitend zur Rundfahrt fast zwei Stunden lang über ihren Bezirk und über Schulprojekte.

Auch Sebastian Schmidt sitzt im Bus, vor zwei Lehrerinnen des „Campus Efeuweg“ in der südlichen Gropiusstadt. Als der Bus vor dem Schulgelände hält, fragt er sie nach der Möglichkeit einer Hospitanz. Sofort bekommt er eine Broschüre zum Campus zugesteckt. Am Schluss hat Schmidt das Gefühl, den Bezirk „mit Licht- und Schattenseiten, so ehrlich wie’s nur geht“, gesehen zu haben – ungewöhnlich fürs erste Date, aber reizvoll. Ihm sei klar geworden: „Man setzt sich hier nicht ins gemachte Nest. Es gibt viel zu tun.“ Jetzt möchte er gerne hospitieren an einer Berliner Schule. Angebote hat er genug.

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