Zum 100. Geburtstag : Willy Brandt - der Staatsmann und Berlin

Mit dem Namen Willy Brandt ist eine ganze Ära in Berlin verbunden. Eine Spurensuche zum 100. Geburtstag des SPD-Politikers, ehemaligen Bundeskanzlers und Friedensnobelpreisträgers durch die Hauptstadt.

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Willy Brandt und Berlin: Das ist eine höchst geschichtsträchtige Beziehung. Wir laden Sie ein auf eine historische Bildertour. Diese Aufnahme zeigt Brandt bei einer Kundgebung des DGB am 1. Mai 1962 auf dem Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude.Alle Bilder anzeigen
Foto: epd
08.12.2013 10:05Willy Brandt und Berlin: Das ist eine höchst geschichtsträchtige Beziehung. Wir laden Sie ein auf eine historische Bildertour....

Die Eigenart dieses Mannes zeigte sich an dem Jahr, in dem er sich dazu entschied, sein Leben in Berlin zu leben: 1948, das Jahr, in dem die Blockade begann, das dritte Jahr nach dem Krieg, als die Teilung die Stadt spaltete.

Willy Brandt hätte andere Wege gehen und andere Orte zum Leben wählen können. Sicher nicht Lübeck, wo er 1913 geboren war, aber doch Orte in Schweden oder eher noch Norwegen, dem Land, das es gut mit ihm gemeint hatte, als von seiner deutschen Heimat Terror ausging und Berlin ein organisatorisches Zentrum dieses Terrors gewesen war.

Doch Willy Brandt, Sozialist, Journalist, passionierter Politiker und außerdem Vater einer kleinen Tochter, spürte wohl die Spannungen in diesem städtischen Trümmerfeld namens Berlin, ehemalige Reichshauptstadt und jetzt, drei Jahre nach dem Krieg, das wichtigste Objekt neuer Machtkämpfe zwischen den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs.

Man musste, als Zuwanderer, schon fasziniert sein von den in Berlin wirkenden, vielleicht auch nur zu erahnenden politischen Kräften, um es hier auszuhalten, erst recht in einer Zeit, in der die freie Hälfte Berlins von Flugzeugen abhängig war, die im Minutentakt brachten, was die Stadt zum Leben brauchte. An die in Oslo lebende Mutter seiner Tochter schrieb Brandt damals: „Ich habe früher Berlin und die Berliner nicht ausstehen können. Jetzt habe ich die Ruinenstadt gern und bin stolz auf eine Bevölkerung, die durch die Verteidigung ihres Rechtes daran teilnimmt, die Schande wegzuwaschen, die andere über dieses Volk gebracht haben. Entschuldige bitte die großen Worte, aber entweder geht alles schief, oder es ist ein wesentlicher Beitrag zur politisch-moralischen Regenerierung unseres Kontinents.“

Willy Brandt und Berlin
Willy Brandt und Berlin: Das ist eine höchst geschichtsträchtige Beziehung. Wir laden Sie ein auf eine historische Bildertour. Diese Aufnahme zeigt Brandt bei einer Kundgebung des DGB am 1. Mai 1962 auf dem Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude.Alle Bilder anzeigen
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08.12.2013 10:05Willy Brandt und Berlin: Das ist eine höchst geschichtsträchtige Beziehung. Wir laden Sie ein auf eine historische Bildertour....

So schrieb man damals, Pathos war gelegentlich angebracht, und so sah man als politischer Mensch diese Stadt und ihre Bedeutung jenseits täglicher Versorgungsfragen. Der Autor Torsten Körner zitiert Brandts Brief in seinem sehr detaillierten und persönlichen Buch „Die Familie Willy Brandt“. Er folgert, dass Brandt, der als Presseattaché der norwegischen Militärmission nach Berlin gekommen war, von der Stadt „elektrisiert war, weil der Ort seinem Begabungsprofil entgegenkam und hier nicht nur Politik, sondern vor allem Geschichte gemacht wurde“.

Es dauerte nicht lange, da wollte Brandt Einfluss nehmen auf diesen von den Kräften der Weltpolitik angetriebenen Prozess: Er gab den Posten des norwegischen Presseattachés auf und wurde Vertreter des SPD-Parteivorstandes in Berlin. Während der Blockade arbeitete er mit dem Regierenden Bürgermeister von West-Berlin, Ernst Reuter, zusammen.

So sehr war Brandt Politiker, das heißt Handlungsreisender für Ideen und Gestalter zwischenmenschlicher Beziehungen, dass seine eigentliche Berliner Phase mit ganz bürgerlichen Lebensumständen erst zwei Jahre später begann. In der Blockadezeit 1948/49 hatte Brandt (auch das beschreibt Torsten Körner über Brandts sehr einfühlsam verfasste Briefe an seine kleine Tochter) in einem „schönen kleinen Haus“ gelebt. „Es liegt an einem See, der Halensee heißt. Es ist tatsächlich in der Mitte der Stadt, aber doch auch ein bisschen ländlich. (...) Mein Büro ist im selben Haus, und ich habe furchtbar viel zu schaffen.“

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