Berlin : Zweitwohnsitz „Lindenstraße“

Ulrike Tscharre spielt Mutter Beimers Tochter. Bald ist die Neu-Berlinerin in einer Kinorolle zu sehen

Ulrike Simon

Larifari ist nicht ihr Ding. Entweder sie macht eine Sache richtig und bringt sie zu Ende, oder sie lässt es sein. So ist sie auch ihren Umzug von Köln nach Berlin angegangen. Ulrike Tscharre sitzt im herbstlichen Biergarten am Schlachtensee und schaut auf ihre zerschundenen Fingernägel. „In der neuen Wohnung ist schon fast alles fertig“, sagt sie und strahlt.

Seit Juni 2001 kennen Fernsehzuschauer Ulrike Tscharre als Marion, die Tochter von Mutter Beimer aus der „Lindenstraße“. Das ist eine der wenigen Figuren in der seit 19 Jahren laufenden ARD-Serie, die neu besetzt worden ist. Ulrike Tscharres Vorgängerin stand für die Rolle nicht mehr zur Verfügung. Also wurde erst ins Drehbuch geschrieben, Marion sei nach Frankreich gegangen; dann verschwand sie nach Indien. 2001 kehrte sie zurück, gespielt von Ulrike Tscharre.

Ursprünglich stammt Ulrike C. Tscharre – das C. steht für Claudia – aus dem schwäbischen 3000-Seelen-Dorf Bempflingen. Ihr Studium der neueren deutschen und englischen Literatur nahm die heute 30-Jährige nur auf, um „etwas Ordentliches“ zu lernen. Noch heute sagt sie: „Wenn es aus irgendeinem Grund mit der Schauspielerei nicht klappt, dann werde ich halt doch Buchhändlerin.“ Ihr wahrer Berufswunsch, die Schauspielerei, stand aber schon mit 16 fest, als sie mit Freunden eine Theatergruppe gegründet hatte. Studium und Theaterengagements führten sie dann über Tübingen, Ulm, Reutlingen und Stuttgart nach Köln, wo die „Lindenstraße“ gedreht wird. Nun hofft sie, sich hier in Berlin genauso schnell einzuleben wie in der Domstadt, in der es ihr zu eng geworden war. Sie wollte hierher, in die Großstadt, obwohl sie nie einen Bezug zu Berlin hatte. Nur einmal war sie hier. Auf Klassenfahrt. „Damals dachte ich, Berlin verschluckt mich.“ Jetzt lebt sie in dieser Stadt, die ihr damals so schmutzig und groß erschien. Sie wohnt nur einen Katzensprung vom Schlachtensee entfernt in einem schmucken Häuschen: „Eigentlich lebe ich hier wie auf dem Dorf“, sagt Ulrike Tscharre.

Ihren großen Augen gibt sie die Schuld, weshalb sie meist die Melancholische, Emotionale, Warmherzige spielt. In schlimmer Erinnerung ist ihr der erste Drehtag fürs Fernsehen. Sie war an diesem Tag so aufgeregt und stolz. Und dann wurde sie begrüßt mit dem Satz: „Hallo, bist du die Komparsin?“. Wenn so Fernsehen geht, dann will ich das nie wieder machen, sagte sie sich damals. Sie hat es dann doch wieder gemacht. Sei es in der Serie „Ina und Leo“ oder bei „Alarm für Cobra 11“. Nebenbei produziert sie Hörbücher und Hörspiele, zuletzt Frank Schätzings „Der Schwarm“.Jetzt hat sich ihr größter Wunsch erfüllt: ein Kinofilm. „Schöne Frauen“ heißt er und startet im Januar. Der Film wurde ihr und den vier anderen „schönen Frauen“, darunter Julia Jäger und Caroline Peters, auf den Leib geschrieben. Demnächst dreht sie mit demselben Autor Kinofilm Nummer zwei.

Gerade deshalb ist jetzt nicht die Zeit, sich einen Traum zu erfüllen: eine Reise nach Indien. Das wünscht sie sich, seitdem sie mit zwölf das Buch „Eine Reise nach Indien“ geschenkt bekam. Die Liebe zu Indien eint die Figur Marion Beimer und die Schauspielerin Ulrike Tscharre. Im Gegensatz zu Marion hat sie es aber nie bis Indien geschafft. Nur bis Sri Lanka, wo sie vier Wochen mit dem Rucksack unterwegs war. Das Geld für solche Reisen hat sie sich mit Studenten-Jobs verdient. Heute leistet sie sich solche Reisen nicht mehr. Es könnte ja sein, dass eine Einladung zu einem Casting oder ein Rollenangebot kommt. Aber erst einmal hat sie sowieso genug damit zu tun, neben dem „Lindenstraßen“-Dreh ihre neue Heimat kennen zu lernen.

Bei allen Belastungen lässt sich Ulrike Tscharre nicht von ihren regelmäßigen Reisen zu ihren Eltern nach Schwaben und nach Kärnten abhalten. Dort wohnt die Familie ihres Vaters, dort finden die großen Verwandtschaftstreffen statt. Auch dieses Weihnachten ist sie dort. Wie jedes Jahr. Gewisse Traditionen gehören zu jeder Familie. Das gilt nicht nur für die Beimers aus der „Lindenstraße“, durch deren Schlüsselloch die Zuschauer seit bald 1000 Folgen schauen.

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