100 Jahre "Der Sturm" : Herwarth Walden: Goldblond ist heute die Nacht

Zentrum der Avantgarde: Vor hundert Jahren gründete Herwarth Walden in Berlin die Galerie „Der Sturm“. Berliner Ausstellungsmacher haben das Jubiläum verschlafen - dafür feiert Wuppertal die "Kunstismen".

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Visionär mit Bodenhaftung. Herwarth Walden war Pianist, Galerist, Ehemann von Else Lasker-Schüler, Polemiker und „Kunstkämpfer“. 1910 hat Oskar Kokoschka ihn porträtiert.
Visionär mit Bodenhaftung. Herwarth Walden war Pianist, Galerist, Ehemann von Else Lasker-Schüler, Polemiker und „Kunstkämpfer“....Foto: Staatsgalerie Stuttgart © Fondation Oskar Kokoschka / VG Bild-Kunst, Bonn, 2011

Das ist keine Straße, nur ein Stummel. Die Joseph-von-Eichendorff-Gasse geht von der Alten Potsdamer Straße ab und endet an einem Seiteneingang der Potsdamer-Platz-Arkaden. Ein paar parkende Autos, Werbeschriftzüge auf pappbrauner Fassade: Wöhrl, Vodafone, Kaiser’s. Hier muss es gewesen sein, das Zentrum der Avantgarde. Die Adresse lautete damals Potsdamer Straße 134a, das Haus ist längst verschwunden, in dem die Galerie „Der Sturm“ residierte. Schon der Name signalisierte Aufruhr. Herwarth Walden, der seit 1910 eine gleichnamige „Zeitschrift für Kultur und die Künste“ herausgab, wollte Künstlern die Möglichkeit geben, „persönliche Erlebnisse“ zu gestalten, mit „inneren Sinnen“ zu schauen, „innere Gesichte“ auszudrücken. Vor hundert Jahren, im März 1912, eröffnete er seine Galerie. Im September 1921 fand bereits die hundertste Ausstellung statt, viele weitere folgten bis 1930.

Der „Sturm“ machte Künstler wie Franz Marc, August Macke, Gabriele Münter, Marc Chagall oder Robert Delaunay bekannt und half, die „Kunstismen“, Expressionismus, Futurismus, Dadaismus und Konstruktivismus durchzusetzen. Walden war ein ungemein agiler Projektmacher, ein Träumer mit Bodenhaftung, der an einen höheren Auftrag der Kunst glaubte und eine auf die Gesellschaft abstrahlende „Kunstwende“ erhoffte. Oskar Kokoschka, der einige Zeit zu seinen wichtigsten Weggefährten zählte, hat ihn „dahineilend als Kulturkämpfer auf dem Posten“ porträtiert. Das Gemälde zeigt den 34-Jährigen mit nervös gestrichelten Umrisslinien, Zwickerbrille, Denkerstirn und professoraler Halbmähne. Waldens schwärmerisches Urteil über Kandinsky ist auch als programmatischer Haussegen seiner Galerie zu verstehen: „Das stärkste, was Morgen heute bietet.“ Der Expressionismus war für ihn „keine Mode“, sondern „eine Weltanschauung“.

40 von 220 Wuppertaler Exponaten kommen aus Berlin

Hundert Jahre „Sturm“, das ist ein sehr berlinisches Thema, aber um sich einen Eindruck von der Galerie zu machen, muss man bis nach Wuppertal fahren, um nun eine klug komponierte Auswahl von Bildern zu sehen, die einst dort hingen. Die Berliner Museumsleute haben das Jubiläum verschlafen – dabei stammen rund 40 von 220 Exponaten im Von-der-Heydt-Museum aus der Hauptstadt, aus der Berlinischen Galerie, dem Brücke-Museum oder der Neuen Nationalgalerie. Andere Stücke wurden aus dem Pariser Centre Pompidou, dem MoMA und dem Guggenheim-Museum in New York ausgeliehen. Die Bilder, die durch Waldens Hände gingen, gehören heute zur Grundausstattung von Museen in der ganzen Welt.

Aber auch Wuppertal spielt eine Rolle in dieser Geschichte. Aus Wuppertal kam Else Lasker-Schüler, mit der Herwarth Walden in erster Ehe verheiratet war. Von der Dichterin stammt wahrscheinlich der Name für Zeitschrift und Galerie: „Der Sturm“. Und Wuppertal war ein Ort der Moderne, der Museumsmann Richart Reiche zeigte dort schon 1911 Gemälde von Marc und Jawlensky.

Allein für die Auftaktstation der Hommage, der die erste „Sturm“-Ausstellung mit Werken des „Blauen Reiters“ gewidmet ist, lohnt sich die Reise ins Bergische Land. Da hängen 21 expressionistische Inkunabeln nebeneinander in einem Saal, Jawlenskys „Mädchen mit Pfingstrosen“, eine „Dorfkirche“ und ein „Arabischer Friedhof“ von Kandinsky, der „Pierrot“ von August Macke, der „Affenfries“ und die „Blauen Fohlen“ von Franz Marc. Vorausgegangen war der „Sturm“-Präsentation 1912 ein kleiner Skandal.

Als August Macke und Franz Marc im Ersten Weltkrieg fielen, boomten ihre Bilder

Bei einer Ausstellung der Künstlervereinigung Sonderbund in Köln waren Werke des Blauen Reiters aussortiert worden, um mehr Platz für die Altvorderen der Bewegung wie Munch und van Gogh zu schaffen. Kandinsky und seine Freunde waren verärgert und schlossen sich Walden an. Als August Macke und Franz Marc im Ersten Weltkrieg fielen, begann ein patriotischer Heldenkult um ihr Werk, von dem die „Sturm“-Galerie finanziell profitierte. Ein Zugewinn am Zeitgeist, den die radikalen Berliner Dadaisten George Grosz und John Heartfield später Walden vorwerfen sollten.