80 Jahre Machtübernahme : Wie der Terror begann

Inge Deutschkron überlebte als Jüdin in einem Versteck in Berlin den Holocaust. Hier dokumentieren wir ihre Rede zum Tag des Gedenkens, die sie am 30. Januar im Deutschen Bundestag hielt, zum 80. Jahrestag von Hitlers Machtübernahme.

Inge Deutschkron
Inge Deutschkron, 90, in der Gedenkstätte der Blindenwerkstatt Otto Weidt am Hackeschen Markt. Hier konnte sie während des Zweiten Weltkriegs untertauchen, im Hinterhof der Rosenthaler Straße 39. Der Geschäftsmann Otto Weidt rettete jüdische Mitbürger vor der Deportation.
Inge Deutschkron, 90, in der Gedenkstätte der Blindenwerkstatt Otto Weidt am Hackeschen Markt. Hier konnte sie während des Zweiten...Foto: epd

Inge Deutschkron, Jahrgang 1922, war elf Jahre, als die Nazis an die Macht kamen. Ihre Erinnerungen an die Zeit sind präzise und erschütternd – wie sie als Jüdin plötzlich ausgegrenzt wurde, wie die Nazis ihren Vernichtungsfeldzug vorbereiteten. Wie der Terror anfing im Alltag. Wie Menschen verschwanden. Inge Deutschkron und ihre Mutter überlebten den Holocaust in Berlin, weil Freunde sie versteckten. Nach dem Krieg wurde sie Journalistin, arbeitete in Bonn als Korrespondentin einer israelischen Zeitung. 1972 emigrierte sie nach Israel. Ihre Lebensgeschichte schrieb sie in dem Buch „Ich trug den gelben Stern“ nieder. Das Grips-Theater entwickelte 1989 daraus das international erfolgreiche Stück „Ab heute heißt du Sara“, das bis heute auf dem Spielplan steht. Am Mittwoch sprach Inge Deutschkron im Bundestag. Wir dokumentieren ihre Rede.

Verehrte Damen und Herrn,

Dicht an dicht, so standen sie am Straßenrand in jener Nacht des 30. Januar 1933. Männer und Frauen, Junge und Alte. Und sie grüßten die vielen Hunderte, die in ihren khakifarbenen Uniformen mit dröhnendem Marschtritt durch das Brandenburger Tor in die Stadt einmarschierten – brennende Fackeln in ihren Händen. Die Massen am Straßenrand rissen ihre Arme hoch dem Himmel entgegen und schrien ihre Begeisterung hinaus über die Machtergreifung, wie die neuen Herren des Deutschen Reiches ihren auf demokratische Weise errungenen Wahlsieg bezeichneten. Und die marschierenden Kolonnen sangen ihre Lieder dazu: „Wenn's Judenblut vom Messer spritzt, dann geht's noch mal so gut“,war eines davon. War's nur ein Lied oder symbolischer Ausdruck ihrer Politik?

„Mein Kind, Du bist Jüdin.“ Meine Mutter setzte sich zu mir, wie so oft, wenn sie mir etwas Wichtiges mitteilen wollte. Es war wenige Tage, nachdem die NSDAP die Macht in Deutschland übernommen hatte. „Du gehörst nun zu einer Minderheit“, sagte sie mit fester Stimme. „Du musst den andern in Deiner Klasse zeigen, dass Du deshalb nicht geringer bist als sie.“ Sie wisse natürlich, dass ich das auch tun würde. Energischer werdend fügte sie hinzu: „Lass Dir nichts gefallen, wenn Dich jemand angreifen will. Wehr Dich!“ Ein Satz, der mein ganzes Leben bestimmen sollte…

 Doch, was war das, eine Jüdin? Ich fragte nicht danach… Irgendwie schien mir dies ein schwieriges Thema zu sein. Möglicherweise hatte es etwas mit Religion zu tun. Ein Fach, das in meiner Schule nicht gelehrt worden war und zu Hause keine Rolle spielte. Ich weiß auch heute nicht mehr, ob meine Mutter ihre Feststellung näher erläutert hatte. Ich weiß nur noch, dass ich sie nicht verstand.

 Hingegen wusste ich genau, wer die Nazis waren, was ihre Ziele und wer dieser Hitler war. Das hatte meine Mutter mir erklärt. Sie wollte, dass ich die Gründe für ihre vielen Aktivitäten verstand, die alle dem Kampf gegen die Nazis galten. Und dass dies dazu führte, dass sie mich immer öfter allein in der Obhut unserer Haushaltshilfe zu Hause lassen musste. Sie seien Sozialisten, hatte meine Mutter einmal beiläufig gesagt. Sie kämpften für den Sieg des Sozialismus in Deutschland, denn nur dann würde die Gleichberechtigung aller Menschen gewährleistet und eine weitere Judenfeindschaft ausgeschlossen sein.

Ausstellungen in ganz Berlin: 80 Jahre nach Hitlers Machtantritt
80 Jahre nach dem Machtantritt Adolf Hitlers startet Berlin mit hunderten Ausstellungen ins Themenjahr "Zerstörte Vielfalt"Weitere Bilder anzeigen
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29.01.2013 16:5880 Jahre nach dem Machtantritt Adolf Hitlers startet Berlin mit hunderten Ausstellungen ins Themenjahr "Zerstörte Vielfalt"

Oft konnte ich des Abends nicht einschlafen und horchte auf Tritte im Treppenhaus. Waren es die von Stiefeln, bekam ich Angst, es könnten die von SA-Männern sein, die kämen, um meinen Vater zu verhaften. Verhaftung – das Wort war mir bald nicht mehr fremd. Häufig wurden Menschen verhaftet, die aus ihrer gegnerischen Haltung zur „neuen Ordnung“ keinen Hehl gemacht hatten. Dann wurden sie in Folterkellern der SA gequält, irgendwo in Berlin. Das entnahm ich Gesprächsfetzen, die ich, an der Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters lauschend, aufschnappen konnte. „Ich musste auf allen Vieren wie ein Hund durch einen langen Gang kriechen, während SA-Männer mit Peitschen auf mich eindroschen.“

 Ich verschwieg meine Ängste. Es war das erste Mal, dass meine Mutter nicht mit mir über ihre Sorgen sprach. Ich spürte deutlich, dass sich unser Leben in den letzten Wochen verändert hatte. Es war ernster geworden… Bei uns wurde immer viel gelacht. Nun war man eher schweigsam, nachdenklich. So schien es mir, wenn wir drei am Mittagstisch saßen. Auf Fragen oder Berichte aus der Schule, auf die meine Mutter immer großen Wert gelegt hatte, erhielt ich, ganz entgegen früheren Gewohnheiten, nur spärlich Antwort. Obgleich ich die Einzelheiten und Zusammenhänge nicht kannte und auch nicht übersehen konnte, spürte ich deutlich die Spannung, die mein Elternhaus nun beherrschte.

 Doch auch die Atmosphäre der Stadt war verändert. Das Leben in den Straßen war lauter geworden, unfreundlicher. Lautsprecher verkündeten mit kreischender Stimme die unabänderliche Oberhoheit der neuen Machthaber und die große Chance, die dem deutschen Volk damit gegeben worden sei. Zeitungsverkäufer schrien die Schlagzeilen ihrer Zeitungen den potentiellen Käufern entgegen, auf dass sie die Gunst der Stunde richtig einschätzten. Litfasssäulen und Mauern waren verschandelt und mit Parolen der Partei beschmiert und weithin sichtbar. An manchen Sonntagen eilten Massen von Berlinern zu öffentlichen Plätzen, um die ersten zu sein, denen bekannte Schauspieler mit großen Kellen aus Gulaschkanonen im Namen der Partei einen Eintopf servierten. Ein Volksfest war's mit Trommeln, Trompeten und Querpfeifen zur Festigung der Bande zwischen einem begeisterten Volk und der NSDAP.

Nie zuvor und nie wieder habe ich meinen Vater so empört gesehen wie bei der Lektüre eines Briefs mit dem Stempel des 7. April 1933. Der Absender war das Provinzialschulkollegium. Er enthielt die Mitteilung, dass das erste von der neuen Reichsregierung erlassene Gesetz gegen ihre politischen Gegner und Juden auch gegen meinen Vater angewendet werden würde. Dieses Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums bestimmte die Entlassung all jener aus dem Staatsdienst, deren „politische Betätigung nicht die Gewähr dafür bietet, dass sie jederzeit rückhaltlos für den Nationalstaat eintreten würden“.

„Ich, der ich als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teilgenommen habe, dürfte wohl damit meine positive Einstellung zum Nationalstaat bewiesen haben“, antwortete mein Vater auf diesen Brief. Seine Empörung sprach deutlich aus seinen Worten. Einer Antwort seitens des Ministeriums wurde der Oberstudienrat Dr. Martin Deutschkron nicht mehr gewürdigt. Das Gesetz wurde erlassen und ausgeführt. Viele ehemalige Beamte und Angestellte führte dieses Gesetz in die Arbeitslosigkeit. Auch unser Budget musste drastisch gekürzt werden.

Mein Vater erzählte auch auf Aufforderung nur selten über seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg. Man merkte ihm an, dass es ihm schwer fiel, darüber zu sprechen, was damals an Grausamkeit nicht zu überbieten war. Es war die Schlacht von Verdun 1917, an der er teilgenommen hatte.

„Ich sehe es noch heute vor mir, wie eine Kugel meinen Kameraden traf.“ Für die Teilnahme an diesem Ersten Weltkrieg verlieh der Staat meinem Vater das Eiserne Kreuz. Er legte es in eine Schublade, getragen hat er es nie. Es verschwand auf mysteriöse Weise im Laufe unseres zerrissenen Lebens.

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