Ägypten und seine Altertümer : Pharao, hilf!

Zerrissene Nation, gefährdete Schätze: Ägyptens Kulturpolitik sucht Wege aus der Krise, etwa mit dem Bau des größten Museums der Welt. Denn das Land lebt von seinen Altertümern.

Stefan Schomann
Zu Füßen der Pyramiden soll das Grand Egyptian Museum das immense Erbe des Pharaonenreiches aufnehmen. Eine Simulation des Architekturbüros Heneghan Peng zeigt, sie das Gebäude aussehen soll.
Zu Füßen der Pyramiden soll das Grand Egyptian Museum das immense Erbe des Pharaonenreiches aufnehmen. Eine Simulation des...Foto: Archimation for heneghan peng architects.

Ein Thüringer war der erste, doch niemand weiß von seinen Abenteuern. In türkischer Verkleidung erkundete Johann Michael Wansleben 1673 das Tal der Könige – als erster Europäer seit der Antike. Nicht von ungefähr war er im Auftrag Ludwig XIV. unterwegs, des Sonnenkönigs, Frankreichs barockem Pharao. Keine andere Kultur repräsentiert so sehr das Faszinosum der Macht wie das alte Ägypten.

Das Ägypten von heute bietet ein gänzlich anderes Bild. Ein zerrissenes, verunsichertes, sich selbst nicht geheures Land. Die Umbrüche haben auch die Kulturpolitik erfasst, insbesondere die archäologischen Stätten und Sammlungen, über die ein eigenes Ministerium wacht. Das Land hängt auf Gedeih und Verderb vom Schicksal seiner Altertümer ab. Deren Erhaltung muss durch die Einnahmen aus dem Tourismus finanziert werden. Doch Ägyptens Fleischtöpfe sind leer. Die Zahl der Besucher ist seit der Revolte von 2011 um die Hälfte gesunken, die Einnahmen der Museen gingen gar um 95 Prozent zurück. Entsprechend groß ist der Leidensdruck; das Land kann sein überreiches Erbe kaum mehr zusammenhalten. Zugleich knüpfen sich eben daran die verwegensten Hoffnungen. Pharao, hilf!

Kein Ort veranschaulicht die Magie wie die Misere der Altertümer so frappierend wie die Baustelle des Grand Egyptian Museum am Fuß der Pyramiden. Es soll die Nachfolge des altehrwürdigen Museums in Kairo antreten und wurde noch in den fetten Jahren begonnen. Damals glaubte man, zumindest einen Teil der horrenden Kosten selbst finanzieren zu können. Das irisch-amerikanische Architektenteam Heneghan Peng, das auch ein Büro in Berlin unterhält, trug unter 1500 Einreichungen den Sieg davon. Das Büro hat den Bau als Schleuse in eine andere Zeit konzipiert. „Viele Touristen werden nur zwei Stunden haben, um drei Jahrtausende zu besuchen. Durch den umgebenden Garten, die gestaffelten Zugänge und den Sichtkontakt mit den Pyramiden versuchen wir, sie langsam mit dieser großartigen Zivilisation vertraut zu machen“, erklärt Róisín Heneghan.

Im Jahr 2018 soll das neue Weltwunder seine Tore öffnen

Mit einer Milliarde Euro handelt es sich um das größte Bauvorhaben der Welt, und selbstredend soll es auch das größte Museum der Welt werden. Solch prahlerische Superlative sind typisch für Schwellenländer mit ihrer Mischung aus Größenwahn und Minderwertigkeitsgefühl. Im Falle Ägyptens kann man sich freilich auf das Vermächtnis der Pharaonen berufen. „Wir bauen hier die Pyramide der Moderne“, erklärt Tarek Tawfik, seit kurzem Generaldirektor des Prestigeprojekts. Es ist der begehrteste und zugleich gefürchtetste Posten, den die Ägyptologie weltweit zu vergeben hat. Denn so gewaltig die Träume der Macher, so gewaltig sind auch die Schwierigkeiten.

Ja, wenn es denn schon stünde! Wenn es seine Bestimmung als kulturelle Wunderwaffe schon erfüllen würde, als Musentempel der Menschheit, zu dem jeder Erdenbürger einmal im Leben gepilgert sein muss. Bei 15 000 Besuchern am Tag würden die Einnahmen nur so sprudeln.

Doch seit dem Sturz Mubaraks haben die Bauarbeiten weitgehend geruht, erst jetzt kommen sie wieder in Gang. Ein Dutzend Kräne dreht sich in bedächtiger Choreografie, Kipplaster rangieren zwischen Betonwänden, behelmte Bauingenieure streifen über das Gelände. 2018 soll das neue Weltwunder seine Tore öffnen – Inschallah. Bereits fertiggestellt sind die Depots, Verwaltungsgebäude und Restaurierungswerkstätten – die modernsten der Welt, versteht sich, jedes europäische Museum schielt sehnsüchtig dorthin. Von der Öffentlichkeit unbemerkt, sind 16 000 Objekte bereits umgezogen, darunter auch jene Schätze des Tutenchamun, die bisher in den Magazinen des alten Hauses lagerten. In der Quarantänekammer werden sie von Pilzen befreit, und im Papyruslabor entrollen die Restauratoren mit angehaltenem Atem Weihesprüche, die den Königen vor drei Jahrtausenden als Flaschenpost fürs Jenseits beigegeben wurden.

Tawfik, vor 43 Jahren in Gizeh zur Welt gekommen, hat in Bonn studiert; seine Mutter ist Deutsche. Er spricht von Ägyptens Schätzen mit der gleichen Leidenschaft wie ein Pyromane vom Feuer. Und wirkt dabei ausgesprochen optimistisch. Wenn man noch 700 Millionen Euro braucht, fällt es vielleicht gar nicht schwer, Zuversicht zu verbreiten.

Zumal er einen Partner an der Hand hat, der für märchenhaften Reichtum bürgt: Tutenchamun. „Er wird der große Magnet“, verrät Tawfik, dem legendären altägyptischen König allein werden 7000 Quadratmeter eingeräumt. Erstmals soll Howard Carters kompletter Grabfund präsentiert werden. Pate dafür steht jene Schau mit originalgetreuen Reproduktionen des Pharaonenhorts, die seit einigen Jahren um die Welt tourt, entwickelt von einem deutschen Team. Sie verbindet den Mythos des Pharaos mit der packenden Story seiner Entdeckung im Jahr 1922.

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