Andrzej Wirth zum 90. : Berlins letzter Dandy

Andrzej Wirth sammelt Weltgeschichten in seiner Charlottenburger Wohnung. Jetzt wird der polnisch-amerikanisch-deutsche Vermittler und intellektuelle Entertainer 90.

von
Auftritt im Altbau. Andrzej Wirth vor dem „Porträt A. W. vor dem Charlottenburger Schloss“ von Edda Grossman.
Auftritt im Altbau. Andrzej Wirth vor dem „Porträt A. W. vor dem Charlottenburger Schloss“ von Edda Grossman.Foto: Mike Wolff

Nach seinem langen Weg durch die Weltgeschichte, die nicht nur Theater war, bedarf er inzwischen der Gehhilfe – ob am Arm schöner jüngerer Damen, dazu gestützt auf seinen smarten Silberknaufstock, oder auch hinter dem Rollator. Einem verblüffend schicken Teil, das sich im Abglanz seines Herrn in eine Art Fußgänger-Bentley zu verwandeln scheint.

Andrzej Wirth, der an diesem Montag 90 Jahre alt wird, ist seit dem Tod von Nicolaus Sombart Berlins letzter Dandy. Begegnet man ihm, neben den genannten Accessoires mit wehendem Seidenschal, roten Golfschuhen oder schwarzweißem Lederwerk wie aus einem Hollywood-Nostalgiemovie angetan, im Café, auf dem Markt oder im Theater und fragt den alten Freund nach seinem Befinden, antwortet er schon mal mit einem Witz aus der ehemaligen Heimat: „Ein jüdischer Kaufmann wird in einem Wald in Polen von Räubern überfallen und niedergestochen. Als man ihn findet und wissen will, ob ihm seine Wunden in Brust und Unterleib wehtun, erwidert der ausgeraubte Jude: Nur, wenn ich lache.“

Die Pointe findet sich übrigens auch in George Taboris jüdisch-christlich-universeller Oster-Komödie „Goldberg-Variationen“, wo Jesus am Kreuz nach dem Lanzenstich durch den römischen Legionär, zu seinen Schmerzen befragt, die nämliche Antwort gibt. Bei Andrzej Wirth erfährt man die Quelle. Wie man im Gespräch mit ihm immer wieder durch kultur- und zeithistorische Kulissen blickt.

Kuppler für Max Frisch

Nachdem auf der jüngsten Berlinale Volker Schlöndorffs „Rückkehr nach Montauk“ Premiere hatte und wir über den Film und Max Frischs berühmte „Montauk“-Novelle sprechen, erzählt Andrzej Wirth, dass eigentlich er hinter der ganzen Geschichte stecke.

Als Student der Philosophie und Literatur hat er im Nachkriegspolen über Brecht promoviert und, zum Teil mit seinem etwas älteren Freund Marcel Reich-Ranicki, Kafkas „Schloss“, Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“, den frühen Günter Grass und eben auch Max Frisch ins Polnische übersetzt. Geboren auf einem Landgut im Dreiländereck zwischen Ostpolen, Weißrussland und der Ukraine, nahe dem späteren NS-Vernichtungslager Sobibor, hatte der junge Andrzej mit 17 Jahren 1944 schon am Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer teilgenommen, danach den Stalinismus überlebt.

Im Tauwetter nach Stalins Tod war er unter anderem Redakteur der legendären Zeitschrift „Nowa Kultura“ und entkam der neuen stalinistischen Eiszeit durch ein Stipendium in den Westen. Dort lehrte Wirth als Gastprofessor in Amherst, New York, Stanford und auch an der Berliner TU; er gehörte durch seine Verbindung zu Grass und Frisch alsbald zur Gruppe 47, deren Auslandstreffen er in Princeton, mit dem aufsehenerregenden ersten Revoluzzer-Auftritt von Peter Handke, mit organisiert hat. Und „Montauk“?

„Die Liebesgeschichte im Mai 1974, die Max Frisch dann in seiner Erzählung beschreibt, war die Affäre mit meiner Studentin Alice, die im Buch zu Lynn wurde. Ich machte in New York gerade ein Seminar über deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Als ich hörte, dass Max zu Lesungen kommen würde, habe ich ihn in mein Seminar eingeladen, und Alice hat ihn dann auch im Auftrag seines New Yorker Verlags betreut. So ist es passiert. Love happens.“

Er ist überhaupt ein großer Vermittler, als polnisch-amerikanisch-deutscher Professor mit Verbindungen von Venedig bis Venice/California ein wirklicher Kosmopolit. Vergleichbar nur mit dem 2001 in Santa Monica verstorbenen Landsmann Jan Kott, der mit seinen Büchern als Exilpole alle Welt lehrte, Shakespeare neu zu verstehen. Wirth hat seinerseits die polnische (Theater-)Avantgarde von Witkiewicz und Gombrowicz bis Jerzy Grotowski mit in den Westen gebracht und seinen Freund Robert Wilson auf dem Weg zum Weltstar den Deutschen erklärt: indem er etwa bei der legendären Berliner Schaubühnen-Aufführung von „Death, Destruction & Detroit“ das Geheimnis der zwischen Gefängnis und Maschinenwelt changierenden Szenen als Wilsons Parabel über den Hitler-Intimus Albert Speer entschlüsselte.

Eine Wohnung mit Geschichte

Besucht man ihn in seiner weitläufigen Charlottenburger Altbauwohnung, stößt man überall auf seine Geschichte. Schon im Flur einige Handskizzen und Widmungsdrucke von Günter Grass, beispielsweise ein paar tanzende Nonnen von 1957. Mit diesen frühen Bildern habe Grass ein Jahr später seine erste Reise von Paris, wo er als Unbekannter an der „Blechtrommel“ schrieb, nach Deutschland zur ersten Lesung bei der Gruppe 47 finanziert. Oder an der Tür zum Wohnzimmer, das großformatige Zeichnungen von Wilson schmückt, zwei polnische Theaterplakate. Eines von der Warschauer Inszenierung des „Besuchs der alten Dame“. Zur Dürrenmatt-Übersetzung gemeinsam mit seinem Freund Reich-Ranicki, meint Wirth mit fein ironischem Lächeln und slawo-amerikanischem Akzent: „Marcels Deutsch war damals besser als meines, aber mein Polnisch besser als seins!“

Das andere Plakat gilt der polnischen Version von Peter Weiss’ „Marat/Sade“. Wirth hat Weiss früh ins Polnische übertragen, und was kaum jemand weiß: Für die Uraufführung im Berliner Schillertheater im April 1964 hatte Wirth den genialen, früh verstorbenen Regisseur Konrad Swinarski aus Polen empfohlen. Mit dessen bejubelter Inszenierung wurde Peter Weiss’ Drama dann zum Welterfolg.

In Wirths Wohnung hängt wie ein Theaterkostüm auch die Weltkriegsuniform seines Vaters, der Mitglied der polnischen Exilregierung in London war und als Offizier der polnischen Legion mit den Amerikanern 1943/44 unter anderem bei der Schlacht um Monte Cassino Italien von den Deutschen zurückeroberte. Als der Vater als Mitbefreier in seiner Uniform auch durch Siena lief, hielten ihn die Passanten tatsächlich für einen Schauspieler. „Der war mein Vater auf seine Weise. Er ist bei Beginn des Krieges aus einem deutschen Gefangenenlager nachts im Gewand einer Nonne entkommen!“

Daran erinnert den Sohn nun die Skizze von Günter Grass. Und Andrzej Wirth, der Freund der Frauen und Künste, blieb selbst ein Spieler. Mit komödiantischem wie intellektuellem Vergnügen hat er als Gründer der „Angewandten Theaterwissenschaft“ einst in Gießen die deutsche Theaterausbildungsszene revolutioniert. Seine Schüler sind unter anderem René Pollesch, die Köpfe von Rimini Protokoll, She She Pop und der Dramatiker Moritz Rinke. Erreicht haben sie alle etwas, auf unterschiedlichen Bühnen.

Noch heute sagt Rinke: „Ich habe Andrzej Wirths Dekonstruktionsdiskurse zwar nie verstanden, aber er war ein grandioser Anreger, wie keiner sonst.“ Nun möge er noch lange leben, als Freund, Gentleman und Genius!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben