Anthropologische Revolution : Warum Silvio Berlusconi noch alle Affären überlebt hat

Obwohl der politische "Berlusconismus" an der Person des italienischen Ministerpräsidenten hängt, ist damit die Ära Berlusconi noch längst nicht vorbei. Ein Blick in Italiens Seele.

Cesare Lievi
Old Boy calls Girl. Silvio Berlusconi, der Cavaliere, im Amt. Foto: AFP
Old Boy calls Girl. Silvio Berlusconi, der Cavaliere, im Amt.Foto: AFP

Nun gibt es die – vom Gericht noch nicht zugelassene – Anklage der Mailänder Staatsanwaltschaft wegen Amtsmissbrauch und Begünstigung einer minderjährigen Prostituierten („Ruby“). Es gibt zudem wachsende öffentliche Proteste, so bei einem Kongress der Bürgervereinigung „Libertà e Giustizia“ („Freiheit und Gerechtigkeit“), auf dem jüngst in Mailand die Schriftsteller Umberto Eco und Roberto Saviano gegen Berlusconi gesprochen haben. Auch sammelt sich eine Bewegung des „Anti-Berlusconismo“ mit lila (viola) T-Shirts, sie nennt sich „Il popolo viola“; und auf Straßen und Plätzen protestieren Frauen, jede mit einer sciarpa bianca, einem weißen Schal als Zeichen der Würde und Trauer, um gegen das verhurte Frauen-Bild des Macho-Berlusconismo zu protestieren. Am kommenden Sonntag wollen sie landesweit auf die Straße gehen, andere Frauen schlagen dazu ihre Kochtöpfe, um gegen den „Cavaliere“ zu trommeln. Es ist ein später, eher sentimentalischer Protest.

Der Protest von Tausenden, das schon. Aber Italien hat 60 Millionen Einwohner. Im Ausland, in Deutschland würde man jetzt mit Blick auf Rom gerne von „ägyptischen Vorzeichen“ sprechen. Zumal es wie eine Ironie der Hintertreppe wirkt, dass Berlusconi bei seinem Anruf in der Mailänder Polizeistation die dort festgenommene Signorina Karima el-Maroughs (alias Ruby) als „Nichte von Präsident Mubarak“ bezeichnet hatte. Das mag als Pointe etwas für deutsche Kommentatoren oder Kabarettisten sein, doch in Italien sehen diese Pointe nicht einmal Berlusconis Kritiker. Weil Berlusconi kein Mubarak und noch immer ein demokratisch gewählter Regierungschef ist. Italiener möchten im Übrigen nicht mit Ägypten verglichen werden.

Darum entspringt es nur wishful thinking, wenn man bereits vom „kommenden Aufstand“ gegen Berlusconi spricht. Italien ist geteilt, schon seit langem: Die Hälfte der Bevölkerung ist für, die andere Hälfte gegen Berlusconi. Die Mehrheit ist sich nur in einem einig: dass die politische Klasse insgesamt vor den realen Problemen des Landes versagt, auch die Linke. In der Misere aber gilt Berlusconi noch immer als stärkste politische Kraft. Weil die Opposition weder personell noch konzeptionell eine überzeugende Alternative bietet. Es gibt nicht einmal einen neuen Romano Prodi, der jünger, charismatischer, entschlossener wäre als Berlusconis alter und letzter Gegenspieler von Format. Seinen abtrünnigen Ex-Verbündeten Fini, der sich zuletzt als Alternative aufzubauen versuchte, hat Berlusconi bereits demontiert.

Jetzt demonstrieren zwar einige Frauen. Doch es waren vor allem Italiens Frauen, die Berlusconi bisher gewählt haben, trotz allem. Und die in den 70er Jahren so prominente feministische Bewegung ist in Italien heute fast tot. Vielleicht geschieht nun ein Erweckungswunder, aber bei seinen Wählern wirklich geschadet haben Berlusconi die ganzen Sex-Affären nicht. Berlusconi hat sich nur gekauft, was viele Männer sich gerne leisten würden, in allen politischen Lagern (oder was sie sich mit Geld oder Macht auf allen Ebenen ohnehin leisten).

Italien feiert Berlusconis Rücktritt
12.11.2011: Rund um Berlusconis Privatvilla Grazioli versammelt sich die Masse mit Fahnen und feierte den Rücktritt des Ministerpräsidenten. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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12.11.2011 21:4512.11.2011: Rund um Berlusconis Privatvilla Grazioli versammelt sich die Masse mit Fahnen und feierte den Rücktritt des...

Eine moralische Gegenmacht gegen die soziale und politische Prostitution könnte nur die Kirche sein, doch auch die ist moralisch angeschlagen. Und der Vatikan, dem Berlusconi vor allem bei der Bezahlung der katholischen Schulen entgegengekommt, schweigt offiziell. Er wird sich – unter einem deutschen Papst – in die italienische Politik nicht einmischen.

Es ist für ein Land auch nicht gut, wenn seine demokratische Erneuerung nur mithilfe der Justiz oder der Kirche erwartet wird. Kirche und Justiz gehören nicht in die Politik, und Berlusconis Argument, es gebe eine gegen ihn politisierte Justiz, ist nicht ganz falsch – selbst wenn man dankbar ist, dass Verfassungsrichter die Gesetze der Regierung überprüfen und bei allzu eklatanten Verstößen gegen rechtsstaatliche Prinzipien kassieren.

Eine demokratische Erneuerung könnte allein aus der Gesellschaft selbst kommen. Nicht aus der seit Jahren immergleichen politischen Klasse. Eigentlich spricht schon die wirtschaftliche Lage für einen entschiedenen Wechsel. Wir haben die höchste Staatsverschuldung der EU, höher als Griechenland, die Einkommen sinken, und die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast 30 Prozent. Die „italienische Krankheit“ ist jedoch etwas anderes.

Die italienische Seele ist tief verwundet. Man kann es überall beobachten. Im Grunde sind die Italiener ein freundliches, auf Harmonie bedachtes Volk. Stattdessen grassieren heute: Nervosität, Gereiztheit, Aggressivität, alles ist Konkurrenzkampf, es geht ums Geld, ums Materielle und einen oberflächlichen vulgären Egoismus, den Berlusconi selber am besten verkörpert. Pier Paolo Pasolini hatte es einst vorausgesagt: Nicht der Kommunismus, nicht der Katholizismus sei Italiens Gefahr, sondern der Konsumismus.

Das ist die Welt, die Berlusconis Medien tagtäglich erschaffen und als einzige widerspiegeln. Wer in Italien 30 ist oder jünger, der hat im Fernsehen und in Großteilen der politisch-gesellschaftlichen Öffentlichkeit fast nichts anderes mehr erlebt als diese berlusconische Leitkultur. Es ist eine quasi anthropologische Revolution, die Italiens Mentalität in über 15 Jahren geprägt und verändert hat.

Eine Vulgarisierung, deren Folge auch eine Kulturpolitik ist, die in Rom die Zuschüsse an die Regionen und Kommunen um 40 Prozent gekürzt hat. Pompeji verfällt nun weiter, die Mailänder Scala oder das Piccolo Teatro haben keine Produktionsetats mehr, ich selber kann als Theaterintendant in Udine nur froh sein, dass die Region Friaul autonom ist (wie Südtirol oder Sizilien) und die Kultur nicht materiell abhängt von der Politik in Rom.

Die italienische Erbsünde war, dass kein Gesetz die Vereinigung der größten Medienmacht mit der politischen Macht rechtzeitig verhindert hat. Nun muss sich die in ihrem Gemeinsinn ohnehin schwach entwickelte Zivilgesellschaft Italiens aus eigener Kraft von ihrer entmündigenden Fixierung auf Berlusconi befreien. Selbst die politische Opposition, selbst die Demonstranten auf der Straße spielen ja noch Berlusconis Spiel, indem sie immer nur auf ihn reagieren; jeder Protest wirkt inzwischen wie ein bedingter Reflex, ist allein auf die Person des Allmächtigen fixiert. Alle Kritik an Berlusconi wirkt wie gebannt durch seine Person, es gibt keine Perspektive über ihn hinaus. Das lässt auch die Waffen der Kritik abstumpfen, ein Grund mehr, weshalb Berlusconi seine Skandale so wenig geschadet haben. Dieser Mechanismus ist für ausländische Beobachter schwer zu verstehen. Aber so genial, so fatal funktioniert das System Silvio B.

Cesare Lievi (59), ist Schriftsteller, Theater- und Opernregisseur, er hat am Wiener Burgtheater, an der Berliner Schaubühne, an der Mailänder Scala und an der Met in New York inszeniert. Seit dieser Spielzeit ist er Intendant in Udine. Sein Beitrag wurde aufgezeichnet von Peter von Becker.

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