Antikenstreit : Hochsensibel: Wenn Archäologie zum Politikum wird

Jedes Frühjahr, wenn die Grabungslizenzen erteilt werden, ernten deutsche Archäologen in der Türkei harsche Kritik. Das hat meist politische Gründe, ebenso wie die Rückgabeforderungen an Berlins Staatliche Museen, die Kulturminister Ömer Celik jetzt erhebt.

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Den Torso der Statue "Alter Fischer aus Aphrodisias" hatte der spätere Direktor der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, Theodor Wiegand, den Torso im Kunsthandel in Smyrna/Izmir erworben. Er ist Eigentum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die türkische Regierung fordert ihn nun zurück, auf Grundlage von Dokumenten in osmanischen Archiven.
Den Torso der Statue "Alter Fischer aus Aphrodisias" hatte der spätere Direktor der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu...Foto: Staatliche Museen/Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Neue Besen kehren gut: Nach diesem Motto knöpft sich der türkische Kulturminister Ömer Celik die deutschen Archäologen im Land vor. Der 44-Jährige ist erst seit Januar im Amt und bemüht sich, die aggressive Vorgehensweise seines Vorgängers Ertugrul Günay bei der Frage türkischer Kulturgüter fortzusetzen. Der Hintergrund: offenbar das Bemühen, Kunstschätze für das geplante neue Museum für Anatolische Kulturen in Ankara zu sammeln, das 2003 eröffnet werden soll, zum 100. Geburtstag der Republik. Celiks jetzige Kritik am Verhalten deutscher Forscher rührt auch daher, dass im Frühjahr turnusgemäß über die Verlängerung der Grabungslizenzen für ausländische Archäologen gesprochen wird. Eine hochsensible Sache, bei der das gestärkte national-kulturelle Selbstbewusstsein und die Internationalität archäologischen Expertentums in Widerstreit geraten. Aber auch eine gute Gelegenheit für den Hausherrn, Kritik an angeblichen Fehlleistungen der Gäste loszuwerden.

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Gute Zusammenarbeit mit den türkischen Behörden: Blick auf die Grabung des Instituts für Altorientalistik und des Instituts für Vorderasiatische Archäologie der Freien Universität in Oymaagac Hüyük in der nördlichen Zentraltürkei. Die Berliner Archäologen pflegen einen guten Kontakt zu den Bewohnern des Dorfes. Das Dorf hat ihnen eine alte Schule als Grabungshaus zur Verfügung gestellt, das die Berliner nach Beendigung der Arbeiten als regionales Museum zur Grabung ausbauen wollen. In der Grabung zu sehen: Projektleiter Rainer Czichon.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Nerik-Projekt
10.03.2013 17:45Gute Zusammenarbeit mit den türkischen Behörden: Blick auf die Grabung des Instituts für Altorientalistik und des Instituts für...

Ähnlich hatte die Zeitung „Hürriyet“ schon im Frühjahr 2012 eine Kampagne gegen den angesehenen deutschen Archäologen Klaus Schmidt angezettelt, der im südostanatolischen Göbeklitepe die mit 10 000 Jahren älteste bekannte Tempelanlage der Welt ausgräbt. Den Deutschen warf man nicht nur mangelnde Sicherheitsmaßnahmen vor – dort wurde eine wertvolle Stele gestohlen –, sondern unterstellte auch, sie seien wohl selbst die Diebe. Was die „Hürriyet“ verschwieg, ebenso wie jetzt Kulturminister Celik: Das Deutsche Archäologische Institut zahlte 70 000 Euro für den Verlust der Statue. Und im Vorjahr, 2011, hatte Ankara damit gedroht, den Deutschen die Grabungslizenz für die alte Hethiter-Hauptstadt Hattuscha zu entziehen – prompt konnte die Türkei die Rückkehr der Sphinx von Hattuscha aus Berlin erwirken.

Deutsche Archäologen forschten und forschen an zahlreichen Orten in der Türkei, in Pergamon und Milet, Hattuscha oder auch in Oinoanda, wo mit der philosophischen Dionysos-Inschrift die größte Inschrift der antiken Welt gefunden wurde. In Aizanoi, einer römischen Stadt in Phrygien, in der das Deutsche Archäologische Institut mit Unterbrechungen seit den 1920er Jahren forscht und gräbt, wurde die Grabungslizenz 2011 entzogen. Ein Überblick über bisherige und aktuelle deutsche Forschungsprojekte in der Türkei findet sich auf der Website des Instituts: www.dainst.org. Dessen Leitung will sich zu Celiks im "Spiegel"-Interview erhobenen harschen Vorwürfen derzeit nicht äußern: Archäologie und Politik - die Sache ist wie gesagt hochsensibel.

Gleichzeitig fordert der Kulturminister von Berlins Staatlichen Museen nun fünf antike Schätze zurück (siehe Tagesspiegel. vom 11.3.) . Über drei der reklamierten Objekte hatte Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bereits im Dezember in einem "Spiegel"-Interview gesagt, sie seien legal nach Berlin gekommen. Der Kenotaphaufsatz aus Konya wurde dem Museum für Islamische Kunst 1906 als Schenkung übereignet, der Sarkophag des 1396 gestorbenen Scheichs Mülhak Haci Ibrahim Veli befindet sich derzeit im Depot des Museums. Er besteht aus sechs zusammengefügten Einzelteilen mit teils erheblichen Brandspuren, das Objekt ist nach Auskunft der Preußen-Stiftung in sehr fragilem Zustand. Bei der Gebetsnische aus Konya (um 1270) handelt es sich um eine Rekonstruktion mit 122 Originalfragmenten, die 1908/09 aus dem Kunsthandel in Istanbul und Paris erworben wurde. Andere Fragmente befinden sich in Museen in London, Paris und Istanbul. Den Torso des „Alten Fischers aus Aphrodisias“ hatte der spätere Direktor der Antikensammlung, Theodor Wiegand, 1904 im Kunsthandelt in Smyrna/Izmir für Berlin erworben.

Was die neu zurückgeforderten Artefakte betrifft, einen Fensterflügel aus Konya und Iznik-Kacheln aus einer Istanbuler Moschee, will die Stiftung deren Erwerbungsumstände nun prüfen.

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