Architektur-Biennale Venedig : Ende der Eitelkeit

Graswurzelinitiativen, Handwerk, Materialität: Dank David Chipperfield besinnt sich die Architektur in Venedig endlich wieder auf das Wesentliche.

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QR-Codes. Der Russe Sergej Tchoban stellt die Planungen für die Satellitenstadt Skolkovo vor. Sie sind nur per iPad zu lesen.
QR-Codes. Der Russe Sergej Tchoban stellt die Planungen für die Satellitenstadt Skolkovo vor. Sie sind nur per iPad zu lesen.Foto: dpa

Der Holzboden steigt beinahe unmerklich zur Gegenseite hin an. Über den grau verputzten Wänden wölbt sich eine unvollständige Decke. Ein Brummton erfüllt den Raum, eine der Wände vibriert. Ist das noch der klassisch geformte Saal, der er zu sein scheint? Stehen wir noch auf sicherem Grund?

Was der polnische Beitrag zur 13. Architektur-Biennale von Venedig – eben mit einem „Sonderpreis“ der hochkarätigen Jury gewürdigt – auf subtile Weise vorführt, ist eine Anspielung auf das Thema, das der Künstlerische Direktor, David Chipperfield, vorgegeben hat: „Common Ground“, verstanden als die „gemeinsame Grundlage“, auf der die Profession der Architekten steht oder auf die sie sich verständigen könnte und sollte. Der Londoner Weltbürger Chipperfield, der Ruf und Ruhm der Präzision und exzellenten Handwerklichkeit seiner Projekte verdankt, ruft seinen Berufsstand nach Jahren des Starrummels zur Ordnung, zur Selbstbesinnung. Und er wird erhört.

Es liegt eine pädagogische Atmosphäre über dieser Biennale, bisweilen auch political correctness. Weniger im allgemeinen Teil dieser Multi-Ausstellung, den Chipperfield verantwortet, als bei manchen der insgesamt 55 nationalen Beiträge, die längst nicht mehr alle in eigenen Länderpavillons in den Giardini Platz finden. Interessanterweise ist das seit Jahrzehnten totgesagte Modell der nationalen (Konkurrenz-)Beiträge lebendiger als je zuvor, und erneut konnte Biennale-Präsident Paolo Baratta, ein überaus ernsthafter Amtsinhaber auf dieser lange Zeit von politischer Ränke vergifteten Position, vier Erstteilnehmer vermelden, darunter Angola und Kuwait.

Der deutsche Beitrag, erarbeitet von Muck Petzet und gestaltet von Konstantin Grcic (beide München), fordert ressourcenschonenden Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz unter dem Begriffstrio „Reduce/Reuse/Recycle“: also weniger verbrauchen, das Vorhandene weiterverwenden und materielle Umformung von Abfall. Das alles wird aber ohne jede sozialreformerische Komponente betrachtet. Im Unterschied dazu rücken die Franzosen die Banlieue als unterschätzte Lebenswelt ins Licht. Der US-Pavillon feiert in einer farbenfrohen Installation Hunderte von Selbsthilfeprojekten im Umfeld problematischer Stadtviertel und erhält ebenfalls einen der Sonderpreise. Die Briten führen Architekturbüros vor, die im Ausland hinzugelernt haben, und die Schweiz, berühmt für ihre minimalistisch strenge Gestaltung, predigt geradezu das Bauen als demütiges Einpassen in den vorhandenen Kontext. Und Japan zeigt erneut, wie bereits nach dem Erdbeben von Kobe 1995, ein Wiederaufbauvorhaben: Nach dem Tsunami vom März 2011 zeigt der japanische Pavillon in winzigen Modellen einfache Holzbauten vor einprägsamen Großfotos der leergeräumten Siedlungsflächen. Solcherart Bauhandwerk im Dienste der Allgemeinheit wurde denn gestern auch mit dem „Goldenen Löwen“ für den besten nationalen Beitrag belohnt.

Die Fototapete ist das untrügliche Zeichen eines neuen Realitätsbewusstseins, das Gegenteil jener Computeranimationen, die lange als Vorboten architektonischer Großtaten en vogue waren. Der Fortschrittsoptimismus ist in die Vergangenheitsform gerutscht, so im Pavillon Brasiliens, das an Lucio Costas Planung von Brasilia erinnert, und noch stärker im italienischen Beitrag, der dem 1960 verstorbenen Adriano Olivetti gewidmet ist, dem legendären Padrone des Büromaschinenkonzerns. Er formte Olivetti in den fünfziger Jahren zum Musterbetrieb sozialer Arbeitsverhältnisse – und zu einem Pionier des corporate design einschließlich der Architektur der Industriestadt Ivrea.

Es ist jedoch, abgesehen von dieser spezifisch italienischen Rückerinnerung, nicht Nostalgie, die die Biennale bestimmt, sondern eben: Ernsthaftigkeit. Schluss mit eitler Selbstbespiegelung. Würdigung der „Architektur ohne Architekten“, der Graswurzelinitiativen, des Handwerks, der Materialität allen Bauens. Zur Demonstration hat Chipperfield in die Halle der Corderie von südindischen Handwerkern ein Gebäude aus Ziegeln, Terrakotta und Recyclingmaterial mauern und wölben lassen – als Beispiel für den „common ground zwischen importierten Techniken und lokalen Traditionen“, wie der Katalog erläutert.

Zum gemeinsamen Fundament zumindest der europäischen Architektur, auf die sich Chipperfield konzentriert, zählt für ihn die Renaissance. Da hat er den genius loci für sich – Palladios Villa Rotonda bei Vicenza im venezianischen Hinterland, die das Büro FAT in einem verkleinerten Modell als Beispiel für unendlich oft kopierte und variierte Architektur vorstellt; und Venedigs wundersame Renaissance- Kirche Santa Maria die Miracoli von 1489, die der Berliner TU-Kunsthistoriker Wolfgang Wolters, profunder Kenner der Baugeschichte Venedigs, als eines seiner Denkmalrettungsprojekte vorstellt.

Ein wenig berlinlastig ist der allgemeine Biennale-Teil, man bemerkt Hans Kollhoff, Manfred Ortner, Kühn Malvezzi. Man sieht Fotografien der Düsseldorfer Schule, Candida Höfer und Thomas Struth, der mit seinen Bildern gewöhnlicher Bauten, Straßen, Städte das Leitmotiv bebildert. „Wir Architekten haben unser Interesse auf besondere Bauten gelenkt, auf Opernhäuser oder Museen“, sagte Chipperfield zur Eröffnung, „dabei haben wir die Aufgabe vernachlässigt, Wohnhäuser, Schulen und dergleichen zu entwerfen, die 99 Prozent unserer gebauten Umgebung ausmachen.“ Da ist viel Wahres dran. Chipperfield hatte nach seiner Berufung kurz vor Jahresende 2011 acht Monate Zeit, um Mitstreiter zu Beiträgen zu begeistern. Es spricht für den unaufgeregten Engländer, dass ihm das nicht nur mit alten Bekannten gelungen ist, sondern dass er ebenso Antipoden gewonnen hat wie Zaha Hadid oder Norman Foster.

Und Hitech findet ebenfalls seine Advokaten: Den russischen Pavillon füllt der Petersburg-Berliner Sergej Tchoban mit seiner Planung für die Moskauer Satellitenstadt Skolkovo. Die ist aber nicht zu sehen. Zu sehen sind QR-Codes im Großformat, die sich zu einem Gewölbe formen und die mit einem iPad gelesen werden müssen, will man etwas über dieses Reißbrettstädtchen erfahren. Auch dieser Beitrag bekam von der um Ausgewogenheit bemühten Jury einen Sonderpreis.

Den Goldenen Löwen für den besten Beitrag in Chipperfields internationaler Ausstellung jedoch erhielt der fröhlichste – und unmittelbar nützlichste: das (fiktive) venezolanische Allerweltslokal „Gran Horizonte“. Die Gruppe Urban Think Tank hat sich mit einem 45-stöckigen Hochhaus in Caracas beschäftigt, das unvollendet blieb und durch Hausbesetzer zu einem „vertikalen Slum“ wurde, ein „Symbol für das neoliberale Versagen und die Selbstermächtigung der Armen“, wie der informative Katalog beschreibt. Leuchtreklamen und südamerikanische Rhythmen locken am Ende der Corderie. Architektur beginnt mit der Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse, das ist allemal einen Goldenen Löwen wert. David Chipperfield kriegt ihn eines Tages sowieso, den fürs Lebenswerk, das ist nach dieser eindrucksvollen Biennale sicher.

Venedig, Giardini, Arsenale und zahlreiche Außenstellen, bis 25. November. Di-So 10-18 Uhr. Katalog 45 €.

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