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Armin Rohde : "Ich fügte mir Stammesnarben zu"

10.01.2010 00:20 UhrVon Interview: Anna Kemper
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Armin Rohde. - Foto: dpa

Als Teenager presste er sich glühende Eisen in die Haut, um seine Herkunft zu zeigen. Armin Rohde über seine Liebe zum Ruhrgebiet und Picknicks auf der Autobahn

Armin Rohde, 54, Sohn eines Bergmanns, gehört zur ersten Riege der deutschen Schauspieler. Er spielte u.a. in „Schtonk“ und „Das Wunder von Lengede“. Am 18.1. liest er im Berliner Ensemble aus seinem Buch: „Größenwahn und Lampenfieber – die Wahrheit über Schauspieler“ (Rowohlt). Rohde lebt in Bochum.



Herr Rohde, ich habe Sie schon einmal nackt gesehen. Aus acht Metern Entfernung.

Nee! Wo denn?

Im Bochumer Schauspielhaus, zweite Reihe. Ich war zwölf, meine Mutter hielt mir die Augen zu.

So schlimm? Das muss meine Rolle als Mackie Messer in der Dreigroschenoper gewesen sein, da hatte ich eine wirklich sehr lange Nacktszene.

Bochum war Ihr erstes Engagement nach der Schauspielschule. Viele Ihrer Ensemblekollegen von damals haben wie Sie beim Film Karriere gemacht: Joachim Król, Dietmar Bär, Peter Lohmeyer ...

... wir wollten alle richtig gute erfolgreiche Schauspieler sein. (Eine Kellnerin bringt Kaffee.) Bei meiner Diät darf ich um die Frühstückszeit rum noch Kaffee trinken. Den Keks da darf ich allerdings nicht mal sehen! Ich habe gerade Heinrich George gespielt und mich auf 108 Kilo raufgefuttert, ich habe alles gefressen, was rumstand oder rumlag.

War Heinrich George nicht noch schwerer?

Ja, aber bei 108 war für mich Schluss: Sie machen sich einen Schuh zu und brauchen zehn Minuten Pause, bis Sie den zweiten in Angriff nehmen können. Zudem habe ich gerade den Kommissar Erichsen für eine Folge der „Nachtschicht“-Reihe im ZDF gespielt, da musste ich nachts runter in die Kanalisation, um verstümmelte Frauenleichen zu finden, das wäre mit 108 Kilo nicht so gut gegangen. Aber wo waren wir stehen geblieben?

Schauspielhaus Bochum, Mitte der 80er Jahre.

Wir fühlten uns wie junge, begnadete Künstler. Natürlich haben wir damals auch gekifft, gesoffen und unüberschaubare Mädchengeschichten gehabt, der Beruf stand aber immer im Mittelpunkt, alles andere zählte nicht wirklich. Das hat sich im Grunde nie geändert bei mir, und bei den meisten meiner Kollegen von damals wohl auch nicht.

Rohde, Król, Lohmeyer, Bär – Sie alle sind Kinder des Ruhrgebiets, bis heute verbindet man Ihre Namen mit der Region. Aber Sie sind der Einzige, der noch dort wohnt. Hat es Sie nie weggezogen?

Na klar! Ich habe mal fast in Berlin eine Wohnung gemietet, das Wohnzimmer war so groß wie eine Turnhalle! 24 Stunden vor Vertragsabschluss habe ich dann aber doch in Bochum mein Haus gefunden: ein Reihenhaus, 1926 für einen Kraftwerksdirektor gebaut. Ausgerechnet für einen Kraftwerksdirektor!

Einer, der Energie erzeugt.

Das gefällt mir, es passt irgendwie. Ich habe das Haus zwar umgebaut, aber man erkennt, dass es nicht in der Toskana steht, sondern im Ruhrgebiet. Im Saunabereich habe ich eine Ecke der Wand aufgestemmt wie einen Schacht, da ist der rohe Ziegel zu sehen, und am Fuße dieses Schachts liegen große Kohlebrocken. Als Bild für meine Herkunft.

Wie haben Sie das Haus gefunden?

Über den Tante-Emma-Laden bei mir um die Ecke. Elli Altegoer schmeißt den Laden mit ihrer Mannschaft, sie ist das Zentralgestirn in Bochum-Ehrenfeld und hat jedem erzählt, dass ich was suche. Bei Elli gibt es Bonbons, Zeitschriften und was man so zum Leben braucht. Solange sie da ist, wird in Ehrenfeld keiner vergessen in der Wohnung liegen. Sie steht um drei auf, fährt zum Großmarkt, um sechs schmiert sie den Zeitungsausträgern höchstpersönlich die Brötchen. Ihr Laden müsste subventioniert werden, als Kulturzentrum. Für mich ist Elli eine Symbolfigur des Ruhrgebiets.

Warum?

Der Zusammenhalt, für den sie steht, hat die Region geschaffen. Bergmann war ja damals der Beruf, in dem die meisten arbeiteten, wie mein Vater. Die Bergleute wussten, wie hart das tägliche Brot verdient war, und dass es nur geht, wenn man sich hilft. Das verkörpert Elli. An dieser Stelle würde ich gerne darauf hinweisen, dass ihr Laden an der Königsallee Ecke Farnstraße liegt, stadtauswärts Richtung Stiepel rechter Hand.

Das Ruhrgebiet ist Kulturhauptstadt Europas 2010, gerade wird der Auftakt groß gefeiert. Was würden Sie Besuchern von Ihrer Heimat zeigen?

Auf jeden Fall Ellis Laden. Und den Rhein-Herne-Kanal, in den bin ich total verknallt: Da fahre ich gern mit der Harley lang, vorbei am Gasometer in Oberhausen und am Schloss Oberhausen, in dem Kunstausstellungen stattfinden.

Was könnte jemand aus, sagen wir: Heidelberg, denn sehenswert finden an dieser Gegend?

Das Ruhrgebiet ist irrsinnig schön. Und grün! Wenn ich jemanden an einem Knick der Ruhr absetzen würde und raten ließe, wo er ist – der würde eher auf Kanada oder Tasmanien tippen als auf das Ruhrgebiet. Bei dieser Mischung aus Laubenpiepersiedlungen, Wald und verfallender Industrie, wo Birken und Farne allmählich durch rostige Zahnräder wachsen, geht mir das Herz auf.

Erklären Sie uns den Reiz verfallender Industrie?

Sie hat eine ganz eigene Poesie. Industriebauten sahen früher fast wie Kathedralen oder Schlösser aus. An vielen Zechensiedlungen sieht man, dass es Firmenbesitzer gab, die für die Arbeiter sorgten, nachdem der schlimmste Manchesterkapitalismus vorbei war: Da kam Licht in die Räume, die sanitären Einrichtungen waren gut, hinterm Haus lagen kleine Gärten. Der Gedanke der sozialen Verantwortung des Unternehmers war mehr als nur ein Sonntagsspruch. Wo finde ich den denn heute noch?

Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet ist es fast zynisch, den Verfall zu romantisieren.

Ich romantisiere ja nicht, ich betrachte. Ich sehe auch die Probleme. Opel ist in Gefahr, Nokia ist weggegangen, ich habe Angst um jeden Einzelhändler: Wenn einer dichtmacht, kommt da so eine Ramschrampe rein, die verkaufen ein halbes Jahr lang, bis all das Zeug weg ist – aber die empfinden keine Zuständigkeit für die Innenstadt wie ein klassischer Kaufmann, der notfalls auch den Dreck vor der Tür wegkehrt, wie es zum Beispiel für einen türkischen Händler selbstverständlich ist. Da habe ich schon Angst um meine Stadt.

Ärgert es Sie, wenn Ministerpräsident Jürgen Rüttgers von der CDU sich als Arbeiterführer stilisiert?

Ich nehme ihn in dieser Rolle nicht ernst. Von mir aus kann er sich drei Helme auf einmal aufsetzen! Es ist eben seine Show als Held der Arbeit.

Haben Sie sich gefreut, als das Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt gekürt wurde?

Schon, aber einige Aktionen sind doch recht ausgedacht und hilflos.

Zum Beispiel?

Im Juli wird die A 43 zwischen Dortmund und Duisburg gesperrt, damit tausende Menschen dort picknicken können. Der kulturbildende Sinn dieses Planes erschließt sich mir nicht. Wer da sitzt, kann bis zur nächsten Kurve gucken, vom monumentalen Gesamtbild kriegt er nix mit. Ich glaube auch nicht, dass irgendeine vierköpfige Familie sich gedacht hat: Mensch, ich würde so gerne mal mit 500 000 Leuten auf der Autobahn frühstücken! Je nachdem, wo der gebuchte Tisch steht, ist ein Anmarsch von bis zu acht Kilometern fällig, mit Picknickkorb und müde plärrenden Kindern im Schlepp.

Machen Sie einen Gegenvorschlag.

Ich finde das Wort Nachhaltigkeit blöd, aber in diesem Zusammenhang würde ich es benutzen. So ein Picknick ist nicht nachhaltig, es ist als singuläres Ereignis sinnlos und eine Wiederholung würde wegen der Verkehrsbehinderung einen Bürgerkrieg auslösen. Nehmen wir den Rhein-Herne-Kanal: Man könnte in den Industriebauten Ateliers einrichten, kleine Kneipen, daneben Spielplätze – so würde sein Ufer zu einer fantasievollen Kulturlandschaft. Das wäre nachhaltig. Mir ist allerdings nicht klar, wo in diesen knappen Zeiten das Geld für diese Zukunftsinvestition herkommen soll.

Mittlerweile gibt es modische Taschen aus Bergmannskleidung oder T-Shirts mit dem „U“ der Dortmunder Union-Brauerei. Ist es verlogen, wenn Akademikerkinder, die längst nicht mehr in der Region wohnen, damit in Berlin rumlaufen?

Nein, das ist ein sympathischer Versuch, Identität zu finden und zu vermitteln. Die sagen: Ich bin ein Ruhrpottmensch. Das finde ich überhaupt nicht daneben.

Sie wählten in Ihrer Jugend martialischere Zeichen: Sie pressten sich glühende Eisen in die Unterarme.

Nachdem ich die Schule abgebrochen hatte, arbeitete ich in einer Fabrik, die Hammerköpfe und Meißel herstellte. Ich wollte mir Stammesnarben zufügen: „Ich bin vom Stamme derer, die ihr Geld mit Arbeit an heißem Eisen verdienen.“

Sind die Narben noch zu sehen?

Mal schauen ... vielleicht dieser blasse Strich hier, und der daneben. Ich nahm mit einer Zange einen glühend heißen Meißel mit breitem Blatt, es machte kurz zschschsch – sehr schmerzhaft. Heute würde ich das nicht mehr machen, aber in dem Alter war das Teil meiner Identitätssuche.

Die Väter von Joachim Król und Sönke Wortmann haben unter Tage gearbeitet, genau wie Ihrer. Redet man darüber, wenn man zusammen dreht?

Na klar haben wir kurz drüber gesprochen, und ich habe bei beiden das Gefühl, dass sie wie ich stolz darauf sind.

Wann haben Sie begriffen, wie hart die Arbeit Ihres Vaters war?

Als er längst kein Bergmann mehr war, sind wir in einer Zeche runtergefahren. Er zeigte mir den Presslufthammer, der manchmal sogar einhändig bedient wurde. Ich hätte das keine Viertelstunde ausgehalten. Diese Arbeit, tagein, tagaus, ohne die Aussicht, dass der Lohn jemals für mehr als das Notwendige reicht ... In unserer Bergmannssiedlung in Gladbeck saßen die alten Männer auf dem Balkon, einer von ihnen war der alte Hähnel. Der saß da sommers und winters und keuchte nach Luft. Der alte Hähnel war 44. 44! Steinlunge.

Ihre Eltern haben Sie immer in Ihrem Wunsch, Schauspieler zu werden, unterstützt.

Sie waren selbst sehr musisch. An den Händen haltend sangen sie uns zweistimmig in den Schlaf. Mein Vater war bei Festen gefragt, wenn es darum ging, Lieder und Gedichte zum Besten zu geben. Sie lebten mit der Seele von Künstlern das Leben von Arbeitern.

Sie haben einmal gesagt, Sie fühlten sich wie der Junge in „Spiel mir das Lied vom Tod“: Ihr Vater steht auf Ihren Schultern, den Strick um den Hals …

… und wenn ich zusammenbreche, ist das sein Ende. Ich muss es aushalten, dass ich quasi das ungelebte Leben meiner Eltern lebe. Bei der Premiere von „Das Wunder von Lengede“ saßen meine Eltern im Publikum. Meine Mutter war stolz, weil sie Kleidergröße 38 tragen konnte – aber nur deswegen, weil der Krebs sie so dünn gemacht hatte! Christian Wulff hielt eine Rede, er erwähnte lobend meinen Bruder Uwe, der auch mitgespielt hatte, und mich. Meine Eltern schwebten mindestens zwei Handbreit über den Sitzen, wie von einem goldenen Schein umgeben. Dass meine Mama das noch erleben durfte, finde ich grandios.

Seit Ihrer Jugend, schreiben Sie in Ihrem Buch, machen Sie sich Gedanken über die Vergänglichkeit.

Mein Lieblingsonkel Erwin starb mit 28 an einem Herzfehler. Da war ich so zehn, elf Jahre alt. Es hieß immer, ich sähe aus wie er. Also habe ich Angst gehabt vor meinem 28. Geburtstag. Wenn Brust oder Bauch schmerzten, dachte ich: Ich werde sterben. Während meine Freunde Fußball spielten, kletterte ich in die Spitze meines Lieblingsbaums und weinte um meinen Onkel, Winnetou und Nscho-tschi – das konnte ich als Kind in meiner Gefühlswelt nicht auseinanderhalten.

Als Sie 20 waren, beging Ihr bester Freund Selbstmord.


Wir hörten Leonard Cohen, und wenn wir nachts durch Wuppertal zogen und in einem Haus Licht brannte, fragten wir uns, welches Mädchen da noch Tagebuch schrieb... Bei mir war das poetische Melancholie, bei ihm lebensbedrohliche Traurigkeit. Und das habe ich nicht geschnallt. Ich fühlte mich schuldig, weil ich nicht gemerkt hatte, dass mit ihm etwas nicht stimmte.

Hat Sie das sensibler gemacht in Ihrem Blick auf Ihre Freunde?

Schon. Aber als Schauspieler ist man ein hochtrainierter Egozentriker. Mitzukriegen, dass andere Schwierigkeiten haben, fällt mir nicht immer leicht. Dann merke ich plötzlich: Oh Gott, meine Süße ist seit Tagen krank! Und ich war mit Textlernen beschäftigt. Das ist furchtbar. Aber ich spüre seit meiner früher Jugend, dass das, was wir Leben nennen, ein vorübergehendes Geschenk ist.

Wie haben Sie den Tod Ihrer Mutter erlebt?

Wenn ein Elternteil stirbt, wird eine Art Schutzmauer eingerissen: Die feindlichen Horden Tod und Krankheit haben jetzt leichteren Zugang zu mir. Aber ich habe gemerkt, gerade im Sterben meiner Mama, dass der Tod seinen Schrecken verliert, wenn man ihn anschaut. Dass man einiges lernt vom Tod und er einem sehr viel schenkt.

Was schenkt der Tod einem?

Die Erkenntnis, dass das Leben eine unglaubliche und wahrscheinlich einmalige Chance zwischen zwei Ewigkeiten ist. Man lebt mit mehr Mut, nimmt die Dinge nicht mehr so wichtig, wird weniger kränkbar.

Sie strahlen eine große Lebenslust aus. Liegt das an Ihrem Bewusstsein um die Vergänglichkeit?

Platon sagte: „Es ist alles Menschliche insgesamt des großen Ernstes nicht wert – trotzdem …“ Wir sind nicht wichtig. Das zu wissen, ist auch eine Erleichterung! Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich noch habe. Also verhalte ich mich so, dass ich denke: Mich dürfte es jeden Tag erwischen und ich hätte nichts zu bereuen.

In Ihr Auto haben Sie einen Tempomaten eingebaut. Fürs Leben wäre so eine automatische Geschwindigkeitsbegrenzung also nichts?

Es wäre mitunter nicht verkehrt, über eine Entscheidung zu schlafen oder nachzudenken, bevor ein Satz raussprudelt. Der Unterschied ist: Der Motor eines Autos begehrt nicht auf gegen eine solche Drosselung. Doch mein Motor würde sich wehren. Ich bin verdammt noch mal so, wie ich bin.

Herr Rohde, als junger Mann sind Sie zum Buddhismus übergetreten, um eine Frau zu beeindrucken. Seitdem tragen Sie einen buddhistischen Namen ...

... Karma Geleg Palsang.

Kennen Sie seine Bedeutung?

„Der mit seinen Taten stets glücklich unterwegs ist.“ Von daher: Call me Karma Geleg Palsang! Glückauf.

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