Arztromane in der Literatur : Irre gut

Rainald Goetz' machte in seinem Klassiker "Irre" die Medizin zum Romanstoff. Daran mangelt es in der deutschen Literatur. Kristof Magnusson startet mit "Arztroman" einen neuen Versuch - in "Dr. House"-Manier.

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Ärzte auf der Bühne bei der Uraufführung von Rainald Goetz' "Irre" in Hannover .
Ärzte auf der Bühne bei der Uraufführung von Rainald Goetz' "Irre" in Hannover .Foto: dpa

Als vor über 30 Jahren Rainald Goetz’ Roman „Irre“ erschien, muss das für manchen jungen, der Literatur zugewandten Menschen eine einzige Erlösung gewesen sein: Da erzählt mal jemand von uns! Wie es uns im Nachtleben und bestimmten Subkultur-Nischen so ergeht! Und dann diese Raserei, dieser Sound, und all das formal wie inhaltlich so sympathisch anders als die ganze Koeppen-Lenz-Walser-Grass-Böll-Literatur! Mir ging das jedenfalls so, ein paar Jahre später zwar erst, und ein Übriges tat dazu auch die Lektüre anderer Bücher wie Joachim Lottmanns Roman „Mai, Juni, Juli“, der „Rawums“-Anthologie oder Thomas Meineckes „Mit der Kirche ums Dorf“.

Das Ungewöhnliche, Besondere war zudem – und ist es heute noch –, dass „Irre“ wie kein zweiter Roman authentisch die Psychiatrie der frühen achtziger Jahre abbildet und präzise den Klinikalltag beschreibt, nicht zuletzt aus der Sicht des ärztlichen Personals. Auch grandios: der Zwiespalt, in dem das Ich dieses Romans sich befindet, denkt es doch des Öfteren daran, „die ganze Medizin, diesen Qualberuf von sich abzuhacken wie einen aus einer Warze herausgetriebenen und immer noch weiter karzinomgleich destruktiv wuchernden zweiten Kopf“.

Identifikation, Baby!

In den folgenden Jahren fiel mir auf, dass sich „Irre“ mit seinem leuchtend lilafarbenen Einband in vielen Haushalten angehender Mediziner fand, und zwar nicht nur in den mit Literatur sowieso gut sortierten, sondern auch in solchen, deren Bücherregale nur mit Fachliteratur und ein paar Schmökern ausgestattet waren. Warum bloß? Vor allem natürlich wegen der Psychiatrie-Passagen des Romans, vielleicht auch wegen des selbstquälerischen Erzählers – aber wohl kaum wegen des pop- und subkulturellen Zugangs. Sich selbst darin finden, Identifikation, Baby!, wie man früher so sagte, den Romanstoff mit der eigenen Mediziner- oder schon Ärzte-Realität abgleichen, darum ging es vielen „Irre“–Lesern sicher.

Dieser Goetz-Roman ist ein Solitär, man könnte auch sagen: ein Klassiker der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Allein bezüglich des Stoffs ist ihm nichts Vergleichbares mehr gefolgt. Die Medizin als Romanstoff, Ärzte, Ärztinnen als Romanhelden? Ihr Leben und Denken, auch jenseits der Psychiatrie? Doch, in Spuren oder am Rande kommt all das immer mal vor, man denke an Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ oder Annette Pehnts „Haus der Schildkröten“, an Ulla Berkéwicz’  „Überlebnis“ und David Wagners „Leben“, an Tilo Prückners Roman „Willi Merkatz wird verlassen“ oder Jan Faktors Buch „Schornstein“. Es sind dies dann aber zumeist mehr Krankengeschichten als Ärztegeschichten.

"Arztroman": Ein bisschen "Dr. House"

Die hier angedeutete Fehlanzeige wird umso deutlicher, wenn es, wie im kommenden Spätsommer, tatsächlich mal einen expliziten Arztroman gibt und dieser überdies genau so heißt: „Arztroman“. Er stammt aus der Feder von Kristof Magnusson und erzählt laut Klappentext „aus dem Alltag einer Notärztin und gleichzeitig aus dem gesellschaftlichen Alltag ihrer Patienten“, aus dem Alltag einer Notärztin am Berliner Urban-Krankenhaus, um genau zu sein. Magnusson hat, wie es scheint, gut recherchiert, da ist von „Hebungen im ST-Bereich“ die Rede, vom Einsatz von „ASS und Heparin“ bei einem „Myokardinfarkt“, von „Zugängen“, die „gelegt“ werden müssen, von „Fentanyl“ oder der „Arteria carotis externa“. Diese präzise medizinische Ausdrucksweise weist darauf hin, dass der „Arztroman“ mehr „Emergency Room“ oder „Dr. House“ ist als „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“ oder irgendeine beknackte deutsche Krankenhausserie. Will heißen: Wenn es um Medizin geht, stimmt hier alles.

Kristof Magnusson ist nun literarisch von einem anderen Kaliber als Rainald Goetz.  Er bevorzugt, wie er in seinen bisherigen Romanen „Das war ich nicht“ und „Zuhause“ gezeigt hat, das unterhaltende Element; schon die Wahl des Titels zeugt davon, dass er keine Angst davor hat, in die falsche Gesellschaft von Arzt-Heftchenromanen zu geraten. Im Gegenteil: Der Titel spielt bewusst mit dieser Assoziation. Ob dieser „Arztroman“ aber in 30 Jahren genau wie der von Goetz so strahlend allein in der Literaturlandschaft herumsteht? Oder wird er gar Schule machen?

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