Ausstellung: Deutsche Spuren in Tanger : Als die Fugger nach Marokko kamen

Die marokkanische Stadt Tanger war schon lange vor dem Ersten Weltkrieg ein Sehnsuchtsort, an den es viele Deutsche verschlagen hatte. Eine Ausstellung beleuchtet dieses vergessene Kapitel deutsch-marokkanischer Geschichte.

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Postkarte der kaiserliche Gesandtschaft in Tanger aus der Sammlung Tischleder.
Tor zum Maghreb: Postkarte der kaiserliche Gesandtschaft in Tanger aus der Sammlung Tischleder.Foto: Slg. Tischleder

Die Ankunft mit einem Dampfschiff für Viehtransporte war vielleicht nicht gerade das, was sich der erste Gesandte des Deutschen Reiches vorgestellt hatte, als er 1873 seinen Dienst in der marokkanischen Hafenstadt am Kreuzpunkt der Kulturen antrat. Friedrich von Gülich war aber nicht der erste Deutsche in Tanger. Schon 1864 wurde Otto Wenzel, genannt Sidi Binzel, der erste Leuchtturmwärter am Kap Spartel, das den Weg durch die Straße von Gibraltar weist.

Ein anderer Deutscher, Otto Wilhelm Tietjen, wurde 1884 Kanzler an der kaiserlichen Gesandtschaft in Tanger. Sein Sohn, Heinz Tietjen, in Tanger geboren, wurde ein bedeutender Musiker, der von 1925 bis 1945 an der Staatsoper Berlin wirkte. Das sind nur einige Beispiele für „Deutsche Spuren in Tanger und Marokko“, denen die Botschaft des Königreichs in Berlin eine ungewöhnliche Ausstellung in ihrem Kulturzentrum gewidmet hat. Auf 68 Bildtafeln hat Hans Tischleder, Leiter des Kulturzentrums der Deutsch-Marokkanischen Gesellschaft Nord in Tanger, viele Fotos, Postkarten, Dokumente und Bilder zu den Deutschen in Tanger gesammelt. Mit kurzen Kommentaren versehen, geben diese Tafeln mit zahlreichen Fotos Einblick in das Leben der kleinen deutschen Kolonie.

Als die Fugger und Welser nach Marokko kamen

In Deutschland sind vielleicht der Besuch des Kaisers 1905 und die Marokkokrise mit dem berühmten Pantersprung nach Agadir im Gedächtnis, als das Deutsche Reich im Wettstreit um den Einfluss in Nordafrika den Franzosen in die Parade fahren wollte, was misslang. Weniger bekannt dürfte sein, dass die Deutschen schon früher nach Marokko gekommen waren, um sich hier niederzulassen und Handel zu treiben. Die ersten waren die Fugger und Welser 1506 bei Saafi.

Es folgten Forschungsreisende wie Gerhard Rohlfs und Oskar Lenz. Otto Stoecker eröffnete in Tanger die effizienteste Poststation außerhalb des Deutschen Reiches. 1909 wurde eine Deutsche Schule eingerichtet und zwei Jahre zuvor die einflussreiche „Deutsche Marokko-Zeitung“ gegründet.

Es gab auch nationalistische Kräfte, die den Kolonialgedanken propagierten, aber der Erste Weltkrieg machte der deutschen Präsenz ein jähes Ende. Die Deutschen wurden in Algerien interniert und das Eigentum konfisziert. Zu größeren Kontakten zwischen Marokkanern und Deutschen ist es damals nicht gekommen, auch die Deutschen hielten sich für die überlegene Nation und wetteiferten mit den anderen Europäern um Einfluss.

Sehnsuchtsort Tanger

Die Stadt Tanger, nach dem Zweiten Weltkrieg Sehnsuchtsort so vieler Künstler und Schriftsteller aus den USA und Europa, plant nun, dieses vergessene Kapitel deutsch-marokkanischer Geschichte – neben vielen anderen – in einem zu gründenden Museum „Tanger Metropole“ auszustellen. Diese kleine Ausstellung, die schon in der Nationalbibliothek in Rabat gezeigt wurde, ist ein erster Baustein dazu. Mehr über diese Periode erfährt man in der Monografie „Die Marokko-Deutschen 1873–1918“, die der Erfurter Historiker Gunther Mai, der auch diese Ausstellung beraten hat, im vergangenen Jahr veröffentlicht hat.

Kulturzentrum der Botschaft des Königreichs Marokko, Niederwallstr. 39, Montag bis Freitag, 9.30 - 16 Uhr, bis 20. Mai.

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