Ausstellung im Kollwitz-Museum : Weil du mich tröstest

Die holländische Bildhauerin Lotta Blokker stellt im Kollwitz-Museum zusammen mit ihrem Vorbild aus. Zwischen den Werken der Künstlerin entwickelt sich ein Dialog.

Lisa-Maria Röhling
Geistertanz. Lotta Blokkers „Pas de deux“, Porträt einer demenzkranken Frau aus dem Jahr 2008.
Geistertanz. Lotta Blokkers „Pas de deux“, Porträt einer demenzkranken Frau aus dem Jahr 2008.Foto: Lotta Blokker

Die Gesichtszüge des kleinen Jungen sehen fast lebendig aus, als käme er dem Betrachter entgegen. Seine Hände sind erhoben, er presst sie gegen eine unsichtbare Scheibe, der Blick geht in die Ferne. Die beeindruckende Figur ist eine Arbeit der Holländerin Lotta Blokker, von der insgesamt sieben Plastiken im Käthe-Kollwitz-Museum zu sehen sind. Sie setzt die neue Reihe der „Dialog“-Ausstellungen fort, bei der Künstler zweimal im Jahr eingeladen werden, sich dem Werk der großen Grafikerin und Bildhauerin zu nähern. Die Berliner Grafikerin Sabine Ostermann, die sich auf Linolschnitt spezialisiert hat, machte den Anfang.

Nun also eine Bildhauerin, die den zweiten Strang des Kollwitz’schen Schaffens aufgreift: die Skulptur. Und tatsächlich entwickelt sich ein Dialog zwischen den Werken der beiden Künstlerinnen. Kollwitz’ Œuvre erfährt eine Belebung, Lotta Blokkers höchst realistische Skulpturen gewinnen eine neue Perspektive. Sie bilden gewöhnliche Menschen in alltäglichen Situationen ab. „Secret“ (2012) zeigt ein eng umschlungenes Liebespaar. „Pas de deux“ (2008) führt eine alte Frau vor, die vollkommen entrückt mit sich alleine tanzt, ein unsichtbarer Partner führt sie über das Parkett. Blokker porträtiert hier eindringlich eine Demenzkranke, die sich zu einer inneren Melodie bewegt.

Auch die Skulptur des kleinen Jungen, der am Fenster steht, hat einen melancholischen Hintergrund. „Muted“ (2012) lautet ihr Titel und erinnert an die Schlaflosigkeit, unter der die 35-Jährige selbst als Kind litt. Das Werk wird zusammen mit Kollwitz’ „Selbstbildnis“ aus Bronze gezeigt. Fast scheint die Künstlerin das Kind zu bewachen. Die Verbindung beider Skulpturen erinnert an den tragischen Tod von Kollwitz’ Sohn Peter, der 1914 als Kriegsfreiwilliger mit 18 Jahren in Flandern fiel. Nach seinem Tod wählte sich die Künstlerin das Goethe-Zitat „Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden“ als Motto, sie selbst wurde zu einer engagierten Pazifistin.

Die Mutter-Kind-Beziehung nimmt in der Ausstellung einen besonderen Raum ein. Kollwitz’ Bronze-Pietà „Mutter mit totem Sohn“ von 1937 ruft den traumatischen Verlust des eigenen Kindes erneut in Erinnerung. Die Frau umfängt den Leichnam, als wollte sie ihn schützen. Ihr gesamter Körper umgibt die fragile Gestalt. Auf andere Art erzählt auch Blokkers Skulptur „It’s a boy“ (2014) davon, die zwei getrennte, aufrecht stehende Figuren zeigt. Der hochgewachsene Sohn scheint zu gehen, er kehrt den Kopf zur Seite, als wolle er noch einen Blick über die Schulter werfen. Hinter ihm steht die Mutter, in seinen Schatten getaucht. Ihre Augen sind geschlossen, die Arme hängen schlaff am Körper herab. Blokker beschreibt mit großer Einfühlsamkeit den Konflikt, sein Kind schützen und ihm gleichzeitig Freiheit lassen zu wollen. Mit „Hommage an Käthe Kollwitz“ (2009) bezieht sie sich offenkundig auf ihr Vorbild: Eine Mutter sitzt hinter ihrer Tochter und umschlingt das weinende Mädchen mit Armen und Beinen. Während bei Kollwitz die Mutter das Kind stets eng an sich drückt, wirkt dieser Schutz bei Blokker eher tröstend und unterstützend. Mutter und Tochter scheinen sanfter miteinander verbunden.

Für Lotta Blokker endet in Berlin eine Ausstellungstournee, die über Zwolle und Bad Frankenhausen nun ins Käthe-Kollwitz-Museum geführt hat, in die Dauerausstellung ihres Vorbilds. In gewisser Weise sind auf diese Weise auch Mutter und Tochter, eher noch Großmutter und Ur-Ur-Enkelin zusammengekommen.

Käthe-Kollwitz-Museum, Fasanenstraße 24, bis 1. 11.; täglich 11–18 Uhr.

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