Ausstellung zum Thema Zensur : Koreas übermalte Leerstellen

Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst zeigt eine Ausstellung zum Thema Zensur. Zum Auftakt der Schau klaffen Leerstellen, denn: einige der "verbotenen Bilder", haben es nicht bis nach Berlin geschafft.

Claudia Wahjudi
Sung-dam Hong vor dem Bild „Sewol Owol“.
Unglücksfähre: Sung-dam Hong vor dem Bild „Sewol Owol“.Foto: NGKB/Tsukasa Yajima

Was sind das für Bilder, die in Demokratien Verbote provozieren, heute, da drei Mausklicks genügen, um Fotos von Kriegsverbrechen oder von illegalen Sexpraktiken aufzurufen? Das muss nicht solch eine drastische Plastik von Ines Doujak sein, deretwegen im März das Museum Macba, Barcelona, beinahe eine Ausstellung abgesagt hätte, weil eine von Doujaks kopulierenden Figuren Ex-König Juan Carlos ähnelt. Es reicht ein Bild, das an das Fährunglück 2014 in Südkorea erinnert. Sung-dam Hongs zehn Meter langes Gemälde „Sewol Owol“ zeigt neben dem gesunkenen Schiff, Trauernden und Demonstranten auch Südkoreas Präsidentin Geun-hye Park, und zwar als Marionette des Militärs.

Hongs Gemälde sollte Mitte April in Kreuzberg eintreffen, wo die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) „Verbotene Bilder“ zeigt, eine Ausstellung zu Zensur in Japan, Taiwan und Südkorea mit Beiträgen von sechs ostasiatischen Künstlern. Doch das Bild ist nicht angekommen. Die koreanische Spedition, heißt es, habe aus inhaltlichen Gründen die Verschiffung kurzfristig abgesagt. Auch Gemälde des Teilnehmers Sunmu, die mit demselben Transport kommen sollten, sind ausgeblieben.

Leerstellen bilden den Auftakt der Schau

Die Lücken hat das Kuratorenteam zu nutzen gewusst: Leerstellen bilden den Auftakt der Schau. Sumnu hat auf eine weiße Wand, auf der weiße Lackfarbe die Flächen seiner fehlenden Bilder schimmern lässt, kleine Reproduktion seiner Gemälde gehängt: Sie zeigen nord- und südkoreanische Politiker in poppiger Eintracht. Hong dagegen hat direkt auf der Wand seine Bilder erneut gemalt. Jetzt zeigt „Sewol Owol“ statt bunter Menschenmassen ein apokalyptisch schwarzes Gewölk, aus dem nur die Präsidentin farbig aufleuchtet – und ein Hahn, Symboltier für Dummheit.

Von den aktuellen Fällen tastet sich die Ausstellung in die Vergangenheit vor. Katsuhisa Nakagakis kleiner Hügel aus Zeitungen, Flaggen und handgeschriebenen Texten kritisiert die Verehrung von Soldaten in Japan. Die filigranen Grafiken und Collagen der 95-jährigen Taeko Tomiyama rühren an Verdrängtes, etwa der Zwangsprostitution in Japan, deren Opfer euphemistisch „Trostmädchen“ heißen. Allerdings sind ihre Blätter zu dicht und zahlreich gehängt, als dass sie anrühren könnten – sie nivellieren sich gegenseitig. Einen gewaltigen Schlusspunkt aber setzt Chieh-jen Chens Film „Grenzen des Imperiums II“ von 2010, eine Elegie in Schwarz und Weiß, in der schweigende Alte buchstäblich schwer auf den Schultern der Jüngeren lasten.

Ausreiseverbot der Bilder

Die Ausstellung hat am 17. April, ein Jahr und einen Tag nach dem Sinken der Fähre „Sewol“ eröffnet, mit einer Trommeleinlage, zu der Sung-dam Hong und Freunde tanzten, und mit einer Aktion von Sunmu. In roter Farbe hat der Maler über die Leerstellen seiner fehlenden Bilder den Satz „Ich beneide dich nicht in der Welt“ geschrieben. Das heißt so viel wie „Ich bin zufrieden und kann loslassen“. Und tatsächlich hätte kaum etwas die Notwendigkeit der Ausstellung besser belegen können als das Ausreiseverbot der Bilder.

NGBK, Oranienstr. 25, Kreuzberg, bis 14.6., So–Mi 12–19, Do–Sa 12–20 Uhr

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